Kunstszene

Das Jahr der nicht gesehenen Ausstellungen – Ein Plädoyer für die Systemrelevanz von Kunst

Kunst ist anscheinend nicht systemrelevant. Die erneute Schließung von Kunst- und Kulturhäusern, Museen, Galerien usw. frustriert einmal mehr. Nach über einem Jahr Corona gibt es etliche künstlerische Positionen und Ausstellungen, die von den Besucher*innen nicht live gesehen werden konnten. Was bedeutet dies für unsere Gesellschaft?

Seit mehr als einem Jahr leben wir als Gesellschaft mit Covid-19. Einige Branchen, wie auch die Kunst- und Kulturlandschaft, sind besonders hart betroffen. Wenn es um die Eindämmung des Virus geht, sind sie mit die ersten, die schließen müssen, weil sie als nicht systemrelevant gelten. Wer aber hat das Recht zu entscheiden, dass der Besuch von Ausstellungen und das Betrachten oder Interagieren von und mit Kunst nicht zu unserem täglichen Dasein gehören?

Kunst und Gesellschaft gehören zusammen

Kreatives Schaffen ist in den meisten Fällen ein Auseinandersetzen mit aktuellen Debatten und Knackpunkten einer Gesellschaft. Kunst wird zum Medium, das Probleme aufgreift und sie durch bestimmte künstlerische Strategien für die Rezipient*innen sichtbar macht. Kunst kann einen wesentlichen Beitrag leisten, um gesellschaftsrelevante Debatten anzuregen, Lösungen zu finden und wird damit zur Expression menschlichen Daseins und Handelns.

Durch die Beschäftigung der Künstler*innen mit bestimmten Fragestellungen oder Thematiken werden wir als Betrachter*innen Teil dieser Auseinandersetzung. Wird uns der Zugang zu dieser Art von Kunst verwehrt, bleiben uns auch bestimmte Debatten innerhalb unserer Gesellschaft verschlossen.

Das Jahr der nicht gesehenen Ausstellungen

Präsentationen aktueller künstlerischer Positionen gab es selbstverständlich auch im vergangenen Jahr. Museen und Ausstellungshäuser planen ihre Ausstellungen meist mehrere Jahre im Voraus. Leihgaben müssen organisiert werden, die Räume entsprechend aufbereitet werden, ein Vermittlungsprogramm muss erarbeitet und der Katalog erstellt und gedruckt werden. Dennoch blieben viele dieser Ausstellungen „unvollendet“, denn die Besucher*innen konnten die meisten Präsentationen allenfalls online und in digitalen Formaten nachvollziehen.

Auf Hyperrealistisch folgt Supernatural

Die Kunsthalle Tübingen zeigte sich in den letzten Jahren in ihren Ausstellung besonders an Fragestellungen interessiert, die künstlerische Positionen im Verhältnis zum menschlichen Körper thematisieren. Im Sommer 2018 wurde mit „Almost Alive. Hyperrealistische Skulptur in der Kunst“ ein Querschnitt und Überblick über die hyperrealistische Bewegung von den 1970er-Jahren bis heute gegeben. Die Betrachter*innen sahen sich Figuren ausgesetzt, die in ihrer Machart so realistisch die menschliche Figur imitierten und damit das Verschwimmen von Mensch und Technik in den Vordergrund rückten.

Supernatural oder Superartificial?

Im vergangenen Herbst wurde die Ausstellung „Supernatural. Skulpturale Visionen des Körperlichen“ eröffnet. Sie sollte (auch wissenschaftlich gesehen) als Fortsetzung der Präsentation von 2018 gelten. Auch hier stand die Frage nach den zerfließenden Grenzen zwischen technischen Möglichkeiten und menschlichem Genius im Vordergrund. Künstliche Intelligenz, Robotik und verblüffend realistische menschliche Abbilder, kombiniert mit Tonaufnahmen, schufen ein Ausstellungserlebnis, das teilweise verstörende Reaktionen im Erleben der Kunstwerke hervorrief. Was 2018 durch die (hyper)realistische Gestaltung menschlicher Haut und Gestalt erreicht wurde – indem wir uns als Betrachter*innen einem sehr realistischen, aber doch künstlichen Abbild gegenüber sahen – konnte in der Ausstellung von 2020 noch übertroffen werden. Menschliche Stimmen, Gesichter, die eine Mimik besitzen, Bewegungen von Augen und Mund einer durch und durch roboterhaften Erscheinung irritieren unsere alltäglichen Empfindungen und geben uns ein schwindelerregendes Gefühl, das unsere eigene Position in unserer Gesellschaft zum Wanken bringt. Die Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz, Robotik und Technik im Allgemeinen wird uns durch solche Positionen künstlerischer Expression erst vor Augen geführt. Wir sehen uns gezwungen, uns mit dieser ernsthaft auseinanderzusetzen. Normalerweise nicht sichtbar, können wir uns an dieser Stelle nicht entziehen.

Kunst ist systemrelevant

Die Ausstellung in der Kunsthalle ist nur ein Beispiel von vielen. Leider hatten kaum Besucher*innen die Möglichkeit, sich diese Präsentation hochaktueller gesellschaftlicher Debatten genauer anzuschauen und sich damit auseinanderzusetzen. Kunst ist systemrelevant und wir sollten nicht länger warten, um diese wieder erfahren zu können. Der Umgang mit künstlerischen Debatten ist schließlich ein gesellschaftlich relevanter.

0 Kommentare zu “Das Jahr der nicht gesehenen Ausstellungen – Ein Plädoyer für die Systemrelevanz von Kunst

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: