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GEDOK Reutlingen – Herstory. Wie wir wurden, was wir sind. Volume III

Wir laden euch zu einem dritten Rundgang durch die Ausstellung ein. Wir begleiten euch auf einer kurzen Strecke hin zum eigenen Blick, lassen euch aber Freiraum für persönliche Gedanken und eine ganz intime und einzigartige Interpretation der Kunst in dieser außergewöhnlichen Ausstellung.

Wir geben euch einen weiteren Einblick in die vielseitige Ausstellung “Herstory. Wie wir wurden, was wir sind.” Persönliche Thematiken der Künstlerinnen vereinen sich mit universellen Fragen der Menschheit. All das findet in der Form von unterschiedlichsten Kunstwerken den Weg in das Blickfeld der Betrachtenden. Individuelle Herangehensweisen regen verschiedene Interpretationen an. Wir begleiten euch auf einer kurzen Strecke hin zum eigenen Blick, lassen euch aber Freiraum für persönliche Gedanken und eine ganz intime und einzigartige Interpretation der Kunst in dieser außergewöhnlichen Ausstellung. 

Detail aus Doris Knapp: Brief, 1998, Radierung.

Doris Knapp, Brief, 1998, Radierung

Formal ist ersichtlich, dass es sich um einen Brief oder eine andere Art der Niederschrift handelnkönnte. Inhaltlich wird es allerdings undurchsichtig. Mit dem uns bekannten Alphabet ist es nicht möglich den Inhalt der Schrift zu entziffern. Abstrakt wirken die Zeichen auf uns. Schön anzuschauen, aber ohne Bedeutung. Ähnlich einem abstrakten Kunstwerk versuchen wir eine Struktur zu erkennen, doch diese bleibt uns verborgen. 

Roswitha Zeeb: Bubbles 4, 2019, Mischtechnik auf Leinwand.

Roswitha Zeeb, Bubbles 4, 2019, Mischtechnik auf Leinwand

Exakt geformte Kreise scheinen sich vom linken Bildrand her in das Gemälde hinein zu bewegen. Im Hintergrund versucht das Auge eine Küstenlinie, das Meer und eine Landschaft zu erkennen. Überlagert wird dieser Eindruck allerdings von den strukturierten Kreisen, die sich in ihrer Erscheinung stark unterscheiden. Sie scheinen sich auf einer zweiten Realitätsebene zu befinden, die den Hintergrund und damit unsere gewohnte Wahrnehmung überlagert. 

Detail aus Jacqueline Wanner: Zeitlebens Lebenszeit, 2007, Mischtechnik.

Jacqueline Wanner, Zeitlebens Lebenszeit, 2007, Mischtechnik

Der weiße Hintergrund wird von zwei runden roten Flächen überlagert. Optisch werden die beiden Kreise von einer Art „schwarzem Faden” verbunden. Bei genauerer Betrachtung wird ersichtlich, dass es sich bei den sichtbaren Formen und Farben nicht um aufgetragene Farbe, sondern um Stoffe, Fäden und Bänder handelt, die sich, grob genäht oder geknotet, zu einem großen Ganzen verbinden. Mit Hinblick auf den Titel kann das Motiv vielseitig interpretiert werden. Gemein haben diese Blickwinkel allerdings wohl, dass es sich hier nicht um ein ebenes Kunstwerk, sondern um eine strukturierte Oberfläche handelt. 

Sybille Groh: Hommage an das Bodenseevergissmeinnicht, 2020, Schwemmholz, Zelluloseblüten, Edelstahl.

Sybille Groh, Hommage an das Bodenseevergissmeinnicht, 2020, Schwemmholz, Zelluloseblüten, Edelstahl

Eine Hommage, eine Erinnerung und ein Gedanke an einen Ort, eine Zeit oder ein Gefühl. Die kleinen Blüten und das kleine Stück Treibholz nehmen all das in sich auf und dienen als Portal für den Blick in die Vergangenheit. In Form eines Kettenanhängers und eines Rings finden sie den direkten Weg an den menschlichen Körper. Sie können als Begleiter mit sich geführt werden oder als Blickfang inszeniert werden. Das Bodenseevergissmeinnicht ist dank der beiden Werke, auch ohne sie jemals real gesehen zu haben, in unseren Gedanken lebendig geworden. 

