Gabriel Rossell-Santillán, Flowers Beneath our Feets. Against Epistemicide (c) Peter D. Hartung
Ausstellungen

„Die Vibration der Dinge“ – 15. Triennale Kleinplastik Fellbach

Welche Energien und Resonanzen umgeben ein (Kunst-)Objekt? Über 50 internationale Künstler:innen versammelt die Triennale Fellbach in der Alten Kelter in diesem Jahr. In ihren Werken schwingen und klingen gesellschaftsrelevante Fragen nach Restitution, Verantwortung und Besitzanspruch über die Natur.

Die Stadt Fellbach bei Stuttgart präsentiert von Juni bis Oktober 2022 die Kleinplastik-Triennale in der 15. Ausgabe. Dabei ist die Bezeichnung „Klein“ als räumliches Maß skulpturalen Ausdrucks – im Vergleich zu den Anfängen der Triennale in den 1980er Jahren – heute ein sehr dehnbarer Begriff. Die Skulpturen und Plastiken sind mitunter raumgreifend; sie sind nicht nur physisch sichtbar und greifbar, sondern auch hörbar. Zu einigen Installationen gehören Videos oder augmented reality. Zudem erscheint zum ersten Mal eine digitale Ausgabe, die über die Homepage abrufbar ist. 

Die international anerkannte Ausstellung wurde in dieser Edition unter den Titel „Die Vibration der Dinge“ gestellt. Die Hauptkuratorin Elke aus dem Moore und ihr Kurator:innen-Team (Memory BiwaGabriel Rossell SantillánAntje Majewski) möchten hiermit die Lebendigkeit und Resonanzfähigkeit von Objekten und Kunstwerken in den Mittelpunkt und damit zur Diskussion stellen. Welche Energien und Schwingungen verinnerlichen und veräußern Kunst(-objekte)? Und werden diese durch eine Migration verändert?


Anhand der Resonanzen der Dinge geht die Triennale Fellbach gegenwärtigen Grundsatzfragen nach Verantwortung, Restitution, Recht auf Besitz und Eigentum nach. Diese Themen treffen auf den Zeitgeist, denn sie werden auf den Großausstellungen dieser Jahre in verschiedenen künstlerischen und kuratorischen Ansätzen verhandelt.

Blick in die Alte Kelterei bei der Triennale Fellbach 2022
Frontansicht Triennale Alte Kelter (c) Peter D. Hartung

Die Alte Kelter in Fellbach

Der Ausstellungsort: Das historische Gebäude in Fellbach war Anfang des 20. Jahrhunderts die größte Kelterei Württembergs. Die Industriehalle erlangte durch den Einsatz von Holzfachwerk einen rustikalen Charme, der auch nach der Renovierung im Jahr 2000 durch den offenen Dachstuhl beibehalten wurde. Im Folgejahr wurde die Triennale, die es seit 1980 in regelmäßig wechselnder Kurator:innenschaft gibt, in die Alte Kelter verlegt. Es stehen 2500 Quadratmeter als Ausstellungsfläche zur Verfügung.

Der offengestaltete Eingangsbereich lässt direkt einen Blick in die Weite des Ausstellungsraumes zu. So verdichtet sich meine Ahnung, dass die Mitwirkung von über 50 Kunstschaffenden eine immense Vielzahl an Kunstobjekten bedeutet. Einige weiße mobile Wände und helle textile Abtrennungen, bringen etwas Ruhe und (kleine) räumliche Abgrenzungen in den großen Raum.
Ausgestattet mit einem Lageplan und der Objektliste beginne ich meinen Rundgang durch die Alte Kelter. Jede der vier Kuratierenden bespielt einen eigenen Bereich in der Halle, die allerdings nicht sichtbar abgetrennt sind. Die Co-Kurator:innen sind gleichzeitig Künstler:innen. So finden sich in den einzelnen Bereichen deren eigene künstlerische Arbeiten sowie von weiteren Künstler:innen, die sie für ihre Konzepte gewinnen konnten. Elke aus dem Moore, die Direktorin der Akademie Schloss Solitude, versammelt beispielsweise verschiedene europäische und internationale Künstler:innen entlang des Mittelganges. Den Fokus meines Artikels möchte ich aber auf die Arbeiten und Positionen der Co-Kurator:innen und deren Kunstschaffende legen.

