Gustav Klimt. Wer sieht Was
Kunstszene

Wer sieht was? Der Kuss von Gustav Klimt

Der Kuss des österreichischen Künstlers Gustav Klimt gehört wohl zu den bekanntesten Kunstwerken überhaupt. Die außergewöhnliche Gestik mit Blattgold und floral-ornamentalen Elementen auf der Leinwand zu arbeiten, charakterisiert Klimts einzigartigen Stil. Sechs Kunsthistorikerinnen haben sich das Gemälde genauer angeschaut und ihre Gedanken festgehalten.

Pünktlich zum Valentinstag – von dem man ja halten kann, was man möchte – wollen wir euch ein neues Kunstwerk aus unserer Reihe “Wer sieht was?” präsentieren. Passend dazu haben wir uns für eines der bekanntesten Kunstwerke überhaupt entschieden: Der Kuss von Gustav KlimtKlimt gehört mit seiner außergewöhnlichen Maltechnik zu den Wegbereitern der Wiener Moderne. Künstler des österreichischen Expressionismus wie Egon Schiele oder Oskar Kokoschka wurden maßgeblich von ihm beeinflusst. Die Gründung der Wiener Secession läutete dabei den Sonderweg für Klimt ein. Die Verwendung von Blattgold, kombiniert mit Öl- und Bronzefarben förderte etliche Kunstwerke zutage, die der Goldenen Periode des Künstlers zugeordnet werden können. Der Kuss markiert dabei den Höhepunkt. “Wer sieht was?” heißt es nun einmal mehr. Viel Spaß beim Lesen unserer Gedanken und Interpretationen!

Gustav Klimt, Der Kuss (Liebespaar), 1908 (vollendet 1909), Öl, Silber, Platin, Blei, Gold u.a. auf Leinwand, 180 × 180 cm, Belvedere, Wien © Belvedere, Wien

Sarah: Nur ein Traum?

Die zentralen Elemente in Klimts Gemälde sind die zwei menschlichen Figuren im Mittelpunkt. Eng umschlungen und von einer Aura aus Ornamenten umgeben, sind sie kaum voneinander zu trennen. Lediglich die Köpfe, Teile der Arme und Hände und die Füße der weiblichen Person sind einem zeichenhaften Stil verpflichtet und scheinen aus der Wolke aus goldenen und bunten Kreisen und verschiedenen Rechtecken aufzutauchen. Ihre Körper verschwinden in einem ornamentalen Meer, welches ihre Zuneigung und Zusammengehörigkeit betont. Die Blumenwiese, auf jener sich die beiden niedergelassen haben, scheint sich im Gewand der Frau zu spiegeln. Der Blick der Betrachter*innen wird geradezu eingezogen und auf die essentielle Szene des Kunstwerks gelenkt: den Kuss. Die Verstärkung dieser Konzentration wird nur noch durch die Reduktion des Hintergrundes forciert; er nimmt sich zurück, bildet eine nicht definierbare Masse aus dunklem gold-braun. Dadurch erhält die Szene eine unwirkliche, surreal anmutende Komponente, fast wie ein Traum. 

Julia: Zwischen Abstraktion und Sehnsucht

Ihre Körper gleichen einem Mosaik – verspielte goldene Strukturen in einem Moment größter Nähe und Zärtlichkeit. Klimts Liebenden bewegen sich ganz bewusst an der Schwelle zwischen Figur und Abstraktion. Weder Raum noch Räumlichkeit lenken ab von diesem besonderen Augenblick, kurz bevor sich ihre Lippen berühren. Die feine Gestik von Händen und Füßen offenbart dabei ein Begehren, das in ihrem Gesichtsausdruck von Anmut und Hingabe gespiegelt wird. Der Kuss beschreibt also gerade die Spannung noch unerfüllter Sehnsucht – eine der wohl stärksten menschlichen Emotionen. Den ornamentalen Oberflächen und der blockhaften Formensprache stehen die zarten Hautpartien nun demonstrativ entgegen. Als währte dieser intime Moment schon eine Ewigkeit, festgeschrieben in seinen steinernen Strukturen und dennoch voller Wärme.

Vanessa: Verbildlichte Sinnlichkeit

Kunst zu erleben ist immer auch eine sinnliche Erfahrung. Sinnlichkeit, die uns momentan verwehrt bleibt und uns vor Augen führt, dass die digitalen Möglichkeiten einen Besuch im Museum nicht ersetzen können.

Der Kuss von Gustav Klimt strahlt pure Sinnlichkeit aus, die selbst bei der Betrachtung einer digitalen Abbildung ins Auge fällt. Körperliche Intimität, Berührungen und der Geruch eines anderen Menschen. Gedanken und Sehnsüchte, die uns bei der Betrachtung im Kopf herumschwirren. Als Projektionsfläche finden wir uns alle auf gewisse Weise in dem Gemälde wieder. Der Kuss betitelt das Werk nicht nur sondern sagt aus, was uns daran berührt, in den Bann zieht und was uns in die emotionale Welt von Klimt entführt. Sinnlichkeit wird so zu einem universellen Punkt, an dem wir uns begegnen, vereinen und kommunizieren können. Digital oder analog.

