Birgit Hartstein. Behausungen 1-5, 2019/2020, Draht (gehäkelt). Foto: Julia Berghoff.
Ausstellungen

GEDOK Reutlingen – Herstory. Wie wir wurden, was wir sind. Volume II

In dieser Ausgabe der Artikel-Reihe “Herstory. Wie wir wurden, was wir sind.” zur Ausstellung der GEDOK im Kunstverein Reutlingen bekommt ihr 11 künstlerische Positionen vorgestellt. Von schwebenden Drahtbehausungen bis hin zu am Boden wachsenden Kokongebilden.

Ein Eye-Catcher begrüßt uns schon direkt am Eingang: Kristina Negele-Holders Malerei „Drachenblut“ besticht durch seine aufgeweckten Rottöne und bespielt im Titel gleichzeitig eine mystische Ebene. In verschiedenen Schichten überlagern sich die Farbfelder, wobei sie sowohl figürliche Assoziationen wachrufen, als auch völlig abstrakte Formen darstellen. Den harmonischen Ausgleich zur freien Farbgestaltung bietet wiederum das quadratische Bildformat. Farbe und Form erscheinen in Ruhe als auch Bewegung. 

Kristina Negele-Holder. Drachenblut, 2018. Acryl auf Leinwand. Foto: Julia Berghoff.
Kristina Negele-Holder. Drachenblut, 2018. Mischtechnik auf Leinwand. Foto: Julia Berghoff.

Der quadratische Reigen führt sich nun mit Jaqueline Wanners „Poesie in Papier“ sowie Monika Schuh-Wibmers „Mosaikstadt“ fort. Die ästhetische Verschränkung von Chaos und Ordnung zeigen Wanners Papierarbeiten dabei in der Gegenüberstellung von zwei verschiedenen Rasterungen: mal linear in Reih und Glied, mal als scheinbar willkürliche Vernetzung. Ordnung spielt auch bei Schuh-Wibmer eine besondere Rolle, denn hier wurde eine mediterran anmutende Stadtansicht als Schachbrettmuster aufgebrochen und verfremdet. Die schwarzen Quadrate geben der Oberfläche zwar Struktur, verwehren uns doch gleichzeitig den Blick ins Innere. 

links: Monika Schuh-Wibmer. Mosaikstadt hell, 2020, Acryl auf Leinwand. rechts: Jacqueline Wanner. Poesie in Papier I & II, 2021, Holzkuben, Japanpapier, Fäden. Foto: Julia
v. l. n. r.: Monika Schuh-Wibmer. Mosaikstadt hell, 2020, Acryl auf Leinwand. Jacqueline Wanner. Poesie in Papier I & II, 2021, Holzkuben, Japanpapier, Fäden. Foto: Julia Berghoff.

Kokonartige Kugelformen und archaische Relikte

Dafür wecken die neun kokonartigen Kugelformen auf dem Boden dahinter umso mehr den Reiz, in sie hineinschauen zu wollen. Christine Zieglers Arbeit „Richtungswechsel“ verleitet regelrecht dazu, bis auf den „Boden“ der Tatsachen zu blicken. Jede Öffnung ist in einem anderen Winkel ausgerichtet, wodurch sich die Betrachter*innen selbst in einen Richtungswechsel begeben müssen. 

  • Ausstellungsansicht. Herstory – Wie wir wurden, was wir sind. 2021 im Kunstverein Reutlingen. Foto: Julia Berghoff

Sie von allen Seiten zu begutachten, scheint auch bei Jutta Peikert Stelen „o. T.“ inbegriffen. Die drei Holzpfähle strahlen Monumentalität aus und sind doch gleichzeitig nicht einmal Hüfthoch. Die grobe Bearbeitung betont dabei die Struktur des Holzes. Wie Relikte vergangener Kulturen stehen sie sich gegenüber und bilden hierin eine Art Dreieck. 

Jutta Peikert. o. T. (3 Stelen), 1988, Keramik, Steinzeug (Raku). Foto: Julia Berghoff.
Jutta Peikert. o. T. (3 Stelen), 1988, Keramik, Steinzeug (Raku). Foto: Julia Berghoff.

Filigrane Organismen treffen auf monumentale Schattenfelder

Unweit auf einem Sockel zeigt sich wiederum das scheinbar genaue Gegenteil. Hauchdünnes Gewebe setzte Ingrid von Normann zu einem filigranen „Pflanzenbuch“ zusammen, dessen handgeschöpfte Seiten jede für sich eine ganz individuelle Form aufweist. Ebenso zart muten auch die drei Kartonbilder aus Kozofasern an. Wie lebende Organismen scheinen sie sich auf dem dunklen Untergrund zu winden und erhalten hierbei sogar etwas körperliches. 

