Ausstellungen

wie sehen die denn aus

Fünf Absolventinnen der Modedesign-Klasse der Fakultät Textil & Design der Hochschule Reutlingen präsentieren im Kunstverein Reutlingen ihre Abschlussarbeiten. Gender, Traum, Schlaf, Ver- und Enthüllung, Kontraste, Paradoxe – Haute Couture mit viel Tiefgang.

Mode kann Kunst, Kunst kann Mode, Mode ist Kunst. Das zeigen fünf Absolvent*innen der Fakultät Textil & Design der Hochschule Reutlingen. Was bewegt die jungen Modedesigner*innen von heute? Wie repräsentieren sie ihre Gedanken in ihren Kollektionen? Um Antworten auf diese Fragen zu erhalten, laden Sanas Ebrahimi-Kajlar, Charlotte Maria Helm, Meri Mamaladze, Charlotte Nora Schwarzer und Naomé Nazire Tahmaz herzlich in den Kunstverein Reutlingen ein. In ihren Bachelorarbeiten präsentieren sie nicht nur extravagante, experimentelle Schnittmuster und Textilentwicklungen. Sie verhandeln gesellschaftspolitische Themen: Konventionen von Geschlechterrollen in der Mode, das Ver- und Enthüllen des Körpers sowie Eigenschaften von Schutz und Transparenz von Kleidung. Noch bis zum 16. Februar ist die Ausstellung für alle Interessierten geöffnet.

Die Absolventinnen des Bachelor-Studiengangs Modedesign: Sanas Ebrahimi-Kajlar, Charlotte Maria Helm, Meri Mamaladze, Charlotte Nora Schwarzer, Naomé Nazire Tahmaz. © Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa.

Sanas Ebrahimi-Kajlar – INSOMNIA

Sanas Ebrahimi-Kajlar. © Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa.

Aufgewachsen in Teheran und am Fuße der Schwäbischen Alb, imaginierte ich in vielen schlaflosen Nächten eine Mode, die Experimentelles mit Klassischem verbindet. Mein Modestudium absolvierte ich in den erstklassig ausgestatteten Werkstätten der Hochschule Reutlingen. Hier habe ich mir die experimentelle Schnitt- und Textilentwicklung in Verbindung mit hochwertiger Verarbeitung erarbeitet.

Sanas Ebrahimi-Kajlar. INSOMNIA. © Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa.

Dabei interessieren mich Prozesse, die sich zwischen Unberechenbarkeit und handwerklicher Präzision bewegen und daraus neue visuelle Ästhetiken generieren. So behandelte ich in meiner Bachelor-Kollektion INSOMNIA transparente Folie in unzähligen Schichten mit Siebdruck, Acryl und Spachtel, um eine flirrende Textur zu erzielen. Diese aufwändigen Prozesse der Farbbeschichtung, Trocknung und Fixierung gehören für mich zur Entwicklung meiner Kollektionen.

Sanas Ebrahimi-Kajlar. INSOMNIA (Ausstellungsansicht). © Sanas Ebrahimi-Kajlar und Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa., Video: Sarah Hergöth.

Den Ausgangspunkt für Sanas Ebrahimi-Kajlars Bachelor-Kollektion INSOMNIA bildet der Zustand der Schlaflosigkeit. Als breites Phänomen steht die Insomnie für einen gegenwärtigen Imperativ der permanenten Verfügbarkeit. Wo die unablässige Produktivität und Aktivität gefordert wird, bietet der Schlaf einen Rückzug in die Unproduktivität und Passivität – einen Schutz gegen den Drang, aus Allem einen Mehrwert zu generieren. Gleichwohl können ungeregelte Arbeitszeiten den Schlaf rauben und einen unkonzentrierten Zustand hervorbringen, der die Wahrnehmung verändert. Diesen vergleicht Sanas Ebrahimi-Kajlar mit der unerwünschten Verzerrung in medialen Bildwiedergaben. Als Begriff für solche Störungen beschreibt das Wort ‚Glitch‘ Fehler in der Programmierung von stillen oder bewegten Bildern, die zu unvorhersehbaren ästhetischen Ergebnissen führen. Diese Unberechenbarkeit übersetzt die Designerin in die aufwändige Produktion von Stoffen für ihre Kollektion, die vom Flirren der Schlaflosigkeit inspiriert sind.

