Außenansicht auf das Living Museum Alb mit Blick auf das Kunstatelier "Atelier artig" im Erdgeschoss. Foto: Argiro Mavromatis
Ausstellungen

Kunst ohne Grenzen – Das Living Museum Alb in Buttenhausen

Im Dezember 2020 eröffnete das erste Living Museum Deutschlands. Mit dem Living Museum Alb wird in Buttenhausen bei Münsingen ein bereits vorhandener Ort für kulturelle Teilhabe und gelebte Inklusion ausgebaut. Ein Freiraum für Kunst ist entstanden, der dem künstlerischen Potential einer diversen Gruppe von Kreativschaffenden Platz zur Entfaltung bietet.

Es war kein einfaches Jahr für das Team rund um Sarah Boger – Kunsttherapeutin der Bruderhaus Diakonie – und für die Künstler*innen in Buttenhausen. Die Pandemie trübte vor allem bei der gemeinsamen Arbeit mit Risikopatient*innen einen unbeschwerten Alltag. Umso mehr haben wir uns gefreut, als Sarah uns im Februar nach Buttenhausen eingeladen hat, um gemeinsam die aktuellen Arbeiten am Projekt „Living Museum Alb“ in den Blick zu nehmen. Eines wurde schnell deutlich: man hat viel vor und mit Engagement und Herzblut ist jetzt schon ein einzigartiger Ort für Kunst und kulturelle Teilhabe entstanden.

Was ist eigentlich ein Living Museum?

Vor 3 Jahren lernte Argiro Sarah Boger und die ambitionierte Arbeit für mehr künstlerische Entfaltung in Buttenhausen kennen. Damals bereiteten sie gemeinsam mit dem Atelier 5 in Mariaberg und mit der Gustav Mesmer Stiftung eine Ausstellung in der Galerie ABTART in Stuttgart vor. Sarah Boger und Ihre Kollegin Dorothea Schwarz erzählten Argiro damals begeistert von ihrem Engagement für die Gründung eines Living Museums nach einem Vorbildmodell aus New York. Das spannende Thema machte uns neugierig und wir informierten uns über das Thema.

Das erste Living Museum wurde 1983 in Queens, New York auf dem Klinikareal des Creedmoor Psychiatric Center gegründet. Bolek Greczynski und Janos Marton, Künstler polnischer und ungarischer Herkunft, initiierten das Konzept „Living Museum“ als integrativen Ort für gelebte und lebendige Kreativität. Das Living Museum-Konzept betrachtet die Einbindung von Menschen mit Unterstützungsbedarf als gesellschaftliche Verantwortung und ruft dazu auf, sich im Living Museum zu integrieren und Inklusion gemeinsam zu leben. Das Konzept machte schnell Schule und wurde in vielen Ländern für unterschiedliche Ausrichtungen übernommen. Das Team der Bruderhaus Diakonie nahm in den letzten Jahren an vielen Treffen zum Thema teil und die Arbeit wurde 2020 mit der Bekanntgabe der Gründung des Living Museum Alb belohnt.

Außenansicht auf das Living Museum Alb mit Blick auf das Kunstatelier „Atelier artig“ im Erdgeschoss. Foto: Argiro Mavromatis
Ein Blick in das Gruppenatelier des Living Museum Alb. Hier arbeiten abwechselnd rund 30 Künstler*innen. © Bruderhaus Diakonie

Kulturelle Teilhabe in Buttenhausen

Die Verbindung zur Kunst wurde im kleinen Buttenhausen in wunderschöner Lage auf der Schwäbischen Alb nachhaltig durch den 1903 in Altshausen geborenen Korbmacher, Flugradbauer und Künstler Gustav Mesmer geprägt. Die künstlerischen Arbeiten des einstigen Sonderlings, der als „Ikarus vom Lautertal“ bekannt wurde, finden heute große Beachtung. Sein Leben allerdings, erzählt von der Tragik und Einsamkeit eines Außenseiters, für den es keinen rechten Platz in dieser Welt gegeben hatte und der mit seiner Kunst seine persönliche Utopie kreierte. Der Nachlass wird heute von der Gustav Mesmer-Stiftung betreut.