Memory Biwa

Auf der rechten Seite der Kellerei eröffnet sich zunächst der Bereich, der von Memory Biwa kuratiert wurde. Die Künstlerin, die aus Windhoek stammt und in diesem Jahr für die Akademie Schloss Solitude die „Namibia-Deutschland-Initiative“ kuratiert, arbeitet autobiographisch zur Kolonialzeit und zum Völkermord in Namibia. In Fellbach vereint sie unter dem Motto „Sonorous Bodies“ (Klingende Körper) fünf weibliche Künstlerinnenpositionen aus dem südlichen Afrika. Wie ihr Titel vermuten lässt, erforschen sie die Akustik, die Resonanz von Objekten in Beziehungen zu Personen und der Ökologie.


„Was passiert mit dem Leben eines enteigneten Gegenstandes? Behält er seine klangliche Präsenz? (…) Wir bieten einen Reflexionsprozess über die Schwere der widerhallenden Geschichten zwischen geraubten Objekten, Personen und Geografien an, der im Kontext von Rückforderungs- und Restitutionsprozessen mit Ambiguitäten und Brüchen belastet ist.“

S. 119, Ausstellungskatalog


Zum besseren Verständnis führt Biwa im Ausstellungskatalog das Beispiel einer Halskette einer vor 100 Jahren ermordeten Namibierin an, die im Linden-Museum Stuttgart ausgestellt wird. Die Kette wurde in einer vergangenen Ausstellungsanordnung zusammen mit der Stimmaufzeichnungen der Frau dargeboten. Biwa fragt inwiefern die Identität dieser Frau auf das Objekt Kette übergegangen ist. Welche Bedeutung erhält das Raubobjekt an dem ursprungsentfernten Ort und Museum?

Stephané Edith Conradie, sleepwa (c) Peter D. Hartung
Stephané Edith Conradie, sleepwa (c) Peter D. Hartung


Biwas Projekt, das über die Triennale hinaus fortgeführt werden soll, bietet eine Plattform für Künstlerinnen, Schriftstellende und Performende. 
Zu den Künstlerinnen, die die Co-Kuratorin hinzugezogen hat, gehört auch Stephané Edith Conradie. Die junge, in Kapstadt arbeitende Künstlerin zeigt in Fellbach Teile ihres Projektes „The Trailer“. Conradie wandelte dafür auf den Spuren ihrer Vorfahren, den Basters. Sie sind eine aus Indigenen, Europäer:innen und ehemaligen Sklav:innen bestehende Gruppe, die jahrhundertelang ohne feste Verwurzelung umherzog. Auf Conradies Weg, der die Migration dieser Gruppe nachempfinden soll, sammelt sie Gegenstände, die an die Basters erinnern. Es sind Haushaltsgegenstände, Dekorationselemente oder Selbstgebasteltes, die in einem Holzkarren aufbewahrt und weiter transportiert werden. In Kapstadt arrangiert die Künstlerin aus den Karrenteilen, den Fundstücken und Harz überladene Assemblagen. Die Objekte tragen das personalisierte, nachklingende Echo des Kolonialismus und der Kreolisierung (Gesellschaftlicher Prozess von kultureller Durchmischung, an dessen Ende eine neue Kultur entsteht). Conradie wurde dieser Tage mit dem Nachwuchspreis der Triennale Fellbach ausgezeichnet. 

Gabriel Rossell Santilláns

Läuft man weiter stößt man im hinteren Bereich der Alten Kelter auf die von Gabriel Rossell Santilláns kuratierte Fläche. Das kollektive Projekt des Co-Kurators und sieben weiterer Künstler:innen läuft unter dem Titel „Flowers Beneath Our Feet. Against Epistemicide“ (Blumen unter unseren Füßen. Gegen Epistemizid). Durch das Medium des textilen Webens erzählen die Künstler:innen von Enteignung und Widerstand im Kontext der Kolonialisierung im Pazifikraum. Aus farbigen oder schwarzweißen Fäden entstehen Wandteppiche mit Landschaftselementen oder fiktiven Tier- und Pflanzenwelten. Die Vibrationen von indigenen Kulturen in postkolonialen Zeiten schwingen raumgreifend in der Alten Kelter. 

