Große Formate, viel Farbe und eine Energie, die stetig zwischen Explosion und Zartheit schwankt. Bei manchen Werken von Eva Michielin könnte man sogar an zeitgenössische Höhlenmalerei denken, so kraftvoll und archaisch sind sie. Tatsächlich sind alle Bilder mit dem Körper gemalt und eben nicht mit dem Pinsel oder Stift. Sie strahlen eben etwas Ursprüngliches aus. Was sich auch in den Naturfotografien zeigt, die oftmals als Grundlage dienen. Fließende Farbübergänge erinnern vielleicht an verwitterte Gesteinsstrukturen, als wären sie gerade ausgegraben worden. Oder auch an Meeresströme aus der Vogelperspektive. Andere wirken dann wieder, als wären sie vor wenigen Stunden erst entstanden. Tatsächlich stimmt beides ein wenig. Denn einige dieser Werke tragen mehr als zwölf Jahre ihrer eigenen Geschichte in sich.

In gewisser Weise begegnen wir also nicht nur fertigen Arbeiten, sondern auch Zeiträumen. Erfahrungen und Prozessen, die sich über viele Jahre erstreckt haben, gewachsen und verwachsen sind. Dass eine Künstlerin ein Werk nicht loslässt, hat meist einen guten Grund. Manche Themen lassen sich nicht schnell bearbeiten. Sie verlangen Geduld. Sie verlangen Abstand. Und manchmal verlangen sie jahrelange, lebenslange Fürsorge.
Eva Michielins Malerei bewegt sich an der Grenze des Sagbaren
Vielleicht ist diese Ausstellung deshalb auch eine Ausstellung über das Durchhalten. Über das Sichtbarwerden. Und über den Versuch, Dingen eine Form zu geben, die sich eigentlich gegen jede Form sträuben.
Denn vieles, was Eva Michielin beschäftigt, bewegt sich an den Grenzen des Sagbaren. Es geht um Macht und Ohnmacht, Verletzungen, Ausbeutung und gesellschaftliche Blindstellen. Erfahrungen, die oft im Verborgenen bleiben oder bewusst verborgen gehalten werden. Gleichzeitig geht es aber genauso oder eigentlich im Kern um eine unbeugsame Hoffnung und positive Kraft, um Heilung und Vergebung.
Dabei erzählen Evas Arbeiten selten direkt. Manche Erfahrungen lassen sich auch gar nicht vollständig erzählen. Vielmehr hinterlassen sie Spuren. Und diese Spuren finden wir überall in dieser Ausstellung. In Brüchen, in Überlagerungen, in Andeutungen, Textfragmenten und in Bildtiteln.

