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Ausstellungen

Was bedeutet uns Gemeinschaft heute? Denkanstöße eines partizipativen Ausstellungszyklus im Kunsthaus Steffisburg 

Kollektiv Kollektiv ist ein junges Kuratorinnenkollektiv, das die Möglichkeiten partizipativen Ausstellens in einem dreiteiligen Ausstellungszyklus erprobt hat. Kune hat dieses Ausstellungsprojekt im Berner Oberland näher betrachtet, das im dritten Teil digital wird und so auch für uns in Tübingen in erreichbare Nähe rückt.

Das Ausstellungsprojekt, das das Zürcher Kollektiv Kollektiv für die Saison 2020/21 für das Kunsthaus Steffisburg entwickelt hat, beschäftigt sich mit der Frage nach Gemeinschaft. Was bedeutet Gemeinschaft, wie wird sie gestiftet und über welche Inhalte geschieht das? Welche Rolle kann Kunst dabei spielen? Dabei ist es besonders interessant, wie die Kuratorinnen vorgegangen sind. Für Kollektiv Kollektiv steht die Vermittlung von Kunst zentral in ihrer Arbeit: In den von ihnen geplanten Veranstaltungen entstehen die Ausstellungsinhalte erst durch das aktive Mitwirken der Menschen in und um den Ausstellungsort in Steffisburg. 

Kollektiv Kollektiv

Kollektiv Kollektiv ist der Name, den sich die drei Kuratorinnen Domenika Chandra, Anna Schiestl und Hanna G. Diedrichs gen. Thormann gegeben haben. Als Kollektiv haben sie sich für dieses Projekt beworben und arbeiten so erst seit kurzem zusammen. Die drei Frauen verbindet das Verständnis von Kuratieren und Vermitteln als Einheit und sie haben die Vision einer Ausstellungslandschaft mit mehr Partizipation, Diversität und Inklusion. Alle drei sind schon seit einiger Zeit im kulturellen Bereich tätig und bringen ihre Kompetenzen im Ausstellungsmachen in ihre Arbeit mit ein. Mit dem Projekt „Communitas“ erproben sie für sich als Kuratorinnen nicht nur neue Formen der Kollaboration und Gemeinschaft, sondern loten zugleich das gemeinschaftliche Potential einer Ausstellung aus. 

„Communitas“ als Begriff  bietet zwar einen unglaublich reichen theoretischen Hintergrund, aber die drei Kuratorinnen möchten hier keinen direkten Beitrag zu einem Theoriediskurs leisten. Sie interessiert, dass der Begriff „Communitas“ eher noch ein Fragezeichen für viele ist. Der Begriff ist durch das gleichnamige Buch von Paul und Percival Goodman mit diesem Titel stark von einem städtebaulichen Kontext geprägt [1947 publiziert]. Aus den Texten lässt sich ihr Interesse an dezentral organisierten Gemeinschaften ablesen. Das liegt auch für Kollektiv Kollektiv im Kern dieses Communitas Begriffs. So dreht sich in ihrem Projekt auch alles um das Schaffen von Gemeinschaft, aber eben einer, in der dem Individuum immer Raum eingeräumt wird. Denn Gemeinschaft ist ja nicht nur ein durchweg positiv besetzter Begriff wie Hanna im Interview einwirft. Er könne auch Angst auslösen, dass sich das Individuum in der Gruppe verliere. Gemeinschaft könne dann auch als Auslöschung des Individuums verstanden werden.

Das Setting

In ihrem Konzept ist der Ort ein wichtiger Akteur. Steffisburg ist eine kleine Gemeinde im schweizerischen Kanton Bern. Obwohl der Ort mittlerweile über 15 000 Einwohner*innen hat, bezeichnen diese ihn noch als Dorf. Seit einigen Jahren gibt es den Verein Kunsthaus Steffisburg, der kulturelle Anlässe im öffentlichen Raum schafft. Ein Anliegen des Vereins ist es, durch kulturelle Impulse Menschen dazu einzuladen, sich mit unbekannten Perspektiven und Inhalten auseinanderzusetzen. Der Verein will durch seine Aktivitäten auch Verbindungen zwischen dem urbanen und ländlichen Leben knüpfen. Das Kunsthaus Steffisburg bespielt mit seinem Programm Orte, die brachliegen oder leer stehen. Damit entsteht ein dynamischer Raum, der sich ins Dorfleben integriert. 