Sybille Groh: Gesellenstück, 1996, Gold Akoya-Perlen.

Sybille Groh, Gesellenstück, 1966, Gold Akoya-Perlen

Ein Gesellenstück stellt einen Wendepunkt in der persönlichen künstlerischen Entwicklung dar. Ein intimer Moment, der von außen bewertet wird, entscheidet über den zukünftigen Werdegang. Diese Werke auszustellen benötigt Mut. Sie spiegeln diesen Vorgang in ihrer Optik wieder. Man glaubt aufblühende Knospen zu erkennen, die eine Perle im Inneren offenbaren. Geformt als Ring und Ohrringe scheinen sie neben der goldenen Kette samt Anhänger in die Höhe zu wachsen und beinahe lebendig zu sein. 

Detail aus Susanne Reusch-Schweitzer: Feuer in der Nacht, 1995, Gouache.

Susanne Reusch-Schweitzer, Feuer in der Nacht, 1995, Gouache

Feuer stellt gleichermaßen etwas Bedrohliches und eine behütende Wärmequelle dar. Gerät es außer Kontrolle verschiebt sich dieses Gleichgewicht zugunsten der bedrohlichen Zerstörung. Die Gouache verbildlicht dieses ungewisse Gefühl der Ehrfurcht und der Anziehung. Seit der Mensch das Feuer zu kontrollieren weiß, ist er mit der Angst vor dem Ausbrechen des Feuers aus geregelten Bahnen konfrontiert. Ein Dilemma, dem der Mensch immer unterliegen wird. 

Mehlika Tanriverdi: Dream a little dream, 2021, Pyrografie, Epoxidharz auf Holz.

Mehlika Tanriverdi, Dream a little dream, 2021, Pyrografie, Epoxidharz auf Holz

Eine Frau, zur Hälfte von einer Bettdecke bedeckt, scheint in einen Traum versunken zu sein. Ihr langes braunes Haar verhält sich fast, wie in einer Welt unter Wasser und schwebt schwerelos. Im Vordergrund ist eine Vielzahl von getrockneten und gepressten Blüten zu erkennen. Sie bedecken die gesamte Bildfläche und scheinen über der Ebene des Frauenmotivs zu liegen. Traumhaft vereint sich das Symbol der Vergänglichkeit, festgehalten in einem ewig währenden Moment, mit dem Motiv des Traums. 

Detail aus Ellen Eckel: MI.18-Gr14, 2007, Druckgrafik mit Zeichnung.

Ellen Eckel, MI.18-Gr14, 2007, Druckgrafik mit Zeichnung

Eine fremdartige Struktur zieht sich von links nach rechts durch das Werk. Dominiert von den Farben Grün und Blau, in waagerechten Streifen aufgetragen, wirkt die Druckgrafik zart und zerbrechlich. Fast organisch oder gar animalisch breitet sich das Motiv auf der Oberfläche aus. Ob es sich allerdings um Blätter oder ein fremdes Tier handelt, wird nicht ersichtlich. 

Margret Berger: Onedayparadise 8, 2009, Öl auf Leinwand.

Margret Berger, Onedayparadise 8, 2009, Öl auf Leinwand

Das Paradies ist meist etwas Ursprüngliches. Eine unberührte Landschaft oder ein unbegrenztes Dasein. Das Werk stellt kein konkretes Motiv dar, übermittelt aber das Gefühl des Unberührten, Ursprünglichen. Man glaubt einen Dschungel, Blüten und Lianen zu erkennen. Vielleicht sieht allerdings auch jede*r das, was mit dem Paradies verbunden wird. Unabhängig jedes gegenständlichen Motivs. 

Gernurg M Stein: Ressourcen (Diptychon), 2020, Cyanotypie.

Gernurg M. Stein, Ressourcen (Diptychon), 2020, Cyanotypie

Wie ein Fenster an der Wand des Ausstellungsraums öffnen die beiden Werke den Blick in eine Naturlandschaft voller Pflanzen und Blüten. Allerdings scheint es sich nur um die Spur, den Abdruck einer Pflanze zu handeln, die schon lange vergangen ist. Ein Blick in die Vergangenheit, in vergangene Schönheit und ferne Natur. 

