Sonia Delaunay. Rythme Couleur. 1959/60, Öl auf Leinwand, 130 x 162 cm, Kunsthalle Bielefeld. Foto: Philipp Ottensdörfer © Pracusa Artisticas SA
Ausstellungen

zwischen system&intuition: Konkrete Künstlerinnen im Kunstmuseum Stuttgart

Macht Platz für die Künstlerinnen! Die Ausstellung „zwischen system&intuition: Konkrete Künstlerinnen” im Kunstmuseum Stuttgart legt einen weiteren Grundstein für die Auseinandersetzung mit Künstlerinnen im Kunstkanon

Konkrete Kunst schreckt im ersten Moment viele Kunstinteressierte ab: Reduzierte Formen und Farben, häufig beruhend auf mathematischen-geometrischen Grundlagen, deren Konstruktion im Kopf bereits fein säuberlich vollendet ist. Keine große Symbolik, kein großer Interpretationsspielraum. Doch warum soll man einem vollendeten Gedanken weniger Aufmerksamkeit schenken, als jenen, die vielleicht erst mit den Betrachter*innen ihre Vollendung finden? 

Wie die Ausstellung „zwischen system&intuition: Konkrete Künstlerinnen” im Kunstmuseum Stuttgart aktuell zeigt, kann Konkrete Kunst mehr als durchdachte nebeneinander platzierte Quadrate sein, wie wir sie von Künstlern wie Max Bill oder Josef Albers kennen.

Zwölf Konkrete Künstlerinnen

In der Ausstellung werden zwölf konkrete Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts vorgestellt, die den Großteil ihres Lebens in West- und Mitteleuropa verbracht haben. Gezeigt werden Werke von Sophie Tauber-Arp und Sonia Delaunay, deren Form- und Farbschematas in Schmuck- und Textildesigns aufgenommen wurden, Vera Molnar, die als Pionierin der Computerkunst gilt und konkrete Skulpturen der Brasilianierin Mary Vieira, die Bewegung widerspiegeln.

Diesen Arbeiten stehen natürlich trotzdem zahlreiche Gemälde gegenüber, die die verschiedenen Positionen von den 1920er bis zu den 1970er darstellen. Fast alle stammen aus der Sammlung Konkreter Kunst von Heinz und Anette Teufel, die seit 2009 Teil des Kunstmuseums Stuttgart ist. 

Auf den drei Etagen der Wechselausstellung werden die Werke anhand der Biografien der zwölf Künstlerinnen präsentiert. Im zweiten Raum der ersten Etage wird der Versuch unternommen zu erläutern, wie die Künstlerinnen aufgrund ihres Netzwerkes und des damaligen Galeriegeschehens mit der Region Stuttgart und zum Teil auch untereinander verbunden waren. Leider zieht sich dieser Gedanke nicht über diesen Raum hinaus, sodass die Ausstellung schlussendlich zwölf spannende Einzelpositionen skizziert.

Sonia Delaunay. Rythme Couleur. 1959/60, Öl auf Leinwand, 130 x 162 cm, Kunsthalle Bielefeld. Foto: Philipp Ottensdörfer © Pracusa Artisticas SA
Sonia Delaunay. Rythme Couleur. 1959/60, Öl auf Leinwand, 130 x 162 cm, Kunsthalle Bielefeld. Foto: Philipp Ottensdörfer © Pracusa Artisticas SA

Macht Platz für die Künstlerinnen!

In den letzten Jahren widmen sich zunehmend mehr Ausstellungen der Arbeit von Künstlerinnen des letzten Jahrhunderts. Es ist eine mühselige Arbeit für Kurator*innen den Kunstkanon zu hinterfragen und zu versuchen neue Anknüpfungspunkte zu finden, ja sogar die Kunstgeschichte umzuschreiben. Natürlich stellt sich dabei immer auch die Frage, ob es reicht, die unterschiedlichen weiblichen Positionen nebeneinander zu präsentieren. Wäre es nicht doch besser eine Ausstellung zu Konkreter Kunst zu machen und alle Positionen von Nicht-Weißen-Cis-Männern genauso neben der deren männlicher, weißen Kunst zu platzieren, um Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten, aber auch Entwicklungen des „neuen Kanons” gleichzeitig betrachten zu können!? Darüber hinaus sind Ausstellungen dieser Art so wichtig, damit überhaupt mal sichtbar gemacht wird, dass diese Positionen bis dato nicht genügend betrachtet wurden. Häufig erkennt man dies auch schon daran, dass die Biografien der Künstlerinnen viel kürzer dargestellt werden können und die Auseinandersetzung mit den Kunstwerken (noch) nicht in die Tiefe gehen kann. Erstmal muss der Grundstein gesetzt werden, bevor diese Arbeit in dieser Intensität getan werden kann. Es wird sicherlich noch Jahrzehnte benötigen, bis wir unsere festgeschriebene Kunstgeschichte, die häufig auch noch genau so an den Hochschulen gelehrt wird, neu auflegen können. Das Kunstmuseum Stuttgart legt mit „zwischen system&intuition: Konkrete Künstlerinnen” einen weiteren Grundstein für die Auseinandersetzung mit diesen Künstlerinnen gelegt.

Vera Molnar. Interstices. 1985-2019, Pigmentfarbe auf Leinwand, 25-teilig, je 40 x 40 x 4 cm. Courtesy Galerie Linde Holländer © VG Bild-Kunst, Bonn 2021
Vera Molnar. Interstices. 1985-2019, Pigmentfarbe auf Leinwand, 25-teilig, je 40 x 40 x 4 cm. Courtesy Galerie Linde Holländer © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Die Ausstellung „zwischen system&intuition: Konkrete Künstlerinnen” wurde von Eva-Marina Froitzheim und Tina Weingardt kuratiert und ist noch bis zum 17. Oktober 2021 im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen.

Über weitere Ausstellungen zur Konkerten Kunst könnt ihr euch in Elisabeths Beitrag „Form, Farbe, Konkret – von Reutlingen, über Stuttgart nach London” informieren.

Künstlerinnen der Ausstellung „zwischen system&intuition: Konkrete Künstlerinnen”:

Sophie Taeuber-Arp (*1889, †1943), Sonia Delaunay (*1885, †1979), Aurelie Nemours (*1910, †2005), Marcelle Cahn (*1895, †1981), Verena Loewensberg (*1912, †1986), Geneviève Claisse (*1935, †2018), Clara Friedrich-Jezler (*1894, †1969), Katarzyna Kobro (*1898, †1951), Mary Vieira (*1927, †2001), Charlotte Posenenske (*1930, †1985), Lily Greenham (*1924, †2001), Vera Molnar (*1924)

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