Das Bushaus

Ein rechteckiger, eher gedrungener Quader ist der hauptsächliche Schauplatz und das Zentrum des Ausstellungszyklus: Es handelt sich um ein Bushaus aus den späten 1950er Jahren. Die Architektursprache an sich ist schnörkellos und modern im Sinne des 20. Jahrhunderts. Sie steht in starkem Kontrast zu der Umgebung des Häuschens. Innen zeigen sich noch die Funktionen, die ein Bushaus erfüllen musste: Warteraum, Fahrkartenschalter, Cargo-Raum, Fahrradständer und öffentliche WCs gliedern das Haus. Seit 2013 werden die Räumlichkeiten für Kunstprojekte genutzt, seit 2018 durch den damals gegründeten Verein Kunsthaus Steffisburg

Der Ausstellungszyklus „Communitas“

Der Zyklus zielt darauf ab, durch zeitgenössische künstlerische Positionen und partizipative Elemente die persönlichen Lebenswelten der Besuchenden anzusprechen. Schon im ersten Teil des Zyklus „Communitas I: Keramikgeschichten“ wird sehr deutlich, wie umfassend das Kollektiv die Menschen ansprechen möchte. Ganz grundlegend greift die Ausstellung die lokale Töpferei-Tradition des Ortes auf und nutzt den Blick in die Vergangenheit als Anknüpfungspunkt. Seit dem 18. Jahrhundert gab es in Steffisburg zahlreiche Keramik- und Töpfereiwerkstätten, manche Familienbetriebe werden bis heute fortgeführt. Diese Wurzeln des Ortes wurden von Kollektiv Kollektiv genutzt, um ihr Publikum nach und nach in verschiedene Formen der Kunstbetrachtung und der Partizipation einzuführen. 

Mitmachen und Geschichte(n) schreiben

Schon im Vorfeld der Ausstellung wurden alle Steffisburger*innen eingeladen, eigene Keramiken in die Ausstellung einzubringen und ihren Bezug zu dem Objekt festzuhalten, zum Beispiel die damit verbundenen Erinnerungen oder die eigene Geschichte des Objektes zu teilen. Damit kam eine sehr diverse Sammlung zustande, an der man eine kleine Geschichte der Keramik hätte erzählen können.

Auf dieses wissenschaftliche Narrativ kam es den Kuratorinnen aber gar nicht an. Sie wollten Objekte, die eine besondere Bedeutung haben. Diese Bedeutung wurde aber nicht von ihnen zugeschrieben, sondern schon von den Teilnehmer*innen ganz subjektiv zugeteilt. Durch die Ausstellung kam ein Austausch unter den Einreichenden und im Publikum zustande, das Erzählen und Reden über Dinge rückte in den Vordergrund und der gemeinschaftsstiftende Aspekt der Keramik wurde so offengelegt. Bekanntes aus dem eigenen Haushalt wurde plötzlich ausstellungs- und diskussionswürdig. 

Netzwerke knüpfen durch Handwerk

Parallel zur Ausstellung fand auf dem Dorfplatz vor dem Bushaus ein Keramikworkshop statt, in dem 30 Teller entstanden. Drei Wochen später dienten sie einem Pasta-Festmahl auf eben jenem Platz. Nicht nur das Herstellen von Keramik beförderte einen gemeinschaftsstiftenden Prozess, sondern auch der Gebrauch der Keramik drei Wochen später mit ganz anderem Publikum. 

Als künstlerische Position hatten die Kuratorinnen die Künstlerin Victoria Assas eingeladen, die eine Keramik-Audio-Installation zeigte. Sie untersucht in ihrer Arbeit mit Hilfe von Audiotechnik die akustischen Eigenschaften von Keramik. Die von ihr gegossenen Keramikplatten sind zugleich Ursprung und Resonanzkörper von akustischen Signalen. Die Installation wird zum gemeinschaftlichen Hör- und Seherlebnis, bei dem man gemeinsam über Materialeigenschaften, Gebrauch und Gestaltung von Keramik nachdenkt. 

Alle drei Teile dieses ersten Projektes fragen auf verschiedene Arten was es heißt, eine Gemeinschaft zu sein:  Wann wird eine Gruppe zu einer Gemeinschaft, ohne dabei dem Individuum seinen Raum zu nehmen? Im Gegenteil führt erst die Wertschätzung der individuellen Beiträge zum Nachdenken über Gemeinsames. Das Ineinandergreifen der drei Teile, sowie das Ineinandergreifen von Form und Inhalt ist dabei wesentlich für die Ausstellungskonzeption. Es veranschaulicht, was das Kollektiv meint, wenn sie sagen, dass Vermittlung für sie zentral im Ausstellungsmachen ist. 

