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Verborgene Schönheiten – die Kapellen der Hofgüter im Ammertal

Etwas abseits der Hauptstraße nach Unterjesingen liegen mitten im Grünen die beiden “Ammertalhöfe”: Schwärzlocher Hof und Ammerhof. Etwas unscheinbar, im alltäglichen Blick unsichtbar geworden, beherbergen sie zwei unvergleichliche kleine Schätze: Ihre Hauskapellen könnten unterschiedlicher nicht sein und dennoch ist jede auf ihre Weise beeindruckend.

Der Schwärzlocher Hof – Geschenk zur Universitätsgründung

Die Hofanlage in Schwärzloch bildet den Restbestand des einstigen Weilers, der sich dort schon im frühen Mittelalter befand und eng mit der Geschichte der Pfalzgrafen von Tübingen verbunden war. Gebaut um 1100 wurde die Kapelle durch eines der ältesten Figurenportale Deutschlands betreten. Im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts erweiterte das Kloster Blaubeuren als damaliger Besitzer den  Schwärzloch zum administrativen Zentrum der Region rund um Tübingen. 1477 wurde das Hofgut anlässlich der Universitätsgründung als Geschenk an das Chorherrenstift in Tübingen übergeben. Infolge der Reformation wurde die Kirche zum Wohnhaus umgebaut und war bis ins 19. Jahrhundert Teil des landwirtschaftlichen Betriebs. Mit dem Aufbau eines Ausflugslokals begann der bis heute andauernde Teil der Geschichte des Hofes. Viele der prominenten Tübinger Universitätszöglinge verbrachten ihre Sommernachmittage in Schwärzloch, darunter Mörike und Uhland.

Romanische Schlichtheit trifft Eiche rustikal

Die durchgängige Verwendung der Kapelle, erst als Sakral- und dann als Nutzraum, trug dazu bei, dass viele der romanischen Merkmale aus der Erbauungszeit erhalten geblieben sind. Die Kapelle ist ein annähernd quadratischer Raum mit halbrunder Apsis, überspannt von einem Kreuzrippengewölbe. Die beiden Rippen enden in kleinen Kapitellen, die vom Ideenreichtum und dem handwerklichen Geschick der Baumeister erzählen. Hier im Innern sorgen aber vor allem die kleinen, schmalen Rundbogenfenster für den romanischen Raumeindruck. Außen dominieren große Steinquader den massiven Mauerbau. Der verstärkende und schmückende Lisenenfries an der Außenwand der Apsis ist rundum erhalten und spannt den kunsthistorischen Bogen zu den großen romanischen Sakralbauten Deutschlands.

Die Nutzung als Gastraum des Speiselokals lässt eingefleischte Kunsthistoriker*innen und Mittelalterfans erstmal erschauern, doch die gemütliche Ausstattung mit dem historisierenden Kachelofen, der Heiligenskulpturen und den rustikalen Wirtshausmöbeln geben dem Raum einen ganz besonderen Charme – und wo sonst kann man in einer romanischen Kapelle Spätzle genießen?

Der Ammerhof – ehemaliges Krongut

Ebenfalls ursprünglich im Besitz der Pfalzgrafen von Tübingen war der Weiler, von dem der Ammerhof heute noch zeugt. Er wurde 1171 von den Pfalzgrafen an das Kloster Obermarchtal gestiftet und von da an quasi durchgängig als landwirtschaftlicher Betrieb geführt. Erst im Zuge der Säkularisation 1803 musste das Kloster den Hof abgeben und er wanderte über Umwege in den Besitz des württembergischen Königs Wilhelm I. Die Ammerhofkapelle in ihrer heutigen Form wurde 1733 von Tiberius Moosbrugger erweitert, der immer wieder für das Kloster Obermarchtal Sakralräume gestaltete: Von ihm erhielt sie unter anderem ihren neuen Chor mit Chorturm und die Rokokoausstattung.

Ein lost place im Grünen

Die Ammerhofkapelle wird derzeit nicht genutzt; sie steht auf dem Privatgelände der heute dort ansässigen Pferdepension. Bis zur Recherche für diesen Artikel kannte ich sie nur von außen und ich war sprachlos als ich ins Innere durfte: Stuckverzierungen, große Deckengemälde, Fresken an den Wänden – ein solches Gesamtkunstwerk des Rokoko im Umfeld des mittelalterlichen Tübingen hatte ich nicht erwartet. Wie der Architekt, stammten auch die Handwerker der Fresken und Stuckverzierung aus Oberschwaben und tatsächlich fällt es leicht, die württembergisch-protestantische Welt vor dem Portal der Kirche zurück zu lassen. Die Hallenkirche wird von zwei abgeflachten Kuppeln überspannt, die Deckenfresken zeigen als Trompe-l’oeil-Kompositionen die Kreuzigung und die Anbetung der Hostie. Auf Rocaillen in den Ecken sind exotische Tiere und Pflanzen abgebildet, oft mit Sinnsprüchen kombiniert. Trotz der offensichtlichen Spuren menschlicher Abwesenheit – tote Insekten, dicke Staubschichten und Spinnweben – wirkt der Raum festlich und gut gepflegt. Und durch die Chorfenster kann man die aus ihren Ställen herausschauenden Pferde erkennen.

Schätze vor der Haustür

Der Ausflug ins Ammertal hat mir wieder einmal gezeigt: Auch vor der eigenen Haustüre schlummern kunsthistorische Schätze. Man muss nur genau hinschauen und sich eventuell etwas durchfragen, um sie bewundern zu können. Oder man schaut regelmäßig auf Kuneonline vorbei, denn wir werden sicherlich noch einige andere Kleinode der Region aufstöbern.

Vielen Dank an die Johanneskirchengemeinde Tübingen für die vertrauensvolle Übergabe des Kirchenschlüssels und Familie Reichert vom Schwärzlocher Hof für die freundliche Unterstützung bei der Kapellenbesichtigung.

Hofgut Schwärzloch (hofgut-schwaerzloch.de)

Ammerhof | Katholische Kirche Tübingen (katholisch-tue.de)

2 Kommentare zu “Verborgene Schönheiten – die Kapellen der Hofgüter im Ammertal

  1. Gitta Bertram

    Toller Beitrag und tolle Entdeckung, Maik! Weiß man, wer die Fresken in der Ammerhofkapelle gemacht hat?

    • Hallo Gitta,

      die Künstler sind tatsächlich bekannt: Maler Veeser (Andelfingen) war für die Fresken verantwortlich. Er hat in einigen Bauten, die im Auftrag des Klosters Obermarchtal entstanden sind, die Fresken gestaltet.

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