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Vom Vergnügungsmagnet zur Inspirationsquelle – Brightons West Pier

Im viktorianischen Zeitalter, im 19. Jahrhundert in Großbritannien, kam es zu einem regelrechten Bauboom in den Küstenorten. Sogenannte Vergnügungs-Piers ergänzten das Freizeitangebot. So auch in Brighton. Am 6. Oktober 1866 wurde der West Pier eröffnet, der bis heute der Promenade einen ganz besonderen Charme verleiht.

Ein Pier – bestimmt hatte jede*r von uns schonmal die Gelegenheit einen betreten zu können. Sei es am Badesee um die Ecke, beim Segeln mit Freund*innen, in den USA beim Erkunden der weltbekannten Docks in Manhattan oder San Francisco. Oder eben in Großbritannien, wohin wir euch heute mal wieder entführen möchten.

Der Run auf die Küstenorte –  das etwas andere Freizeitangebot auf dem Wasser

Das schon im 19. Jahrhundert sehr gut ausgebaute Eisenbahnnetz ermöglichte einen großen Ansturm auf die Küstenstädte. Neben einer Auszeit vom Alltag für Körper und Seele – viele Küstenorte florierten dank der heilbringenden Naturkräfte des Meeres zu „Kurzentren“ – stand Vergnügen auf der Tagesordnung. Besonders beliebt war das Baden im kühlen Nass des Meeres.

Doch dies war aufgrund der Gezeiten nicht immer ungeplant möglich. Das Meer zog sich mancherorts so weit zurück, dass es vom Strand aus nicht mehr zu sehen war. Man musste sich weitere Freizeitangebote für die vielen Gäste überlegen.

Blick in Richtung Osten. Zu sehen ist neben dem Stahlskelett des West Piers der Turm i360 und der Brighton Palace Pier im Hintergrund. Foto: © Elisabeth Weiß.

So kam es im 19. Jahrhundert, im sogenannten viktorianischen Zeitalter, zu einem regelrechten Vergnügungs-Pier-Bauboom. Gerne direkt über Stege oder Brücken mit den Promenaden verbunden, wurden im Wasser auf Holzpfählen oder Eisenkonstruktionen Decks errichtet. Souvenirläden, Achterbahnen, Pavillons, Restaurants und vieles mehr sind auch heute noch auf den zahlreichen, noch existierenden Vergnügungs-Piers zu finden. 

Doch einige dieser architektonischen Meisterwerke haben ihren alten Prunk verloren und erstrahlen heute in einem ganz anderen Glanz, so wie der West Pier in Brighton.

Der West Pier aus Sicht der Promenade. Foto: © Christine Müller.

Ein Erholungsort der Extraklasse – der West Pier in Brighton

Entworfen von dem britischen Architekten und Ingenieur Eugenius Birch (* 1818, † 1884) wurde der West Pier nach nur drei Jahren Bauzeit am 6. Oktober 1866 eröffnet. Seine Erbauung fiel in die Hochzeit des Vergnügungs-Pier-Baubooms. 22 Piers wurden allein in den 1860er-Jahren neu konstruiert. Birch sah die Hauptnutzung in einer Erweiterung der Promenade. Die vielen Badetouristen sollten so die Möglichkeit haben auf einer Länge von 340 Metern und einer Breite von 95 Metern frische Seeluft zu genießen. 

Feste Verankerung im Meeresboden fand die Seebrücke durch aus Eisen gegossene Gewindesäulen, die durch das Einschrauben in den Boden großen Halt versprachen. Eisenbeschläge im oberen Aufbau, sowie jegliche Dekoration nahmen Bezug auf den Royal Pavilion (In unserem ersten Text zu Brighton könnt ihr auch eine Aufnahme des Palastes finden.) Ein Musikpavillon, ein durchgehend angebrachter Wetterschutz sowie Schirme aus Glas am Ende des Piers ließen einen dortigen Spaziergang zu einem großen Vergnügen werden. Außerdem galt die Luft direkt über dem Wasser als Heil bringender.