Eine Arbeit, die gerade noch im Entstehen ist, trägt z. B. den Titel „Silence“. Stille kann Schutz bedeuten. Stille kann auch Konzentration heißen. Aber Stille kann auch erzwungen sein. Aus Stille wird ein Ausdruck von Angst, von Scham oder von dem Gefühl, dass die eigenen Erfahrungen keinen Platz finden, nichts wert oder sogar falsch sind.
Viele Werke dieser Ausstellung bewegen sich genau in diesem Spannungsfeld zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Zwischen dem, was ausgesprochen wird, und dem, was unausgesprochen im Raum steht.
Das Eva Manifest
Auch das sogenannte „Eva Manifest“, auf das einige der ausgestellten Arbeiten Bezug nehmen, versteht sich letztlich als ein Versuch der Sichtbarmachung. Woher kommt die Fehlentwicklung der Menschheit? Warum greifen so viele Menschen, v. a. Männer zu Gewalt spezifisch gegen Frauen? Eva setzt hier ganz am Anfang an und verbindet persönliche Erfahrung mit der gesellschaftlichen Dimension solcher Machtmechanismen. Dabei stellt sie ganz bewusst auch die Frage, wie wir als Gemeinschaft mit Verletzungen, Machtstrukturen und Verantwortung umgehen wollen.
Wer darf sprechen? Wem wird geglaubt? Wer wird gehört? Und vielleicht noch wichtiger: Was bleibt bestehen, wenn etwas jahrzehntelang nicht gehört wurde?
Die Werkserie „Der blinde Fleck“
Besonders eindrücklich ist in diesem Zusammenhang die Serie „Der blinde Fleck“. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Wahrnehmungspsychologie. Jeder Mensch besitzt einen Bereich im Gesichtsfeld, den er nicht sehen kann. Und zwar genau da, wo der Sehnerv sitzt. Allerdings merken wir davon normalerweise nichts, da unser Gehirn die fehlenden Informationen automatisch ergänzt – oder sagen wir erahnt. Genau deshalb ist der Begriff so treffend.
Denn auch gesellschaftlich gibt es blinde Flecken. Unbequeme Bereiche, Themen und Ereignisse, die mitten im Sichtfeld liegen und trotzdem unsichtbar bleiben. Erfahrungen, die bekannt sind und trotzdem übersehen werden. Ähnlich geht es uns allen übrigens auch mit unseren Nasen. Eigentlich hätten wir permanent unsere Nase störend mitten im Blickfeld, aber unser Gehirn retouchiert sie gekonnt heraus. Erst wenn wir in den Spiegel schauen, ist der Spuk vorbei und jede Nase wieder da.
Als Analogie wäre es also in regelmäßigen Abständen sinnvoll und heilsam in den Spiegel zu schauen. Sich und die anderen zu reflektieren, um solche Machtmechanismen zu erkennen und überhaupt Verantwortung übernehmen zu können.

Evas Kunst sollte aber keinesfalls als mahnender Zeigefinger verstanden werden. Ihr geht es nicht darum, anzuklagen oder zu belehren. Vielmehr kann man ihre Bilder als Ausdruck einer unbändigen Energie begreifen, die sich gerade aus dem Prozess der Heilung und Selbststärkung entwickelt hat.
Ein schönes Bilderpaar zu diesem Gedanken sind die beiden Arbeiten „Before“ und „After“ also, Vor- und Nachher. Was zuvor eine dunkel lodernde, dichte Masse mit der monumentalen Aufschrift „RAGE“ war, wurde zu einer rein goldenen Oberfläche mit der Aufschrift „Queen of Light“.
Diese Ausstellung ist also keineswegs ausschließlich von Schwere geprägt. Für diese positive Energie spricht auch Evas große Freude an der Farbe, die man in jedem Werk spüren kann. Ganz unabhängig von den inhaltlichen Hintergründen, sind es ja schließlich alles Malereien, die von ihrer Komposition und Farbwahl leben.
Zart und weich, aber auch schonungslos direkt
Kräftiges Rot und strahlendes Türkis tauchen immer wieder auf, aber auch sanfte Erd- und Pastelltöne sind Teil von Evas Farbpalette. Beide Kräfte gehören nunmal zusammen, das Expressive und das Subtile. Ein Merkmal, das Eva schon früh in ihrer Arbeit hatte, ist daher auch die Zweiteilung ihrer Bilder. Häufig wird der gemalte Motivteil von einem Textteil begleitet. Diese Texte sind wiederum auf Samt geschrieben. So zart und weich das Material ist, so heftig sind dagegen oftmals die Texte. Die Bilder überraschen mit ihrer schonungslosen Direktheit.

Text ist in allen Arbeiten ein wesentliches Element. Mal sind es Namen von Betroffenen, Aussagen von Tätern, aber auch Sätze, die voller Hoffnung sind und bestärken. „Love conquers all“ ist ein zeitloses Statement, das immer stimmt.

