Eine Vielzahl an Pinseln, die mit ihren Borsten nach oben zeigen.
Künstler:innen

Im Gespräch mit: Mirjam Thaler

Malfarben kommen nicht nur aus der Tube. Die Tübinger Künstlerin Mirjam Thaler mischt ihre Ölfarben selbst und beschäftigt sich mit Werkstoffen sowie künstlerischen Materialien. Auf der Suche nach dem Wesen der Farbe fand sie zur eigenen Farbherstellung. Wie das kam, hat sie uns bei einem Gespräch in ihrem Atelier verraten.

Der erste Besuch in einem Künstler:innen Atelier ist immer mit ein wenig Aufregung verbunden. Es ist ein Einblick in einen persönlichen und individuellen Arbeitsraum, der aber zugleich eine Offenheit ausstrahlt und einlädt, näher zu treten und zu entdecken. Viel Platz und Licht sind dabei oftmals Voraussetzung: Das Atelier in der Südstadt von Mirjam Thaler wirkt groß und hell. Von der Türe aus gesehen direkt auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes hängt bei unserem Besuch eine hochformatige Leinwand an der Wand – das Gemälde befindet sich noch mitten im Entstehungsprozess. Rechts daneben auf mehreren Regalbrettern stapeln sich verschiedene Dosen und Tiegel mit allerlei Pigmenten. Die hochkonzentrierten, leuchtenden Farben strahlen in den Raum hinein. Dass Farbe, ob materiell oder immateriell, hier im Mittelpunkt steht, ist nicht zu Übersehen.

Zum ersten Mal haben wir Mirjam im Sommer 2021 bei ihrer Ausstellung „Sounds of Colour“ in der Galerie Peripherie im Sudhaus in Tübingen getroffen. Die hohen Räume der Galerie boten ihren großen Leinwänden viel Platz und Raum und wir wurden neugierig, wie diese Farbräume entstehen. Dass ein Besuch in ihrem Atelier und ein Gespräch nun geklappt haben und wir dieses mit euch teilen können, freut uns umso mehr.

Liebe Mirjam, schön, dass wir uns hier in deinem Atelier in Tübingen treffen. Wie und wann bist du zur Kunst gekommen?

Schon als Kind. Ich habe in meiner Kindheit viel beobachtet, gezeichnet und gemalt, Naturstudien drinnen und draußen gemacht. Farbe hatte ich erst nur in Aquarellen. Ungefähr mit 13 habe ich mit Öl angefangen zu malen. Das ist dann auch in der Schule aufgefallen und ich bekam Unterstützung.

Wolltest du schon immer Künstlerin werden?

Eigentlich ja, aber von zu Hause aus war da der Wunsch nach einer soliden Berufstätigkeit mit finanzieller Sicherheit. Ich habe dann auch etwas Zeit gebraucht, mir dieses Selbstbewusstsein zu schaffen, dass ich als Künstlerin arbeiten möchte. Darum habe ich erst ein Studium der Kunstwissenschaft angefangen.

Vor deiner künstlerischen Ausbildung hast du ja nicht nur Kunstwissenschaft, sondern auch Philosophie studiert.

Genau. Während der ersten Studienjahre wurde aber immer deutlicher, dass ich Bildende Kunst studieren möchte. Ich habe gemerkt: Ich will das – und mich dann an mehreren Kunstakademien beworben. Nach der Aufnahmeprüfung und der Zusage für die Kunsthochschule in Kassel war mir sehr klar, dass das die richtige Entscheidung war.

Gibt es also Verbindungspunkte zwischen deinem theoretischen Studium, dem Sprechen über Kunst, und deiner künstlerischen Praktik, dem Anfertigen von Werken?

Nun, ich sehe die Kunstwissenschaft schon als Fundament: Für mein eigenes Arbeiten brauche ich eine geschichtliche und wissenschaftliche Basis. Ich kann es mir kaum vorstellen, Malerin zu sein, ohne in meiner Kindheit so viele Naturstudien gemacht zu haben oder mich nicht mit der kunsthistorischen Vergangenheit auseinander gesetzt zu haben.

Auf einem Wandregal stehen und liegen Bücher zur Kunst und Kunsttechnik. Dazwischen befindet sich ein Lautsprecher
Eine Auswahl von Mirjams Büchern zur Kunst sowie Handbücher zu Werkstoffen und künstlerischen Materialien.

Welche Herausforderungen und Erfolge hast du aus deinem Studium in Bildender Kunst an der Kunsthochschule in Kassel mitgenommen? Gab es einen nachhaltig prägenden Moment?

Das Studium war eine recht glückliche und freie Zeit – mitten in den 1990er Jahren, die ja insgesamt spannend und wechselvoll waren. Sowohl der Austausch mit Kommilitonen als auch die regelmäßigen Arbeitsbesprechungen in der Klasse haben dabei eine große Rolle gespielt, weil hier wirklich Diskurs über künstlerisches Schaffen stattfand.

Nun lebst und arbeitest du in Tübingen. Was hat dich hierhergeführt?

Die Liebe, so ist das halt [lacht].

Vernetzt du dich mit anderen Künstler:innen aus der Region und tauscht ihr euch zum künstlerischen Arbeiten aus?

Ich war zuvor mit meinem Atelier im Französischen Viertel und zusammen mit anderen Künstler:innen haben wir dort gemeinsam die „Offenen Ateliers“ veranstaltet.

Als Mitglied bin ich im VBKW [Verband Bildender Künstler und Künstlerinnen Baden-Württemberg] und Teil der Regionalgruppe aktiv. Wir arbeiten gerade an einem gemeinsamen Projekt und tauschen uns dazu künstlerisch aus, doch wie in vielen Bereichen läuft das derzeit über Videokonferenz.

An eine Wand gelehnt stehen zwei abstrakt bemalte Leinwände. Im Hintergrund sind viele Leinwände vertikal aufbewahrt.
Blick auf die ‚Malwand‘ an der Mirjam ihre Werke aufhängt, um daran zu arbeiten.

Du warst auch als Restauratorin für Wandmalerei tätig. Wie bist du dazu gekommen und was hat dich daran begeistert?

Mit Restaurierung bin ich während des Studiums in Kassel in Kontakt gekommen. Ich hatte verschiedene Jobs und mir war wichtig, im künstlerischen Umfeld und Metier zu bleiben und zu arbeiten – auch weil ich handwerklich insgesamt nicht allzu ungeschickt bin. Im Schloss Wilhelmshöhe wurde damals das Depot umgeräumt und die Studierenden der Kunsthochschule konnten das Team der Restaurator:innen unterstützen. Da gab es von der Antike bis zur Gegenwart von allem etwas. Dieser erste Austausch mit Restaurierung war hochspannend.

Mich hat dann besonders die Wandmalerei interessiert und ich konnte in Tübingen bei einem Restaurator für Wand- und Deckengemälde arbeiten, einerseits um Geld zu verdienen, andererseits, weil mich die Werkstofflichkeit und die Herstellung schon damals interessiert haben und bis heute ansprechen. Ich konnte vieles über ‚das Alte‘ und traditionelle Techniken erfahren: Wie sind die Fresken historisch entstanden? Wie wurde Wandmalerei betrieben? Wie funktioniert das Freilegen von Objekten? Bei der Erhaltung von Wandmalerei werden Schichten freigelegt oder abgetragen. In meiner Malerei und auf der Leinwand mache ich genau das Umgekehrte: Ich lege Schichten übereinander.

Für das Retuschieren mussten wir mit Pigmenten die Farbtöne wiederfinden oder diese zumindest so nah wie möglich an die Tonwerte der zu restaurierenden Malerei angleichen. Malerisch wird dabei mit der sogenannten Strichretusche gearbeitet, die eine Restaurierung nachvollziehbar macht und zugleich reversibel ist. Mich hat das sehr fasziniert, dieses Stoffliche, Handwerkliche und mit Pigmenten Farbe herzustellen. Da entstand auch mein Wunsch, dass ich meine eigenen Farben für meine Malerei herstellen wollte.

Eine Frau vor einer abstrakten Leinwand mit einer Pigmentdose in der Hand.
Mirjam erklärt uns die Welt der Pigmente.

Hast du aus dieser restauratorischen Tätigkeit etwas für deine eigene künstlerische Arbeit mitgenommen? Machst du dir Gedanken, wie sich deine Werke konservatorisch verhalten werden?

Aus der Restaurierung übrig geblieben ist vor allem das Interesse an der Farbherstellung und den historischen Rezepten. Aber für meine eigenen Bilder treffe ich keine tiefgründigen konservatorischen Vorkehrungen. Ölmalerei ist im Prinzip, wenn man die Schichten richtig aufeinander aufbaut, eigentlich von sich aus sehr lange haltbar.

Es gibt ja berühmte Künstler aus dem frühen 20. Jh., die handwerklich nicht so sauber gearbeitet haben und heute umfangreich konserviert oder restauriert werden müssen – im Gegensatz zu Alten Meistern (und Meisterinnen). Die Malschicht platzt auf oder es entsteht Craquelé; da ging es ja aber nicht immer so sehr um die korrekte handwerkliche Maltechnik, wie in den Jahrhunderten zuvor. 

Craquelé: ein Sprung- und Rissnetz, das durch die Maltechnik selbst oder die äußeren Bedingungen entstehen kann, denen ein Gemälde ausgesetzt war.

Wie würdest du deine Kunst beschreiben?

Die Farbe ist sich selbst genug.
Malerei ist Farbe und Licht. Farbe kommt nicht ohne Licht aus.
Und mich beschäftigt, wie Farbe im zweidimensionalen Raum ausgelotet werden kann, wie sie zu Farbräumen wird und Tiefe gewinnt.

Magst du uns einen motivischen Überblick zu deinem bisherigen Schaffen geben? Also was du thematisch vor einigen Jahren gemacht hast und was dich heute interessiert. Gibt es Themen oder Motive, die dich wiederkehrend begleiten?

Ich komme aus der Landschaftsmalerei, die mir bis heute erhalten blieb. Das ist wiederum inspiriert aus den vielen Naturerfahrungen meiner Kindheit. Heute lege ich das aber mehr auf Empfindungen aus: Lichtreflexe durch ein Blätterwerk, Farbenspiele, Landschaftszüge im Nebel, wenn sich plötzlich etwas auflöst und diese Abstraktion sich in der Malerei wiederfinden kann. Vor allem Farbräume, die in der Natur stattfinden.

Würdest du dich also als Landschaftsmalerin bezeichnen oder findest du derartige Kategorien einschränkend?

Ich male zwar immer wieder Landschaftsräume und meine Farbräume haben auch einen Bezug zur Landschaft. Aber inzwischen sehe ich das mehr als eine offene und immaterielle Beschreibung.

Beim Farbraum stehe ich als Mensch davor, als ob ich ihn betreten und erfahren könnte – so wird dieser auch zu einer Art Landschaft, aber mehr noch zur Umgebung.

Mit welchen Materialien arbeitest du?

Tempera, also Ei und Pigmente. Selbst angerührte Ölfarbe.
Bei Pigmenten probiere ich ganz viel. Ich bin großer Fan von Kremer Pigmente, ein regionales und dennoch weltweit bekanntes Unternehmen, die historische Pigmente nach alten Rezepten herstellen. Dort werden scheinbar verloren gegangene Rezepte der Pigmentherstellung wiederbelebt, teilweise kann das Jahre dauern. Ich bewundere da die Schwaben mit ihrem Erfinder- und Pioniergeist.

Auch bei den Bindemitteln probiere ich mich aus: Kasein oder verschiedene Öle. Meist aber verwende ich ganz klassisch Leinöl, das dann verschieden verdünnt werden kann. Und mittlerweile mache ich auch die Grundierung für die Leinwand selbst.

Auf Wandregalen stehen Pigmentdosen aller Farben.
Pigmentsammlung im Atelier.

Deine Farben stellst du mit traditionellen Techniken her. Greifst du auf historische Rezepte zurück?

Ja, selbstverständlich. Aber historische Rezepte nehme ich auch gerne als Grundlage, um mit diesen weiterzuarbeiten und zu experimentieren. Werkstoffkunde finde ich einfach wahnsinnig spannend und es gibt noch so viel zu lernen [lacht mit leuchtenden Augen].

Die fertigen, handelsüblichen Farben sind schon auch sehr gut. Aber ich war auf der Suche nach dem Wesen der Farbe und deshalb ist die eigene Herstellung für mich auch so wichtig geworden. Die Verbindung von Leinwand, Farbe, meinem Farbauftrag – das war ein System, das ich für mich entschlüsseln wollte. Das gehört inzwischen als fester Bestandteil zu meiner Malerei dazu.

Welche Vorteile hat die eigene Farbherstellung? Und welche Nachteile?

Vorteil: Für mich fühlt es sich unmittelbarer an, direkter. Und mein Einfluss auf den Farbauftrag ist viel größer.

Nachteil: Bei Tempera kann es manchmal sein, dass beim Auftrag die Farbe noch etwas dunkel und nass ist, während sich diese beim Auftrocknen verändert, das kann schon überraschen [lacht]. Und ich bin schon auch mal zu ungeduldig, um auf den Trocknungsprozess zu warten.

Hast du ein Lieblingspigment oder Farbstoff?

Ich mag sehr gerne Grüne Erden. Da gibt es auch viele verschiedene, manche sind eher gräulich-bläulich, andere eher gelblich.

Begriffserklärung: Farbmittel ist der Sammelbegriff für Pigmente und Farbstoffe
Pigmente sind unlöslich in Bindemittel oder Wasser, Farbstoffe hingehen sind löslich in Bindemittel oder Wasser

Mit zwei Händen werden drei Pigmentdosen mit grünen Pigmente festgehalten.
Drei verschiedene Grüne Erde Pigmente.

Magst du dementsprechend Grün ganz besonders?

[lacht freudig] Ich mag alle Farben. Ich verwende tatsächlich wenig Schwarz, ein bisschen wie die Impressionisten. Das ist gar nicht so gewollt und hat sich einfach irgendwie ergeben. Der Gedanke, mal mit Fokus auf Schwarz zu arbeiten, reizt mich dennoch.

Stellst du die Farben jeweils für ein spezifisches Werk her, dessen Idee du schon zu Beginn vor Augen hast? Oder setzt du die Farbe auf die Leinwand ohne Idee?

Schon eher das Erstere, wobei „vor Augen“ zu viel gesagt ist. Ich habe so eine grundlegende Bildidee, die sich einstellt, dann mische ich Ölfarben an und arbeite mich vor.

Arbeitest du jeweils nur an einem Werk oder gleichzeitig an mehreren?  

An mehreren gleichzeitig, ich arbeite eher langsam, fein und akribisch. Da kann es mir schon passieren, dass ich mich an einer Stelle festbeiße. Dann versuche ich mich zu lösen und wechsle zu einem anderen Gemälde, um die Sichtweise und das Blickfeld umzulenken.

Wie schließt du mit einem Gemälde ab? Gibt es diesen Moment des ‚Fertig-seins‘ oder bleibt immer eine offene Stelle zurück?

Unterschiedlich. Für mich spricht das Bild im Prozess und im besten Fall spricht es am Ende dann nicht mehr, also das Bild will nichts mehr. Das ist irgendwie schwer zu beschreiben und sicherlich meine persönliche Empfindung. Meine etwas langsamere Arbeitsweise hilft mir, ein Werk stets zu überprüfen. Es gibt aber auch „fertige“ Bilder, da hänge ich immer noch fest und spüre eine gewisse Unzufriedenheit. Die lasse ich dann stehen und hole sie nach einem längeren Zeitraum wieder hervor.

Herzlichen Dank für die Einladung in dein Atelier und das angenehme, ausführliche Gespräch, liebe Mirjam. Wir freuen uns auf weiteren Austausch!
Mehr von Mirjam unter www.mirjamthaler.de

Anmerkung: Künstlerin und Autorin tragen per Zufall den gleichen Nachnamen, stehen aber nicht in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zueinander.
Fotos von Anna Katharina Thaler und Mirjam Thaler, alle darin gezeigten Gemälde ©Mirjam Thaler

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