Rebecca Rapp: Man sieht nur mit dem Herzen gut

Die Szene vor uns zeigt ein knieendes, sich umarmendes Liebespaar auf einer üppig blühenden Wiese. Die wallenden Gewänder des Paares sind mit Blattgold verziert, auch der Hintergrund wurde mit feinen Gold-, Silber- und Platinblättchen versehen. Im ersten Augenblick ist man geblendet von dem kostbaren Material des Moments – dieses tritt aber neben der beinahe greifbaren Zuneigung des Paares zur Seite und dann an den Rand unserer Wahrnehmung. 

Das Paar ist komplett versunken in der Umarmung, dem Kuss und der Liebe füreinander – sie bilden die Essenz des Moments. Beide sind abgetaucht in ihrer ganz eigenen, gemeinsamen Welt. Wir als Betrachter*innen müssten eigentlich als Voyeur*innen diese intime Szene stören, aber dies ist nicht der Fall. Die Umgebung, die Blumen, die golddurchwirkten, kostbaren Kleider sind wundervoll anzusehen, aber eigentlich nebensächlich und nicht wichtig für den Moment. Das, was zählt, sind die Liebenden, gänzlich versunken in ihrem Moment, die einander mit dem Herzen sehen. Oder um es mit den Worten von Antoine de Saint-Exupéry zu sagen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar.“

Anna Katharina: organisches Gold

Es ist ein Hin und Her zwischen verschiedenen Formen, die ein Ganzes bilden. Und doch brechen die Flächen sogleich wieder in Einzelteile auf. So bewegt sich der Blick stets über das Gemälde, führt aber immer wieder zurück in die Mitte: Eingebettet in einer schützenden Schale aus Gold ist der flirrende Moment kurz vor einem Kuss festgehalten. 

Gold als ein schweres Edelmetall hat zugleich weiche, formbare und flüssige Eigenschaften. Nichts von dem schweren Material ist sichtbar. Unterschiedlich kleine und große Goldtupfer heben sich vom flächigen, matt goldenen Hintergrund ab und glitzern, wie der Sternenhimmel. Parallel zum Blumenmeer, auf dem das Paar kniet, scheint sich das Gold organisch zu verhalten. Mehrere Stränge aneinandergereihter Dreiecke, ähnlich einer Perlenkette, verbinden die goldene Hülle mit der Außenwelt. Ihr geschwungenes Voranschreiten über die Beine der Frau ist mit einer Leichtigkeit versehen, als würde ein feiner Windhauch alles in Bewegung halten und die Schönheiten des Lebens in alle Richtungen tragen.

Lisa: So kostbar ist die Liebe!?

Eng umschlungen stehen zwei Figuren am Rand eines Abgrundes. Eingehüllt in eine Art Umhang, sind nur wenige Körperteile zu erkennen. Füße, Hände, ein Kopf mit schwarzen kurzen Haaren in Hinteransicht, ein Gesicht mit geschlossenen Augen und roten Lippen, gerahmt von rötlichen, glatten Haaren. Ein Mann? Eine Frau? Formen auf dem Umhang könnten Rückschlüsse geben, da sie gerne viel zu automatisch von uns mit männlichen oder weiblichen Attributen verbunden werden. 

Welches Geschlecht die beiden Figuren haben, spielt im Grunde keine Rolle und ist auch nicht auflösbar. Viel interessanter ist doch die Zuneigung, die die beiden unübersehbar füreinander empfinden. Eine ungestörte Zweisamkeit. Das Paar ist in sich vertieft. Sie sind jeweils nur auf das Gegenüber fixiert und die Umwelt wurde vollständig ausgeblendet. Sie geben sich gänzlich ihrer Leidenschaft hin. Und ihrem gemeinsamen Moment. Einem kostbaren Augenblick, der nicht erzwungen werden kann, der nur mit dem passenden Gegenüber zu einer besonderen Erfahrung werden kann; nur so zu Liebe wachsen kann. So kostbar wie Gold. Wenn nicht gar wertvoller. So wertvoll, dass sie jegliche Zeit und irdische Grenzen überdauert.

Sechs Kunsthistorikerinnen – sechs Interpretationen?!

Auffälligstes Stilmittel in Klimts Gemälde sind wohl die Verwendung von Blattgold als Farbmittel und die ornamentalen Elemente in der Gestaltung stofflicher Texturen. Sarah greift dieses Moment auf und verweist auf die surreal anmutende Komponente, die das Kunstwerk dadurch erhält. Julia wählt einen ähnlichen Ansatz, betont aber gleichermaßen die dialogische Spannung zwischen formaler Abstraktion und sujethafter Sehnsucht. Auch Anna Katharina findet ihre Interpretation über die stilistische Herangehensweise des Künstlers und unterstreicht die organisch wirkende Beschaffenheit des Goldes in Klimts Werk.

Lisa und Rebecca legen ihren Fokus auf die intime Zuneigung des Paares, den ungestörten Moment der Zweisamkeit, der mithilfe von Klimts gewählten formalen Mitteln unterstützt wird. 

Für Vanessa gleicht die Darstellung einer Metapher, die an uns alle gerichtet ist: Die Verbildlichung der Sinnlichkeit.


Nun seid ihr gefragt: Was seht ihr in Gustav Klimts Meisterwerk Der Kuss?

Der Kuss von Gustav Klimt befindet sich im Belvedere Museum Wien.

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