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Wie man berühmt wird: Rubens in Stuttgart

Wie wird Peter Paul Rubens berühmt, fragen die Kurator:innen Nils Büttner und Sandra-Kristin Diefenthaler in der aktuellen Ausstellung der Staatsgalerie Stuttgart. Sie verfolgen den Anfang seiner Karriere und zeigen, dass es neben künstlerischem Talent noch viel mehr benötigt, um einen so weitreichenden Ruhm zu erlangen.

Bei jedem Text über Peter Paul Rubens gehört es dazu, festzustellen, dass dieser Künstler zu den berühmtesten Künstlern der frühen Neuzeit gehört. Schon die Menge der Werke, die man auf ihn und seine Werkstatt zurückführen kann, bieten eine Erklärung dafür. Aber natürlich ist es auch seine Art, Bilder aufzubauen und sie dann zu verbreiten, die man als Grund anführen könnte. Nach seiner Ausbildung reist Rubens als junger Meister zunächst nach Italien, um sich als Künstler weiterzubilden. Er kehrt erst viele Jahre späte nach Antwerpen zurück. Dort wird er dann aber postwendend Hofmaler für die Statthalter der Niederlande und beginnt eine beispiellose Karriere.

In einer Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart gehen die Kurator:innen Nils Büttner und Sandra-Kristin Diefenthaler der Frage nach, wie Rubens berühmt wurde und verfolgen den Anfang seiner Karriere. Die Ausstellung hat das Potential einige wichtige Vorstellungen über „Künstlergenies” richtigzustellen. 

Voraussetzungen für den Ruhm

Um berühmt zu werden benötigen Künstler:innen einige Voraussetzungen. In der frühen Neuzeit gehört dazu eindeutig einiges an zeichnerischem Können. Zu Beginn der Ausstellung zeigen die Kurator:innen deshalb auch, wie Peter Paul Rubens sich das aneignet und wer ihn ausbildet. Rubens lernt das Zeichnen wie viele seiner Zeitgenossen durch das Abzeichnen von Buchillustrationen oder anderen Drucken. Es gibt aber nur wenig Anhaltspunkte für seinen weiteren Weg. Man weiß aber, dass er aus einer sehr wohlhabenden Antwerpener Familie kommt und nicht nur die Lateinschule besucht, sondern auch einen Pagendienst absolviert. Eine erste Ausbildung also, die so gar nicht zum Beruf des Künstlers führen soll. Sein Talent muss so auffallend sein, dass er trotz seiner gehobenen gesellschaftlichen Stellung in die Lehre zu einem Künstler gegeben wird. 

Diese erste künstlerische Phase seines Lebens ist der Ausgangspunkt der Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart. Was man dort sehr gut sieht, ist, dass Rubens schon aufgrund seiner Herkunft einen großen Vorsprung hat. Er findet in Antwerpen nämlich ein solides soziales Netzwerk vor und besitzt ein gutes finanzielles Polster als Grundlage auf dem Weg zum Ruhm. 

Ausstellungsansicht mit der Karte von Antwerpen, die das Netzwerk von Rubens zeigt. Becoming Famous. Peter Paul Rubens © Foto: Staatsgalerie Stuttgart.

Arbeitsteilung in der Werkstatt 

Ein weiterer wichtiger Faktor für Rubens Ruhm ist seine gut funktionierende Werkstatt, die es ihm nach seiner Rückkehr aus Italien erlaubt, einen enormen Output zu generieren. Aber auch vor dem Aufbau dieser großen Werkstatt hat Rubens Mitarbeiter. Die Reihe der Imperatorenporträts der Stuttgarter Staatsgalerie z.B. malt der Meister nicht vollständig selbst und auch spätere Kopien fertigt er nicht selbst an, sondern überlässt das anderen. Über das Kopieren kann er seine Mitarbeiter so ausbilden, dass sie seine Bildfindungen malen können, ohne dass er ein Bild explizit ausarbeiten muss. Vor allem soll die Arbeit der Mitarbeiter nicht zu unterscheiden sein von der Hand des Meisters. 