Gabriel Rossell-Santillán, Flowers Beneath our Feets. Against Epistemicide (c) Peter D. Hartung
Gabriel Rossell-Santillán, Flowers Beneath our Feets. Against Epistemicide (c) Peter D. Hartung


Rossel Santilláns selbst stammt aus Mexiko und stellt auch einen eigenständigen Beitrag aus dem Jahr 2006 in der Triennale aus. „Obsidiano ist eine Installation bestehend aus Videopräsentation via Laptop und vulkanischem Gesteinsglas, dem Obsidian. Der Künstler möchte der indigenen mexikanischen Gemeinschaft namens Wixárika deren Wissen und Erinnerungen über heilige Zeremonien zurückgeben. Der Obsidian dient sinnbildlich als spiegelnde Projektionsfläche damit die Zeremonie, die auf dem Laptop abgespielt wird, nicht linear kontextualisiert und von der Moderne absorbiert wird.

Antje Majewski

Die dritte Co-Kuratorin ist Antje Majewski. Die Künstlerin vereint die Medien Malerei, Video, Performance und Text. Ihre Arbeitsschwerpunkte Anthropologie und Philosophie bindet sie auch in diese Ausstellung mit ein. Majewskis kollaboratives Projekt nennt sich „Sculpture Forest Sanctuary“, übersetzbar mit „Skulpturen-Schutzwald“. Die Installation, die im Rahmen der Triennale an zwei Orten zu sehen ist, thematisiert die Fragen nach Eigentum sowie Inbesitznahme von Natur und Boden und nimmt vor allem auf westlich gelesene Gedanken zum Ökosystem Bezug. 

Zusammen mit acht weiteren Künstler:innen entstand eine Skulpturengruppe, die an ein Waldstück bei Fellbach übergeben wurde. Die Skulpturen stellen Schutzgeister dar und fungieren sinnbildlich als solche. So verbleiben sie nach Ende der Triennale verbleiben im Fellbachsie dort. Die Kunstwerke sind aus natürlichen Materialien angefertigt, so dass sie nach und nach vom Wald und der Umwelt eingenommen werden. Zusätzlich gibt es ein Abkommen mit den Waldbesitzer:innen: Die Kunstwerke werden gegen die Unberührtheit des Waldes eingetauscht. Mindestens 100 Jahre lang soll und darf dieses Waldstück – bis auf einen schmalen Pfad, der entlang der Skulpturen verläuft – von Menschen nicht mehr betreten werden.

Das Projekt „Sculpture Forest Sanctary“ startete 2020 für die Biennale Gherdëina in den Dolomiten. Auch dort wurden Skulpturen für ein Waldstück erarbeitet und übergeben. Die Künstler:innen fertigten in Fellbach weitere Skulpturen an, die für ein Waldprojekt in der Zukunft ausharren. „Sculpture Forest Sanctuary“ orientiert sich mit seiner Grundidee an „Heiligen Wäldern“ in Südchina oder Westafrika, die sich selbst überlassen sind. In Deutschland entsprechen solche Waldarten gerade einmal einem Prozent. Für die Schutzgeister, deren Gesichter ernst und mahnend dreinblicken, teils körperlos, teils losgelöste Körperteile, wurden unter anderem jägerstand-artige Behausungen gebaut 

Einigen im Maßstab verkleinerten Duplikate der im Wald aufgestellten Kunstwerke begegne ich, auf Rindenmolch gebetet, gegen Ende meines Rundganges durch die Alte Kelter. Mit einem Zaun aus groben Ästen wird dort eine organische Form begrenzt, die in ihrer Mitte eine junge, welkende Buche beherbergt.

Vermittlungsprogramm und Digitale Edition 

Im Rahmen des Vermittlungsprogrammes der Triennale Fellbach von Nikola Hartl gibt es unter dem Namen „Resonanzen – den Dingen häufiger zuhören“ eine Reihe von Vorträgen, Workshops und Konzerten. Auf dem Youtube-Kanal der Stadt Fellbach sind einige der Veranstaltungen online zu finden. Beispielsweise das spannende Gespräch zwischen der Künstlerin/Kuratorin Antje Majewski und der ökologischen Ökonomin Dr. Irene Schöne konkret zu diesem Thema der „Sich selbst gehörenden Natur“. 