Sanas Ebrahimi-Kajlar. INSOMNIA (Detail). © Sanas Ebrahimi-Kajlar und Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa, Foto: Sarah Hergöth.

Charlotte Maria Helm – CLASSIQUE

Charlotte Maria Helm. © Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa.

Mit sechzehn Jahren begann ich meine Ausbildung zur Modedesignerin und Maßschneiderin an der Modeschule in Metzingen in Kombination mit der Fachhochschulreife. An der Hochschule Reutlingen vertiefte ich meine Kenntnisse und Fertigkeiten im Studiengang Modedesign. Hier beschäftigte ich mich umfangreich mit der Materie der Entwurfsentwicklung und Schnittgestaltung. Besonders entwickelte ich mich in der Darstellung und den Herangehensweisen meiner Projektthemen, zum Beispiel in Portfolios und Kolloquien.

Charlotte Maria Helm. CLASSIQUE. © Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa.

Meine schnitttechnische Gestaltung konnte ich im Studium stärker entfalten. In den Drapier-Workshops entwickelte ich eine Leidenschaft zum Drapieren und Experimentieren. Meine Bachelor-Kollektion CLASSIQUE bringt die hier erworbenen Fähigkeiten auf den Punkt. In präzisen Schnittkonstruktionen habe ich klassisch-elegante Outfits entwickelt, die durch eine spielerische Mischung von gesellschaftlich empfundenen maskulinen und femininen Elementen von Männern und Frauen getragen werden können.

Charlotte Maria Helm. CLASSIQUE (Ausstellungsansicht). © Charlotte Maria Helm und Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa, Video: Sarah Hergöth.

Die Geschlechterfrage in der westlichen Mode bildete den Ausgangspunkt für Charlotte Maria Helms Bachelor-Kollektion CLASSIQUE. Bestimmte Mode- und Körperbilder vermitteln uns im Alltag, dass Röcke, Federn oder Perlen ausschließlich Frauen vorbehalten sind. Zudem gibt es unterschiedliche Schnittführungen, mit denen die Mode Menschen in zwei Geschlechter einteilt. In Auseinandersetzung mit diesen Phänomenen verbinden die Outfits der Kollektion Elemente, denen feminine Eigenschaften zugeschrieben werden, mit solchen, die maskulin konnotiert sind. In präzisen Schnittkonstruktionen dekonstruiert Charlotte Maria Helmdie Konventionen der Geschlechterkollektion. Sie entwickelt zeitlose und elegante Unisex-Outfits, die ohne Anpassung von Männern und Frauen getragen werden können.

Charlotte Maria Helm. CLASSIQUE (Detail). © Charlotte Maria Helm und Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa, Foto: Sarah Hergöth.

Meri Mamaladze – ODE TO ODD

Meri Mamaladze. © Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa.

Laut Alexander McQueen ist Mode ein Eskapismus und kein Freiheitsentzug. Warum ich ihn zitiere? Aufgewachsen bei meiner Großmutter, einer Schneiderin, traf ich täglich neue Kund*innen in ihrem Atelier. Alle gut gekleidet. Korrekt angezogen, so dass sie nichts von sich offenbaren. Über die Kleidungsstücke wusste ich alles, über sie nichts. Ich verstand, dass korrekte Ästhetik nicht alles sein kann. Später absolvierte ich mein Studium an der Akademie der Künste im georgischen Tiflis.

Meri Mamaladze. ODE TO ODD. © Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa.