Gustav Mesmer mit einem seiner Flugfahrräder © Stefan Hartmaier / Gustav Mesmer Stiftung
Rund 1000 noch vorhandene Zeichnungen von Gustav Memser entstanden zwischen 1927 und 1993. © Stefan Hartmaier / Gustav Mesmer Stiftung

So fand die Kunst mit Gustav Mesmer ihren Weg ins beschauliche Buttenhausen. Heute arbeiten hier rund 70 Künstler*innen mit psychischer Erkrankung oder geistigen und körperlichen Behinderungen in den Atelierräumen – in einem ehemaligen Pflegeheim der Bruderhaus Diakonie. Bereits vor der offiziellen Gründung des Living Museum Alb, konnten Menschen mit Unterstützungsbedarf in den Atelierräumen des „Atelier artig“ Platz und eine große Auswahl von Materialien für ihre kreative Arbeit nutzen. Aus den ursprünglich kleineren Räume konnten man vor sieben Jahren in das Erdgeschoss des ehemaligen Pflegeheims umziehen. Im vergangenen Jahr entschloss sich die Bruderhaus Diakonie, das gesamte Gebäude mit zwei weiteren Stockwerken und einem großzügigen Außenbereich für die Nutzung freizugeben. Somit waren die räumlichen Voraussetzungen für das Living Museum Alb garantiert.

Eine große Auswahl von Materialien für die kreative Arbeit stehen den Künstler*innen frei zur Verfügung. Foto: Argiro Mavromatis
Der Räumlichkeiten bieten auch Platz für einzelne Atelierbereiche. Foto: Argiro Mavromatis

Kunst aus dem „Off“

Die Living Museum-Bewegung gründet auf der Auseinandersetzung mit Kunst von Autodidakten und Außenseitern. Diese besondere Kunstgeschichte aus dem „Off“ blickt auf eine lange Geschichte zurück.

Die Kunst der Außenseiter, der Autodidakten, die unverstellte künstlerische Sprache der Kinder und die Kunst psychisch und geistig erkrankter Personen, war vor allem für viele Künstler*innen der Moderne starke Quelle der Inspiration. Jean Dubuffet nannte sie die rohe Kunst, die sog. Art Brut. Er studierte die künstlerische Sprache, die so anders war, als das was die Akademien lehrten. In Deutschland war es Hans Prinzhorn, Psychiater und Kunsthistoriker, der sich im ausgehenden 20. Jahrhundert wissenschaftlich mit den Bildwerken seiner Patient*innen auseinandersetzte. Auf ihn geht die heute in Heidelberg ansässige Sammlung Prinzhorn zurück, die sich als „Museum für Kunst von Menschen mit psychischen Ausnahme-Erfahrungen“ versteht.

Spätestens seit Massimiliano Gioni im Jahr 2013 als künstlerischer Leiter der 55-igsten Biennale in Venedig den Fokus der Hauptausstellung auf die sog. Outsider-Art richtete, wurde die aktuelle Kunstwelt wieder stärker auf das enorme Potential der Kunst von Autodidakten und von Menschen mit einer psychischen Erkrankung oder einer geistigen Behinderung aufmerksam. Verstärkt wurde die Kunst aus dem „Off“ ausgestellt, Galerien nahmen sich den Künstler*innen oder auch deren Nachlässen an. Zwar haben diese Entwicklungen für eine gesteigerte Aufmerksamkeit gegenüber inklusiven Kunstinitiativen in der öffentlichen Debatte gesorgt, u.a. der Begriff „Outsider“ stößt aber auch auf Kritik. Immer noch werden in den Augen vieler, die sich für kulturelle Teilhabe engagieren, die Unterschiede stärker betont als die Gemeinsamkeiten.