Zum ersten Mal wird die Triennale Fellbach in einer digitalen Edition fortgeführt. Die Berechtigung, dass eine Kleinplastik auch im nichtgreifbaren Raum existieren kann, wird wie folgt von Elke aus dem Moore argumentiert: „Skulpturale Objekte entstehen heute nichtmehr nur durch die physische Bearbeitung von Material, sondern auch unter Einbeziehung von Algorithmen, spezifischen Softwares, und lassen uns den Begriff der skulpturalen Plastizität neu denken.“ 

Mary Maggic, Recombinant Commons, 2019 (c) Peter D. Hartung


Sechs internationale Künstler:innen bereichern diesen mit ihren perspektivisch sehr unterschiedlichen Beiträgen. Darunter Mary Maggic, die in der Alten Kelter mit dem „retro-futuristischen“ Triptychon „Recombinant Commons“ (2019) zu sehen ist. Das Werk thematisiert die Auswirkungen von Plastik auf den menschelichen Körper, einhergehend mit der (un-)gewollten Einnahme von Hormonen in einem patriarchalen Kapitalismus. Das Triptychon setzt sich aus lebenden Organismen, Latex, Abfall und einer Projektion zusammen. Online findet man zudem Marry Maggics Video „Genital(*) Panic“ (2021). Die queere Künstlerin beschäftigt sich dort mit dem seit Jahrhunderten überwachten und kontrollierten Körper, genauer mit den Genitalien. Es werden 3D-Scans des Genitalbereichs gezeigt, die zur Abstandsmessung für die Errechnung des Fortpflanzungspotenzials angefertigt wurden. So möchte Maggic auf die Diversität dieser tabuisierten Körperbereiche und deren natürliche Ästhetik hinweisen.
Die weiteren Künstler:innen der digitalen Edition sind Nora Al-BadrisTiare RibeauxNkhensani MkhariJan Nikolai Nelles und Mohsen Hazrati

Fazit zur 15. Triennale Kleinplastik Fellbach

Die 15. Triennale Kleinplastik in Fellbach vereint verschiedene Formen der skulpturalen und multimedialen Auseinandersetzung. Die beteiligten Künstler:innen weisen durch das Hinterfragen gesellschaftlicher und ökonomischer Zustände auf die Aktualität, Notwendigkeit und Dringlichkeit dieser Themen hin, die die Zukunft der Erde samt Natur, Mensch und Objekten bedingen. Ansichten und (Leidens-)Geschichten indigener Gruppen werden an uns Europäer:innen durch die Resonanzkraft von (Kunst-)Objekten herangetragen und so alternative Lebensentwürfe vorgestellt. 
Um die Vielzahl der dargebotenen künstlerischen Positionen ausführlich zu betrachten und zu durchdringen, sollte man die Ausstellung mehrmals besuchen. Nicht zu vergessen, die bewaldete „Außenstelle“ der Triennale mit den Skulpturen von und mit Antje Majewski.

Lediglich die Orientierung mit dem durchnummerierten grafischen Lageplan und der Objektliste zu den Werken im Raum, die keine Nummern trugen, empfand ich persönlich als umständlich. Aber dies stellt eine zu vernachlässigende Hürde dar. Der Katalog – herausgegeben von Elke aus dem Moore und Jandra Böttiger – ist äußerst umfangreich, ansprechend gestaltet und sehr zu empfehlen (die meisten Texte daraus, finden sich auch auf der Homepage der Triennale).
Mit der Nachbereitung der Ausstellung und Kontextualisierung einzelner Kunstwerke verstärkt sich bei mir als Besucherin noch einmal deutlicher „die Vibration der Dinge“.

Die 15. Triennale Kleinplastik in Fellbach ist noch bis zum 3. Oktober 2022 zu sehen.

Katalog: Aus dem Moore, Elke/Böttger, Jandra (Hrgs.): Die Vibration der Dinge. 15. Triennale Kleinplastik Fellbach, Ausst.-Kat., Fellbach 2022

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