Immer wieder begegnen wir Momenten von Widerstand, Solidarität und Gemeinschaft. Besonders deutlich wird dies in den Arbeiten, die gemeinsam mit anderen Frauen entstanden sind. Nach 10 Jahren haben sich Eva Michielins und ihre langjährige Freundin Chido Govera erneut auf eine Leinwand gewagt. Das neue Werk trägt den Titel „Soul Sisters II“.
Verbundenheit als zentraler Aspekt – Das Projekt „Body Voices“
Schon der Titel verweist auf etwas, das in dieser Ausstellung immer wieder aufscheint: Verbundenheit. Die Idee, dass Sichtbarkeit und Selbstermächtigung nicht nur individuelle Prozesse sind. Und, dass aus gemeinsamer Erfahrung auch gemeinsame Stärke entstehen kann. Aus diesem Gedanken heraus ist wiederum Evas Projekt „Body Voices“ entstanden.
In diesem sozialen Kunstprojekt geht es darum, Betroffenen sexueller Gewalt einen geschützten Raum zu bieten. Gleichzeitig wird durch eine gemeinsame künstlerische Erfahrung die eigene Stimme mithilfe des Körpers herausgearbeitet. Eine Stimme, die viele Betroffene noch nie oder lange nicht mehr hören konnten.

Eine mit Betroffenen entstandene Arbeit ist auch das monumentale Bild „3-2-1“. Hier wird die Leinwand zu einem Raum, allein schon was die Größe betrifft. Auf der einen Seite sehen wir einen großen Oktopus, auf der anderen steht in Samt geschrieben: „Imagine we all had three hearts – one only for healing“. Tatsächlich haben Oktopusse drei Herzen. Diese Arbeit ist nun deshalb so berührend, weil jede der drei einzelnen Teilnehmenden ihr Herz in dieses Bild gesteckt hat. Die künstlerische Arbeit wird zu etwas Gemeinschaftlichem, wo alle Beteiligten natürlich auch erst mal ihren Platz finden und erspüren müssen.
„Imagine we all had three hearts – one only for healing“
An dieser Vorgehensweise ist besonders bemerkenswert, dass Eva als Künstlerin den Schritt geht, gemeinsame Werke entstehen zu lassen. Denn für viele Künstler:innen kommt ein gemeinschaftliches Arbeiten meist eher nicht in Frage. Die Autonomie der Künstler:innen spielt häufig eine große Rolle und auch Eva kann sich davon nicht ganz freimachen, wie sie selbst zugibt. Es ist ein schmaler Grat von zurücktreten und trotzdem präsent bleiben. Die Kunst nicht an die anderen abgeben, sondern der eigenen Stimme immer Kraft geben, ohne den Raum allein für sich zu beanspruchen.

Gerade angesichts der Themen, die diese Ausstellung berührt, ist das ein wesentlicher Aspekt. Denn Gewalt, Verletzungen und Missbrauch leben von Isolation, von Schweigen und von Abtrennung – von sich selbst, als auch dem Vertrauen in das eigene Gefühl, seine eigene Stimme.
Neues Vertrauen in die eigene Stimme gewinnen
Der Ansatz von „Body Voices“ setzen dem etwas entgegen. Erfahrungen, die lange tief verborgen waren, in etwas zu verwandeln, das geteilt werden kann. In Bilder, in Begegnungen, in Gespräche. Vielleicht ist genau das auch die große Herausforderung und der Anspruch dieser Ausstellung.
Dass sie schwierige Themen weder verschweigt noch vereinfacht. Dass sie Raum schafft für Ambivalenzen. Für Wut, Trauer, aber auch Hoffnung. Und für die Möglichkeit, dass all diese Gefühle gleichzeitig existieren dürfen.



Denn Kunst muss und darf nicht immer bequem sein. Manchmal fordert sie uns heraus oder schockiert uns gnadenlos. Manchmal konfrontiert sie uns gerade mit den Dingen, die wir lieber vermeiden würden. Sie zeigt dann genau dorthin, wo wir sonst bewusst oder unbewusst wegsehen. Sie stößt uns sozusagen vor den Kopf oder passender – auf die eigene Nase.