Danach wendete ich mich im Modestudium an der Hochschule Reutlingen meiner Vision von ‘Performance Art to go’ zu. Ausgehend von bizarren und seltsamen menschlichen Eigenheiten, in denen wir manchmal gefangen sind, entwarf ich in meiner Bachelor-Kollektion ODE TO ODD opulent-exzentrische Outfits, die die Bewegungsfreiheit einschränken. So setze ich Unsicherheit, Angst und Unberechenbarkeit als sinnlichen Albtraum in Szene.

Meri Mamaladze. ODE TO ODD (Ausstellungsansicht). © Meri Mamaladze und Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa, Video: Sarah Hergöth.

Kennen Sie das unheimliche Gefühl, das einen beim Anschauen von etwas Unangenehmen überkommt, das aber derart fasziniert, dass man nicht aufhören kann, hinzuschauen? Sollte man es mögen oder lieber der Unruhe, die es einem bereitet, ausweichen? Ist es ein Vergnügen mit Gewissensbissen oder die private Hölle?

Meri Mamaladze. ODE TO ODD (Detail). © Meri Mamaladze und Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa, Foto: Sarah Hergöth.

Meri Mamaladzes Bachelor-Kollektion ODE TO ODD ist ein unorthodox-opulenter Albtraum, der sich um die sinnlichen Potenziale der Exzentrik, der Absonderlichkeit, des Bizarren und Seltsamen dreht. ODE TO ODD ist ‘Performance Art to go’. Die Schnittgestaltung hat zum Ziel, das Laufen zu erschweren oder die Handbewegungen einzuschränken. So werden Zustände des Gefangen-Seins und des Kontrollverlusts initiiert. Körperzustände der Unsicherheit, Unberechenbarkeit und des Nicht-Mehr-Herauskommens bilden den Ausgangspunkt für die Outfits der Kollektion.

Meri Mamaladze. ODE TO ODD (Detail). © Meri Mamaladze und Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa, Foto: Sarah Hergöth.

Charlotte Nora Schwarzer – BE WATER

Charlotte Nora Schwarzer. © Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa.

Mir ist die visuelle Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und politischen Themen wichtig. Ohne zu werten, analysiere ich zeitgeschichtliche Situationen und ihre Erscheinungsbilder, um sie dann in die Sprache der Mode zu überführen. Sei es in Material, Form oder Symbolik – all meine Arbeiten speisen sich aus einer Aufmerksamkeit für Kontraste. In fließenden Stoffen, Gummimatten für Bodenbeläge und mit Kunstharz beschichteten Aluminiumfolien vereine ich Gegenwart und Zukunftsszenarien.

Charlotte Nora Schwarzer. BE WATER. © Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa.

Ich liebe die Herausforderung, wirklich unterschiedliche Dinge so einzusetzen, dass sie einen Zugang zueinander finden. In meiner Bachelor-Kollektion BE WATER nehme ich die Ästhetiken der Proteste in Hong Kong 2019 auf und polarisiere Schutz und Transparenz durch Abschirmung und Offenlegung dessen, was nicht gezeigt werden möchte. Kontrolle, Überwachung und Identität sind die zentralen Schlagwörter meiner Kollektion mit ihrem radikalen, düster-futuristischen Charakter.

Charlotte Nora Schwarzer. BE WATER (Ausstellungsansicht). © Charlotte Nora Schwarzer und Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa, Video: Sarah Hergöth.

In Protestbewegungen entstehen Zeichen, Bilder und Parolen, die für kollektive Identitäten stehen. Oft werden Slogans ikonisch. So auch eine Metapher des Kampfkünstlers und Schauspielers Bruce Lee, die besagt, dass wenn man sich so formlos und fließend wie Wasser bewege, dann wäre man unschlagbar. In den jüngsten Protesten in Hong Kong wurde diese Metapher zur Maxime des In-Bewegung-Bleibens. Indem sich die Protestierenden geschmeidig durch die Stadt bewegten, hofften sie die physische Konfrontation mit der Polizei zu vermeiden. Dabei erinnert die Situation, in der die hochentwickelte, digitale, chinesische Überwachungstechnik zum Einsatz kommt, an das Science-Fiction-Genre Cyberpunk. Scheinbar gegensätzliche Eigenschaften wie Schutz und Transparenz werden im Protest gegen diese Zustände gleichermaßen wichtig. Durch starke Materialkontraste verarbeitet Charlotte Nora Schwarzers Bachelor-Kollektion BE WATER dieses Paradox und das daraus resultierende Gefühl der Unwirklichkeit.

Charlotte Nora Schwarzer. BE WATER (Detail). © Charlotte Nora Schwarzer und Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa, Foto: Sarah Hergöth.

Naomé Nazire Tahmaz – CANVAS

Naomé Nazire Tahmaz. © Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa.

Meine Konzepte verweben scheinbar gegensätzliche Dinge in ein (un-)gewisses Etwas. Sie erschaffen sich im künstlerischen Prozess durch die Möglichkeiten und Einschränkungen, die die Materialien eröffnen. In meiner Bachelor-Kollektion CANVAS inszenierte ich einen stillen Monolog textiler Schleier – ein Spiel mit der Symbolkraft von Materialien. So griff ich in der Materialherstellung durch Strickverfahren zufällig Entstandenes und Fehler auf. Für mich ist es essentiell, die analoge Fotografie in meine Gestaltungsprozesse einzubeziehen.

Naomé Nazire Tahmaz. CANVAS. © Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa.

In CANVAS habe ich meine 35mm-Fotografien von alten Textilien auf die neuen Textilien meiner Kollektion belichtet. Dafür beschichtete ich die Stoffe mit einer Foto-Emulsion, auf die in der Dunkelkammer Schwarz-Weiß-Aufnahmen ausbelichtet wurden. In den verschiedenen Ebenen der Inspirationen wie der Materialherstellung oszilliert die Kollektion zwischen dem Verhüllen und Enthüllen, dem Verstecken und Entblößen.

Naomé Nazire Tahmaz. CANVAS (Ausstellungsansicht). © Naomé Nazire Tahmaz und Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa, Video: Sarah Hergöth.

Als Kinder bauten wir Höhlen. Wir räumten das Zimmer frei, suchten in Schränken, in Kisten und unter Betten nach Laken und Decken. Wäscheklammern dienten als Befestigung. Die Laken bedeckten den Raum. Innen platzierten wir kleine Lichter, die die Höhle aufheizten. An das Abbauen kann ich mich nicht mehr erinnern. Auch als Erwachsene bauen wir diese Höhlen, nur sind sie unsichtbar.

Naomé Nazire Tahmaz. CANVAS (Detail). © Naomé Nazire Tahmaz und Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa, Foto: Sarah Hergöth.

Naomé Nazire Tahmaz‘ Bachelor-Kollektion CANVAS ist ein stiller Monolog textiler Schleier. Ein Spiel mit der Symbolkraft von Materialien, die durch ihre Herstellung, beispielsweise in Strickverfahren, Bearbeitung mit fotografischen Emulsionen, aber auch durch ihre Vergangenheit eine schleierhafte Wirkung erhalten. Die Kollektion bewegt sich zwischen dem Ver- und Enthüllen. Es ist nicht eindeutig zu sagen, ob gerade versteckt oder entblößt wird.

Naomé Nazire Tahmaz. CANVAS (Detail). © Naomé Nazire Tahmaz und Fakultät Textil & Design, Hochschule Reutlingen, mit Genehmigung von Julia von Leliwa, Foto: Sarah Hergöth.

1 Kommentar zu “wie sehen die denn aus

  1. Interessant und gut geschrieben Bericht, schöne Bilder und video von Sarah.

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