Eine 2018 organisierte Gruppenausstellung im Albgut Münsingen unter dem Titel „Alb Brut“ richtete ihre Aufmerksamkeit auf die auffallend aktive Szene von Künstler*innen mit Unterstützungsbedarf in der Region rund um die Schwäbische Alb. Die Arbeiten zeichnen sich durch ihre hohe Qualität aus und haben bereits zahlreiche Preise gewinnen können.

Ein Museum im Prozess

Eine gesteigerte Aufmerksamkeit durch die Öffentlichkeit auf internationaler und schließlich auch auf regionaler Ebene konnte das Interesse der Entscheidungsträger wecken. Seit der offiziellen Eröffnung des Living Museums Alb sind viele helfende Hände aktiv. Vieles ist im Werden und Räume und Konzepte befinden sich im Entstehen.

Sarah Bogner öffnet die Tür zu den Ausstellungsräumen und weiteren Atelierräumen im ersten Stock. Im Hintergrund zu sehen sind Arbeiten von Josef Wicker. Foto: Argiro Mavromatis
Der große Balkon vor den zentralen Ausstellungsräumen bietet einen schönen Blick über Buttenhausen. Foto: Argiro Mavromatis

Neben Gruppen- und Einzelateliers für bildende Künstler*innen, sind im ersten Stock des Living Museums Ateliers für weitere Bereiche entstanden. Im Lyrikatelier wird der Umgang mit Sprache vertieft. Durch die Verbindung von Sprache und Bild entstehen kleine Bände u.a. die vom Museum publizierten Reihe der Pyxi Lyrik.

Blick in das neu entstandene Lyrikatelier. Foto: Argiro Mavromatis
Im Lyrikatelier entsteht u.a. die Reihe „Pyxi Lyrik“ mit Texten und Illustrationen von internen Künstler*innen. Auch Karten und andere Printprodukte entstehen. Kartenmotive von Rosa Alt. Foto: Argiro Mavromatis

Im Theateratelier werden Stücke einstudiert, die im großen Veranstaltungsgebäude gleich neben dem Living Museum aufgeführt werden. Die besondere Themenvielfalt betont außerdem das Naturatelier, wo in Zusammenarbeit mit dem Biosphärenzentrum Schwäbische Alb innerhalb von Workshops die umliegende Gegend erkundet werden kann. Mit dem Wissen soll mehr Lust und ein gesteigertes Gefühl von Sicherheit bei der Erkundung der Region vermittelt werden. Ein Sinnesgarten, ein Musikatelier und zwei zentrale Ausstellungsräume sind ebenfalls in Planung. 

In Zusammenarbeit mit dem Biosphärenzentrum Schwäbische Alb kann die Gegend erkundet werden. Foto: Argiro Mavromatis
Auch Einzelateliers finden in den oberen Stockwerken ihren Platz. Hier das Atelier von Andrea Piontek. Foto: Argiro Mavromatis
Sarah Boger und Dorothea Schwarz auf der Sonnenterasse des Living Museums Alb. Foto: Argiro Mavromatis

Ziel und Aussicht

Es ist dem Engagement von Sarah Boger, Dorothea Schwarz und Lisa Laukenmann, der Bruderhaus Diakonie und vielen weiteren externen Einzelpersonen und Institutionen zu verdanken, dass der Grundstein für einen lebendigen Ort geschaffen wurde, der ein Zuhause für künstlerisches Arbeiten und für eine Kunst ohne Grenzen bietet. Als inklusiver Ort für Teilhabe und Begegnung in unterschiedlichen kreativen Bereichen, bringt das Living Museum Alb Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Gemeinsam und/oder Tür an Tür soll hier künftig freikünstlerisch gearbeitet werden und eine große Bandbreite authentischer Kunst entstehen, die in wechselnden Ausstellungen und bei Veranstaltungen hoffentlich schon ganz bald wieder Besucher*innen und interessierten Teilnehmer*innen präsentiert werden kann. Man darf gespannt sein, was hier noch alles entstehen wird!

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