Susanne Reusch-Schweitzer: Farbstudie 3, 2020, Gouache.

Susanne Reusch-Schweitzer, Farbstudie 3, 2020, Gouache

Von rechts und links nähert sich die Farbe Grün über einen gelben Akzent der Farbe Blau im Zentrum an. Senkrechte Farbflächen strukturieren das Werk in drei große Bereiche. Wie Blitze oder Sonnenstrahlen fließen von oben und unten zwei gelbe Streifen in das Bildmotiv ein. Unterbrechend und verbindend zugleich grenzen sich die Farben voneinander ab und mischen sich doch zu einem großen Ganzen.

Detail aus Heidi Degenhardt: Variation 1 + 2, 2020, Porzellan.

Heidi Degenhardt, Variation 1 + 2, 2020, Porzellan

Ähnlich der Präsentation in einem naturhistorischen Museum zeigt eine kleine Vitrine zahlreiche kleine runde Artefakte. Allerdings handelt es sich bei den Objekten nicht um archäologische Funde, sondern um künstlerische Produktionen. Sie erinnern an organische Strukturen, sind aber filigran aus Porzellan gefertigt. Sie laden zu einer zeitintensiven Betrachtung ein und geben immer wieder neue Details frei, die den Blick neu ausloten lassen. 

Lissi Maier-Rapaport: Ohne Titel, 2020, EPS, Mosaik.

Lissi Maier-Rapaport, Ohne Titel, 2020, EPS, Mosaik

Ein urzeitliches Auge blickt uns an. Das grüne Innere der animalischen Plastik scheint unergründlich und durchsichtig zugleich zu sein. Wie Schuppen formt sich auf der Oberfläche des Objekts eine Art Rückenpanzer. Dient er dem Schutz oder der Ausdrucksform des Wesens? Womit haben die Betrachtenden es hier überhaupt zu tun? Das Werk wirft Fragen auf, die kaum zu klären sind. 

Elke Mauz: Hostsaoectifolia, 2018, Keramik.

Elke Mauz, Hostsaoectifolia, 2018, Keramik

Auf einem Sockel aus Holz erstreckt sich das Gerippe eines Blattes. Aufrecht stehend, ermöglicht es einen Durchblick in den umliegenden Ausstellungsraum, sodass das Werk nicht ohne den beiläufigen Blick auf den Raum wahrzunehmen ist. Der Raum nimmt somit den Platz der grünen Blattstrukturen ein, die wir bei der Betrachtung eines Blattes erwarten. Das Blatt wird zum Rahmen für das Sehen und zum Motiv selbst und kreiert so einen Raum zwischen Werk, Ort, Raum und Betrachtenden. 

Ulla Frenger: Lichtgestirn, 2020, Paperclay, Porzellanengobe.

Ulla Frenger, Lichtgestirn, 2020, Paperclay, Porzellanengobe

Nach oben hin geöffnet, bildet sich eine schalenartige Form heraus, die ein erwartendes Gefühl ausstrahlt. Der Unterbau lässt Assoziationen mit der Sonne aufkommen, die ihre Strahlen gen Erde schickt. Ähnlich einer Totemskulptur entsteht der Eindruck, dass hier eine Verbindung zu einer unbekannten Welt aufgebaut wird. Ob die nach oben geöffnete Form den Opferungen für eine fremde Macht dient oder etwas aus anderen Sphären empfangen soll, wissen wir nicht, aber die Plastik strahlt eine gewisse Erhabenheit aus, die wir mit dem Unbekannten und der Natur in Verbindung bringen. 

Eva Funk-Schwarzenauer: Getürmt I, 2017, Porzellan.

Eva Funk-Schwarzenauer, Getürmt I, 2017, Porzellan

Auf den ersten Blick erinnert das Objekt an eine Pflanze, präsentiert auf einem Sockel. Tritt man näher heran, wird klar, dass es sich um das Fragment einer Wirbelsäule handelt. Losgelöst von dem restlichen Körper stehen die Knochen aus Porzellan für sich. So nehmen sie eine neue Erscheinungsform an, die es ermöglicht sie als abstraktes Objekt zu betrachten und mit unvoreingenommenen Interpretationen zu füllen. 

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