Unterhaltung pur auf dem West Pier

1893 wurde der Pier um einen Pavillon erweitert. Circa 1400 Besucher*innen sollten hier die Möglichkeit nutzen Konzerten beizuwohnen. So schwand nach und nach die von Birch gewünschte Hauptnutzung und die Unterhaltung der Gäste stand immer mehr im Mittelpunkt. Aus diesem Grund, wie auch durch die immer größer werdende Konkurrenz auf dem Brighton Palace Pier, wurde 1916 eine neue Konzerthalle gebaut. (Kurzer Einschub: Der Brighton Palace Pier liegt circa einen Kilometer östlich vom West Pier. Eröffnet wurde er 1899 und ist bis heute ein gern besuchter Ort in Brighton.)

Der West Pier von Osten aus aufgenommen. Foto: © Elisabeth Weiß.

Dieser Saal kann als weitere architektonische Besonderheit angesehen werden. Gusseiserne Bögen schenkten ihm ein unvergleichliches Aussehen. Viele Jahre lang konnte hier verschiedensten Musikaufführungen beigewohnt werden. 

Sowohl die einzigartige Architektur, als auch die zahlreichen Unterhaltungsangebote waren ein Publikumsmagnet. Belegt sind um die zwei Millionen Besucher*innen allein im Jahr 1918. In den 1950er-Jahren wurde die Konzerthalle zu einem Restaurant und einem Tea Room umgebaut, der Pier mit verschiedensten Vergnügungsangeboten ergänzt. Trotz eines bestehenden Andrangs reichte das Einkommen nicht aus, um für Instandhaltungskosten aufzukommen. Die Konstruktion sah sich zusehends dem Verfall ausgesetzt. Aus diesem Grund mussten bereits 1970 Teile des Piers für die Öffentlichkeit geschlossen werden. Vom Stadtrat verhängte Zwangsreparaturen konnten nicht umgesetzt werden. So wurde der gesamte Pier 1975 geschlossen.

Zerfall und dennoch Glanz

In den kommenden Jahren wurden immer wieder Versuche unternommen den einzigen, 1982 als denkmalgeschützt eingestuften, Pier zu restaurieren. Es wurde eigens dafür der West Pier Trust gegründet. Doch zu einer Rettung des West Piers kam es leider nicht mehr. 

Ein Tag am Strand mit Sicht auf den West Pier. Foto: © Christine Müller.

Enorme strukturelle Schäden erhielt er während eines großen Sturms im Jahre 1987. Nur wenige Jahre später wurde aus Sicherheitsgründen der Zugang von der Promenade aus entfernt. In den 2000er-Jahren kam es wohl zu den gravierendsten Veränderungen. Ein großer Sturm im Dezember 2002 ließ den noch bestehenden Verbindungssteg einstürzen, nach und nach zerlegte sich Teil für Teil. 

Einige Pfähle des ehemaligen Zugangsstegs. Foto: © Elisabeth Weiß.

Zwei Brände am 28. März und am 11./12. Mai 2003 fügten dem Gelände weitere Schäden zu. Der fortschreitende Zerfall, der durch starke Winde unterstützt wurde, veranlasste im Juni 2004 English Heritage, das englische Amt für Natur- und Kulturdenkmalschutz, den Pier als irreparabel einzustufen. Immer wieder verabschieden sich Teile und finden, getrieben durch die Wellen des Meeres, einen neuen Ort zum Verweilen. 

Bestand für die Ewigkeit

Bis heute prägt der West Pier als Ruine die Uferpromenade Brightons. Auf dem gusseisernen Skelett finden tausende Stare einen ruhigen Ort für eine Pause. Und nicht nur auf den Fotos der zahlreichen Gäste und Einwohner*innen Brightons und Hoves bleibt er für die Ewigkeit bestehen. Er dient als Inspirationsquelle für Künstler*innen. So finden sich in den kleinen Shops in der Stadt ganz verschiedene Kunstwerke.

Sobald das Reisen wieder möglich ist und es euch nach Brighton ziehen sollte, empfehlen wir euch eine Fahrt mit dem i360. Von oben hat man nicht nur einen tollen Blick auf Brighton und Hove, sondern auch auf die sehenswerte Ruine des West Piers. Bis dahin laden wir euch ein, einen Blick in die folgenden Videos zu werfen. 

Hier könnt ihr knapp 13 Minuten lang den Charme des West Piers erleben:

In den folgenden sieben Minuten geht es um den Aufstieg und Fall des West Piers:

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