André Wischnewski in der Frischzelle_26

André Wischnewski Soundpiece 1, 2016 Messerschnitt, Comicheftseiten 20,8 x 14,3 cm Foto: André Wischnewski © André Wischnewski

Der Künstler André Wischnewski erforscht in seinen Arbeiten die Strukturen und Funktionen des Comics. Wie arbeiten Sprache und Form zusammen? Worauf basiert das Genre? In filigranen Papierarbeiten und ausladenden Raumzeichnungen geht er diesen Fragen nach und stellt den Besucher*innen neue Sichtweisen vor.

Ignacio Uriarte

Ignacio Uriarte: Rubber Band Carpet, 2012, Bodeninstallation aus Gummiringen, variable Dimensionen im Kunstmuseum Reutlingen konkret in der Ausstellung Verwaltungsakte

Ignacio Uriarte entfloh den tickenden, tackendern und brummenden Geräuschen des Büros und wurde Künstler. Ein Künstler, der diese tickenden, tackerneden und brummenden Geräusche in den Ausstellungsraum bringt. Unterschiedliche Büromaterialien werden bearbeitet, neu angeordnet und in einen fremden Kontext gesetzt.

Vitra Campus in Weil am Rhein

Vitra Schaudepot auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein von Herzog & Meuron, Roter Ziegel, Haus der Sammlung von Vitra