Weiterführende Informationen zur lokalen Keramik-Tradition, aktueller Keramik-Kunst, sowie die Möglichkeit für Besucher*innen ihre Inputs einzubringen, gab es an einer grossen Leinwand im Ausstellungsraum.
Keramik-Audio-Installation der Künstlerin Victoria Assas im Warteraum des Bushauses. © Kunsthaus Steffisburg

Communitas II: Körper und Bewegung

Während das erste Projekt den Blick in die Vergangenheit warf, um Beziehungen zwischen Menschen und zwischen Menschen und Objekten zu befragen, lag der Fokus im zweiten Projekt schon mehr auf dem Jetzt. Wieder über drei Teile mit unterschiedlichen partizipativen Elementen fragte das Kollektiv nun wo und in welcher Form soziale Interaktion und Begegnung im öffentlichen Raum stattfindet. Durch die Erfahrungen während der pandemischen Lage sensibilisiert gehen wir alle anders miteinander aber auch mit dem öffentlichem Raum um. Die Grenzen und Unterschiede von privatem und öffentlichem Raum wurden in den letzten Monaten sehr viel greifbarer. 

Auf künstlerischer Ebene untersucht z.B. Ronja Römmelt in ihrer Videoarbeit „In Gemeinschaft“ Nähe und Distanz in Gruppen. Die Performer*innen gehen mit geschlossenen Augen durch einen Raum und kommunizieren nur über einen konstanten Summton miteinander. Ein von Flüchtigkeit gezeichnetes Ballett entsteht, das unsere Begegnungen miteinander in Frage stellt. Die beiden Videoarbeiten „kitzeln“ und „lächeln“ fragen nach den Grenzen von Kommunikation und Kontakt anhand scheinbar simpler Handlungen. 

Durch alle Projekte hindurch gibt es Möglichkeiten für Interessierte, diese Auseinandersetzung mit der Gemeinschaft am eigenen Körper zu erfahren. Teilnehmer*innen konnten in Workshops und Performances die persönlichen Grenzen zu anderen Menschen ausloten oder dem Einfluss des öffentlichen Raumes und der uns umgebenden Architektur auf den eigenen Körper erfahren. Die Teilnehmer*innen eines „Silent Walks“ der Bewegungsforscherin Eleni Mylona sollten ihre Umgebung mit allen Sinnen wahrnehmen. Sie fragte sich, wie man sich in pandemischen Zeiten noch mit dem öffentlichen Raum auseinandersetzen kann. Die individuellen Wahrnehmungen werden wiederum miteinander geteilt, sodass die unterschiedlichen Perspektiven in die eigene Wahrnehmung einfließen können. 

Communitas III: Digitale Gemeinschaft

Im letzten und gerade aktuellen Teil regen die Kuratorinnen zum Nachdenken über die Möglichkeiten der digitalen Gemeinschaft an. Dabei greifen sie frühe utopische Formen des digitalen Zusammenseins auf und passen sie an die aktuellen Umstände an. Die Eröffnung des aktuellen Projekts ist am 6. November 2021 in Steffisburg. Mitmachen können nun potenziell Künstler*innen aus der ganzen Welt. Über einen Call entsteht eine digitale und internationale „Image Library“ zum Thema Gemeinschaft, die im Kunsthaus selbst in einer raumgreifenden Installation gezeigt werden wird. Der Call ist auf der Website des Kollektivs zu finden und weiterhin offen. 

Am 17. November 2021 um 19 Uhr findet auch ein Online Event statt, in dem die Auswirkungen der Pandemie auf die künstlerische Arbeit und Kollaboration diskutiert werden soll. Die Künstlerin Arpita Akhanda und das Künstlerduo Roger Wirz und Thomas Hüsler werden gemeinsam mit Kollektiv Kollektiv digitaler Gemeinschaft nachgehen. Das Gespräch findet in englischer Sprache statt. Anmeldungen unter:  kommunikation@kunsthaus-steffisburg.ch

Fundierte Überlegungen

Der Ausstellungszyklus arbeitet auf einer fundierten theoretischen Grundlage, bleibt aber von Anfang an nah an den Lebensrealitäten potenzieller Besucher*innen. Immer wieder bieten die Kuratorinnen Momente der Mitgestaltung an. Sie zeigen damit, dass es ihnen nicht auf ihre Sicht der Welt ankommt, sondern dass sie die Menschen einladen wollen, gemeinsam die Welt auf sinnliche, ästhetische oder künstlerische Art zu untersuchen und zu befragen. Was sie dazu bewegt hat, verraten sie uns in einem Interview, das ihr bald hier auf dem Blog lesen könnt.

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