Diese Arbeitsteilung ist zu dieser Zeit in größeren Werkstätten üblich und Rubens selbst hat sie in den Werkstätten seiner Lehrmeister gelernt. Für die frühen Arbeiten von Rubens gibt es deshalb wenige gesicherte Zuschreibungen. Auch seine Werke, die er in der Werkstatt seines Lehrers Otto van Veen malte, sind sich so ähnlich, dass sie bis heute kaum zu unterschieden sind. Die Imperatorenporträts gehören deshalb möglicherweise zu den frühen greifbaren Zeugnissen von Rubens‘ Arbeit als Meister einer eigenen Werkstatt (zwischen 1598 und 1600). 

Er fertigt Zeit seines Lebens einen großen Fundus an Zeichnungen und Kopfstudien (Tronies) an, die vor allem in der arbeitsteiligen Werkstattpraxis benutzt werden. Er kann damit seinen Mitarbeitern Vorbilder an die Hand geben, nach denen sie die Bilder malen. In den folgenden Räumen der Ausstellung hängen einige Tronies neben den Gemälden, für deren Herstellung sie benutzt wurden. So bietet die Ausstellung einen guten Einblick in diese Werkstattpraxis. 

Internationale Bühne

Für den großen Ruhm benötigt es auch eine große Bühne. Die findet sich zu Rubens‘ Zeiten in Rom. Von 1600 bis 1608 ist der junge Meister deshalb auch in Italien. Er wird Hofmaler am Hof von Herzog Vincenzo I. Gonzaga in Mantua. Seine höfische Erziehung und seine Bildung verschaffen ihm besondere Zugänge zur Oberschicht, die er im Auftrag des Herzogs porträtiert. 

Er nutzt die Zeit in Italien für eine intensive Auseinandersetzung mit der antiken und aber auch seiner zeitgenössischen Kunst. Der Künstler fertigt eine Reihe von Zeichnungen an, die ihm in den folgenden Jahren fernab der italienischen Einflüsse eine große Hilfe sein werden. In Rom bekommt er dann die ersten Altaraufträge und setzt sich damit erfolgreich gegen die ortsansässigen Maler:innen durch. Leider ist sein erster großer Auftrag für die Kirche Santa Maria in Vallicella mit einem verpixelten Video nicht gut ausgestellt. Es lohnt sich deshalb unbedingt ein Blick ins Netz oder den Katalog. 

Rubens fertigt im Dienste des Herzogs neben Porträts auch zahlreiche kleinere Gemälde mit religiösem oder mythologischem Gehalt an, die er kopiert und an Sammler:innen verkauft. Auch auf seiner Reise hat er möglicherweise schon Mitarbeiter, die ihn bei der Ausführung der Bildfindungen unterstützen. 

Soziale Kontakte in Antwerpen

1608 kehrt Rubens eilends nach Antwerpen zurück, da seine Mutter im Sterben liegt. Er kommt zu spät, aber er lässt sich danach in der Stadt nieder, heiratet und gründet seine eigene Werkstatt. Seine Karriere nimmt von da an Fahrt auf, denn dort kann er die zahlreichen Kontakte nutzen, die ihm der Stand seiner Familie in der Stadt verschafft.

Der Maler wird schon 1609 zum Hofmaler der Erzherzöge Albrecht und Isabella ernannt, was ihm zahlreiche Vergünstigungen beschert. Er muss beispielsweise keine Steuern zahlen und ist nicht an die strengen Gilderegeln gebunden. Normalerweise muss ein Maler der Gilde die Anzahl seiner Mitarbeiter:innen nennen und darf auch nur wenige Maler:innen auf einmal ausbilden. Da er darauf keine Rücksicht nehmen muss, kann er in kürzester Zeit eine große Werkstatt aufbauen. In dieser Zeit nimmt er eine große Anzahl Aufträge von Kirchen und Privatleuten an. Schon 1610, also nur ein Jahr nach seiner Rückkehr, sind zahlreiche Werke von Rubens in der gesamten Stadt zu sehen. 

Selbstinszenierung von Rubens

Etwas, was die Ausstellung nur am Rande durch ein gedrucktes Selbstportrait anspricht, ist die (mediale) Selbstinszenierung von Rubens. In seinen Selbstbildnissen zeigt er sich schon in dieser anfänglichen Zeit nicht mit Pinsel und Staffelei, wie es zahlreiche seiner Kolleg:innen tun. Er zeigt sich ausschließlich als Edelmann, der nicht auf körperliche Arbeit angewiesen ist. Dafür kauft er sich auch ein Anwesen inmitten der Stadt (dessen Rekonstruktion, das Rubenshuis, übrigens einen Besuch wert ist). Immer wieder belegt er seine Gelehrtheit, z.B. in Briefen oder durch literarische oder philosophische Verweise in den Bildern. Er zeigt sie aber auch in seinen gekonnten Buchtiteln, die er ab 1613 regelmäßig für die Gelehrten Antwerpens anfertigt.

Rubens Markenbildung

Seine Werkstatt und die Arbeitsteilung der bei Rubens angestellten Gesellen und Meister ermöglichen eine unvergleichliche Bilderproduktion. Nach seiner Rückkehr nach Antwerpen bleibt keine Bilderfindung unkopiert. Es werden selten weniger als zehn, manches Mal bis zu 100 Wiederholungen angefertigt. Seinen Kund:innen gelten diese natürlich immer als Original „Rubens”. Der Name des Meisters funktioniert hier wie eine Marke, denn den Sammler:innen ist eine gewisse Ästhetik wichtig, die die Werkstatt liefern muss. 

Was die Ausstellung sehr deutlich macht, ist, dass Rubens zu dieser Markenbildung auch die Mittel der Druckgraphik nutzt. Im Gegensatz zu einem Gemälde kann ein Druck sehr einfach reisen und so werden Rubens‘ Bilder in die ganze Welt versandt – ganz abgesehen von der im Vergleich zu Gemälden einfacheren Reproduzierbarkeit. Die Drucke selbst sind Meisterwerke der Druckkunst. Rubens achtet sehr darauf, nur die besten Stecher anzustellen, die dann die Bilder nach seinen Vorgaben in Kupfer stechen. Für ihn ist dabei besonders wichtig, dass sie keine eigenständigen Ideen entwickelten, sondern seine Ästhetik in Kupfer wiedergeben.  

Rubens Nachruhm

Die Ausstellung, vor allem aber der Katalog thematisiert auch Rubens‘ Nachruhm, der nach seinem Tod 1640 nicht abnimmt. Zahlreiche Kopien nach seinen Drucken entstehen schon im siebzehnten Jahrhundert. In einem letzten Teil zeigt die Ausstellung, dass die „alten Meister”, zu denen Rubens zählt, bis heute ihre Spuren in der Kunst hinterlassen haben. Fotografien von Maxine Helfman, Hendrik Kerstens und Suzanne Jongmans greifen die Ästhetik der altmeisterlichen Porträtmalerei auf und thematisieren mit ihrer Hilfe unsere zeitgenössischen Themen wie Rassismus, Übermüllung oder schlicht den anhand der Kleidung abzulesenden sozialen Status der Porträtierten. Durch die Materialien der Kleidung werden diese Themen subtil in die Bilder eingeführt und obwohl die Fotograf:innen kein Gemälde exakt kopieren, ist der Wiedererkennungswert sehr hoch.

Fazit

Die Ausstellung ist sicher einen Besuch wert, denn sie thematisiert etwas, was wir oft als gegeben hinnehmen und was wir auch bei anderen Künstler:innen mitbedenken sollten: Rubens Ruhm ist nicht etwas, dass er allein seinem „Genie” zu verdanken hat. Zum einen bringt er die besten Voraussetzungen mit: Talent, Geld und sehr gute Kontakte. Zum anderen schafft er es durch gutes unternehmerisches Handeln eine effiziente Werkstatt aufzubauen. Dadurch kann er sich und seine Marke mit Hilfe seiner Werkstatt sehr gut vermarkten. Das führt dazu, dass ein „Rubens” bis heute als solcher zu erkennen ist. In der Folge versuchen viele Maler, ihn zu kopieren und mehren seinen Ruhm dadurch.

Wirklich beeindruckend ist, wie gut die Ausstellung die Rolle der Druckgraphik bei der Ruhmesbildung sichtbar macht. Drucke liefern nicht nur die Vorbilder für Künstler:innen, sondern verbreiten die Bildfindungen auch schneller in alle vier Winde, als es Gemälde je könnten. Dass die Ausstellung deshalb etwas dunkler gehalten werden muss, um die Drucke zu schonen, kann man als Besucher:in dann gut verschmerzen. 

Die Ausstellung ist noch bis 20. Februar 2022 in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen. 

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