Rolf Fehlbaum, ehemaliger Vorsitzender des Möbelherstellers Vitra in Weil am Rhein, scheint seine privaten Interessen mit seinem Unternehmen erfolgreich vereint zu haben. Neben seiner außergewöhnlich großen Sammlung an Möbeln, insbesondere jenen, die im konkreten Zusammenhang zur Firma stehen, kommt die extravagante Architektur auf seinem Firmengelände keineswegs zu kurz. Die beiden unterschiedlichen Sammelkategorien fügen sich auf dem Vitra Campus so ineinander, dass sie ein großes harmonisches Gebilde formen. Im Vitra Design Museum erfahren sie ihren Höhepunkt. In dem Bau des US-amerikanischen Stararchitekten Frank Gehry, bekannt für seinen Entwurf des Guggenheim-Museums Bilbao, wird die Sammlung Fehlbaums in Ausstellungen behandelt und somit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Vitra Campus – Der Beginn 1981 zerstörte ein großer Brand, hervorgerufen von einem Blitzschlag, einen großen Teil des Firmengeländes in Weil am Rhein. Rolf Fehlbaum, der Sohn des Gründerehepaars Willi und Erika Fehlbaum, stand vor der Herausforderung, innerhalb von 6 Monaten die Hallen der Produktion wieder aufbauen zu müssen. Eine längere Zeit hätte die Versicherung die Kosten nicht übernommen. Der architekturinteressierte Fehlbaum bat den britischen Architekten Nicholas Grimshaw einen Masterplan zur einheitlichen Entwicklung des Geländes zu erarbeiten. Zwei Gebäude Grimshaw’s wurden auf dem Firmengelände zügig realisiert, der Plan sah weitere in den darauffolgenden Jahren vor. Begegnung mit Frank Gehry Wie das Leben spielt, treffen Menschen aufeinander, die scheinbar aufeinander treffen sollen – Rolf Fehlbaum begegnete Frank Gehry. Diese Begegnung führte dazu, dass Fehlbaum von der einheitlichen Struktur Grimshaws abrückte und einen pluralistischen Ansatz unterschiedlicher Architektursprachen zu verfolgen begann. Öffentliche und private, industrielle und kulturelle Elemente sollen auf seinem Campus auf selbstverständliche Weise vereint sein. Frank Gehry wurde somit 1988/89 dazu beauftragt neben einer Fabrikationshalle und dem Pförtnerhaus das Vitra Design Museum in Weil am Rhein zu erbauen.  Architektur auf dem Vitra Campus Seit Ende der 1980er Jahre wurden über 20 Bauten von internationalen Architekt*innen realisiert: Tadao Ando, Zaha Hadid, Jasper Morrison und Álvaro Siza, um nur einige zu nennen.  Vitra Design Museum Von Anfang an sollte das Vitra Design Museum nicht als Firmenmuseum dienen, sondern die sehr schnell wachsende Möbelsammlung Fehlbaums, die heute über 6000 Objekte erfasst, in Szene setzen und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Das Gebäude Frank Gehrys wird als „das öffentliche Gesicht von Vitra”¹ gehandelt. Somit werden nicht nur Designinteressierte, sondern auch Architekturinteressierte angesprochen. Im November 1989 eröffnete das Museum und dessen Konzept bis 2010 prägend vom damaligen Museumsdirektor Alexander von Vegesack entwickelt wurde. Pro Jahr sah er zwei wissenschaftlich qualifizierte Ausstellungen über Design, Architektur oder Stile vor, die durch ein üppiges und lehrreiches Programm begleitet wurden. Zudem sollten die Ausstellungen als Wanderausstellungen global gezeigt werden, um sie weiteren Menschen zugänglich machen zu können. Die Sammlung Fehlbaums Seit nun mehr als 30 Jahren wird die Sammlung von Möbeln unentwegt aufgebaut. Unter dieser befinden sich verschiedene Designobjekte wie von den Designern Prouvé, Kuramata und Aalto. Der Erwerb von außergewöhnlichen Leuchten rundet die einzigartige Sammlung ab. Überdies befinden sich dort die Nachlässe von bedeutenden Designer*innen wie Charles und Ray Eames, Verner Panton und Alexander Girard. Mit diesen breit gefächerten Elementen kann die globale Entwicklungsgeschichte der Massenproduktionsmöbel in Ausstellungen gezeigt werden. „Die Sammlung erlaubt es Vitra, eine Schlüsselstellung in der internationalen Museumslandschaft einzunehmen, indem es das historische Vermächtnis der Design-Pioniere bewahrt und gleichzeitig neuere Arbeiten von zeitgenössischen Designern sammelt. […] Es ist dem Museum gelungen, zu einer bedeutenden kritischen und kuratorischen Stimme zu werden.”² Der Direktorenwechsel von Franz von Vegesack zur Doppelleitung von Mateo Kries und Marc Zehntner im Jahr 2011 treibt das Museum weiterhin an. Unter der neuen Leitung wird das Vitra Design Museum allgemein als „Zukunftsforschungslabor” bezeichnet, was sich in der Beschäftigung mit zeitgenössischen und zukunftsorientierten Themen zeigen soll.³ Weiterhin wurde im Sommer 2016 der zweite Bau des Architekturbüros Herzog & de Meuron eröffnet, in welchem nun das Schaudepot zu finden ist – sozusagen die Dauerausstellung der Sammlung. Ein Besuch auf dem Vitra Campus Ein erster Besuch auf dem VitraCampus, kann als ganzer Tagesausflug geplant werden. Wie ein solcher Tag aussehen kann, habe ich hier skizziert: 11:00 Uhr: Am Vormittag, wenn Beine und Geist noch wach sind, nimmt man an einer Architekturführung teil. Nur mit dieser ist schließlich der Zugang zum abgesperrten Bereich des Vitra Campus zugänglich. Zusätzlich erlaubt dies die Erfahrung der Bauten auch von innen. Der viele Input und die reichen Informationen bereiten für den restlichen Tag gut vor. 13:00 / 13:30 Uhr: Nach einem Snack im Café (oder des Schmauses des mitgebrachten Vespers) schaut man sich die aktuelle Ausstellung im Vitra Design Museum an und geht anschließend in das Schaudepot – weil wir Design und Architektur lieben. 16:00 Uhr: So langsam setzt mit Sicherheit die Müdigkeit ein. Das ist jedoch kein Problem. Bei einem Besuch des Showrooms im VitraHaus lassen sich die weichen, gemütlichen Sofas testen und ganz eventuell schlummert man auch ganz kurz ein… Jedoch inspiriert das Interieurdesign der Räume und das Zusehen der Herstellung des Eames Lounge Chairs, dass man für diesen in Gedanken bereits Platz in der eigenen Wohnung sucht (& das Geld auf dem Sparkonto). 17:00 Uhr: Ernüchternd von den hohen Preisen besucht man zuletzt den Shop und freut sich über kleine Designerstücke, die plötzlich gar nicht mehr so teuer wirken, und kauft sich zum Abschluß und voller Zufriedenheit ein kleines Souvenir   ¹ Deyan Sudjic: “Sammeln und vermitteln: Das Vitra Design Museum”, in: Cornel Windlin/Fehlbaum Rolf (Hg.): Projekt Vitra. Orte, Produkte, Autoren, Museum, Sammlungen, Zeichen; Chronik, Glossar, Basel 2008, S. 257–266, S. 263. ² Ebd. ³ Dieter Kohler: “Rolf Fehlbaum: ‘25 Jahre Vitra Design Museum, das ist gewaltig’”. SRF Schweizer Radio und Fernsehen, 30.05.2014. URL: https://www.srf.ch/news/regional/basel-baselland/wochengast/rolf-fehlbaum-25-jahre-vitra-design-museum-das-ist-gewaltig (29.08.2019).