  • Ausstellungsansicht. Herstory – Wie wir wurden, was wir sind. 2021 im Kunstverein Reutlingen. Foto: Julia Berghoff.
  • Ingrid von Normann. Kartonbilder I, II, III, 2021, Kozoskulpturen auf Karton. Foto: Julia Berghoff.
  • Ingrid von Normann. Pflanzenbuch 1995/2020, 2020. Handgeschöpftes Papier auf Frühblühern. Foto: Julia Berghoff.

So fein sich Normanns Pflanzenfasern geben, so monumental steht Tanja Niederfelds „alb_tief_schwarz 3“ nun direkt daneben. Das sechsteilige Holzrelief ist von weitem zwar recht blockhaft, doch die zahlreichen sorgsam eingekerbten Linien verleihen der Wandarbeit gleichwohl Zartheit. Gerade im direkten Lichteinfall verwandelt sich das vollflächige Schwarz in feinste Schattierungen, die sogar in reines Weiß münden. 

  • Tanja Niederfeld. alb_tief_schwarz 3, 2021, Öl auf Holz. Foto: Julia Berghoff.
  • Tanja Niederfeld. alb_tief_schwarz 3, 2021, Öl auf Holz. Foto: Julia Berghoff.

Fundstücke und Behausungen

Die regelmäßigen, geführten Spuren Niederfelds bilden wiederum einen Gegenpol zu Inge Raus Objekt „o. T.“. Das zerbeulte Fundstück liegt erhaben auf einem Sockel und lädt bei aller Deformation zum genauen Betrachten ein. Das ursprüngliche Material war wohl Ergebnis präziser Maschinentechnik; nun hat es einen anderen, ästhetischen Wert erhalten. 

Inge Rau. o. T., 2021, Fundobjekte. Foto: Julia Berghoff.
Inge Rau. o. T., 2021, Fundobjekte. Foto: Julia Berghoff.

Der Blick wandert weiter nach oben, wo Birgit Hartsteins „Behausungen“ wie Nester noch unbekannter Lebewesen von der Decke hängen. Die organische Form steht dem verwendeten Material jedoch entgegen, denn sie alle bestehen aus gehäkeltem Draht. Erst bei näherem Herantreten wird dieser Gegensatz sichtbar, worin sich wiederum höchst aktuelle Bezüge um eine Natur „nach der Natur“ eröffnen. 

  • Birgit Hartstein. Behausungen 1-5, 2019/2020, Draht (gehäkelt). Foto: Julia Berghoff.

Minimalismus auf Textil und Papier

Mit textilen Strukturen geht es weiter, aber in geometrischer Ausrichtung. Margarete Lists dreiteilige Tapisserie „Ohne Titel“ besticht durch ihren feinen Minimalismus. Die Grundformen Quadrat und Dreieck verleihen der Komposition Ruhe, wobei einzelne Fäden aus den geometrischen Grenzen ausbrechen. Die gleichmäßige Wiederholung der Dreiecksform steht der individuellen Gestaltung im Inneren entgegen und schafft bei aller Symmetrie eine bildliche Spannung. 

Von Symmetrie ist auch Uta Albecks Filzstiftzeichnung, „2020:Kreuz 16“ bestimmt. Farbe und Form nimmt die Künstlerin soweit zurück, dass der Blick unmittelbar von zwei kontrastreich hervortretenden Flächen eingefangen wird. Sie stehen sich gegenüber und bilden eine Art Kreuzform. Gleichzeitig entsteht durch die Leerstelle im Zentrum wiederum ein kelchartiger Umriss. Neben dem Aufrufen inhaltlicher Assoziationen werden hier also auch optische Grundsätze ausgelotet.

  • Margarete List. Ohne Titel, 1991. Tapisserie. Foto Julia Berghoff.
  • Uta Albeck. 2020:Kreuz 16, 2020, Filzstift-Fineliner auf Papier. Foto: Julia Berghoff.

Jedes der gezeigten Werke steht hier ganz für sich und doch gleichzeitig in enger Beziehung zu seinem Umraum. Die materielle als auch formale Vielfalt schuf dabei einen regelrechten Parcours visueller Anregungen, der coronabedingt leider nur einige Wochen vor Ort begangen werden konnte. Unser Anliegen ist es somit, diese Eindrücke darüber hinaus für euch festzuhalten!

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