Baselitz-Richter-Polke-Kiefer – Die jungen Jahre der alten Meister

Baselitz-Richter-Polke-Kiefer – Namen deutscher Künstler, die heute nicht populärer sein könnten. Überdimensionale Marktpreise und zahlreiche Blockbusterausstellungen auf der ganzen Welt führten dazu, dass diese vier Namen als Aushängeschilder für deutsche künstlerische Qualität der Nachkriegszeit verwendet werden. Dass dann die Staatsgalerie Stuttgart mit dem Kurator Götz Adriani in einer Sonderausstellung diese deutschen Könige der Malerei zusammenführt, macht neugierig. Welche Werke werden zu sehen sein? Wie funktioniert eine gemeinsame Nebeneinanderstellung dieser Künstler, deren Biografien doch unterschiedlich verlaufen sind?  Im Fokus der Ausstellung stehen die 1960er Jahre. Im Vorraum kurz chronologisch unter sozialpolitischen Aspekten skizziert werden. In diesem Jahrzehnt sind die vier Künstler in unterschiedlichen Ausbildungsstadien oder im Übergang zu dem „Danach”. Aus diesem Grund kann man mit der in der Ausstellung zu sehenden Werkauswahl bei allen Künstlern eine motivische und/oder technische Entwicklung sehen. Mit je 20-25 Werken sind die Künstler in der Stirling-Halle vorwiegend mit Malereien präsentiert. Der Beginn der Ausstellung machen die von Erdtönen beherrschten Malereien Georg Baselitz‘. Beeinflusst von den politischen ost- und westeuropäischen Ideologien, malt dieser irgendwo zwischen Figuration und Abstraktion. Auf die zerrissenen Heldenbilder und angestückelten Frakturbilder folgt 1969 die Motivumkehr, die berühmten „auf dem Kopf“ stehenden Bilder.  Direkt ohne Übergang, folgen die vorwiegend schwarz-weiß Malereien Gerhard Richters. Teilweise vermitteln kleine Abbildungen von Zeitungsausschnitten die Quellen der vorgefundenen Motive. Bunter und ironischer wird es mit Sigmar Polke. Siebdruckarbeiten, die Nutzung von vorgefundenen Textilien und Einarbeitung von Text lassen etwas mehr schauen, mehr entdecken und mehr schmunzeln. Die Abschlussarbeit Anselm Kiefers‚ Kunststudium „Besetzungen“ von 1969 nimmt großen Raum ein. In jenem Werk hält sich der Künstler, gekleidet in der Militäruniform seines Vaters, stehend mit dem Hitlergruß ausführend, fotografisch fest. Doch auch die etwas späteren erdtönigen, großen, aneinander gestückelten Leinwandbilder Kiefers, finden zum Abschluss der Ausstellung ihren Platz. >> Was fehlt sind aber Bezüge. Bezüge unter diesen „vier Namen“. Keine biografischen, sondern technische und motivische Bezüge.<< Dieser kleine Rundgang zeigt Werke aus den 1960er Jahre der „vier Namen aus Deutschland, die in der ganzen Welt bekannt sind“ mit Blick auf die sozialpolitischen Umstände. Was fehlt sind aber Bezüge. Bezüge unter diesen „vier Namen“. Keine biografischen, sondern technische und motivische Bezüge. In der Ausstellung fehlt jegliche Vermittlung, die ein solches Faß hätte anstoßen können. Oder gibt es keine Gemeinsamkeiten, Unterschiede oder Parallelen? Wieso sind immer wieder realistische Motive in ihren Werken zu finden? Was hat es mit der Farbwahl der Künstler auf sich?   Allein eine Nennung der verwendeten Materialien in der Bildlegende, unter den netten Leihgebern, hätte schon eine neue Sicht auf die Werke vermitteln können. Aber all diesem wurde abgesagt. Wer sich mit dieser Kunst nicht auskennt, hat immer noch die schönen Bilder der „vier Namen aus Deutschland, die in der ganzen Welt bekannt sind“ anzusehen. Die Ausstellung ist noch bis zum 18.08.2019 in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen. Danach zieht sie weiter in die Deichtorhallen Hamburg (12.09.2019–05.01.2020). Die Bilder in diesem Beitrag wurden aufgrund des Urheberrechts entfernt. (Januar 2020)