Kunstszene

Wer sieht was? Die Anbetung der Könige von Jacopo Tintoretto

Wir haben ein Werk von Jacopo Tintoretto betrachtet und unsere Gedanken gesammelt. Komposition, Figuren und Farben entführen uns in die Welt des 16. Jahrhunderts. Blicken wir mit seinen Augen auf die Welt und das Weihnachtsfest.

In diesem Jahr ist nichts wie zuvor. Das Osterfest, der Sommerurlaub und nun auch die Weihnachtstage. Das Virus hat unseren Alltag und unsere zwischenmenschlichen Beziehungen auf den Kopf gestellt und verlangt viel von uns. 

Unter diesen Umständen birgt die Weihnachtszeit allerdings auch Chancen für uns. Besinnen wir uns auf die Bedeutung des Festes und das, was bleibt. Die Kunst.
Wir haben ein Werk von Jacopo Tintoretto betrachtet und unsere Gedanken gesammelt. Komposition, Figuren und Farben entführen uns in die Welt des 16. Jahrhunderts. Blicken wir mit Tintorettos Augen auf die Welt und das Weihnachtsfest. Für einen kurzen Moment können wir den Sorgen unseres Alltags im Jahr 2020 entfliehen und eintauchen in ein Werk der Kunstgeschichte, das auch heute nicht an Aktualität verloren hat. 

Jacopo Tintoretto: Die Anbetung der Könige, um 1537/38, Öl auf Leinwand, 174 x 203 cm, © Museo Nacional del Prado.

Vanessa: Die ursprüngliche Bedeutung des Weihnachtsfestes: Hoffnung

Weihnachten bedeutet für jeden von uns wohl etwas anderes. Zeit mit der Familie, Besinnlichkeit, Zeit des Gebens oder gar Stress. Wir alle sehnen uns aber danach die Zeit mit den Menschen zu verbringen, die wir lieben. 

Ob gläubig oder nicht, der Ursprung dieses Festes liegt in der Geburt Jesu. Tintoretto verbildlicht das Gefühl der Geborgenheit, das Bedürfnis seinen Mitmenschen etwas Gutes zu tun und den Stellenwert, den das Christuskind für das Christentum einnimmt. Würdig ihn anzubeten vereint das Kind die Unschuld und die Last, die er tragen wird, fast beiläufig in seiner charakteristischen Darstellung.  

Symbolische Farben und bedeutende Gesten verdeutlichen dem*der belesenen Betrachter*in das Geschehen. Tintoretto vermag es allerdings eine universell verständliche Szenerie zu kreieren, die jedem*jeder deutlich macht, welche Aussage gemacht werden soll. 

Obwohl viele Personen zu sehen sind, die fast wirr agieren, geht eine bedächtige Ruhe von dem Gemälde aus, die uns an die ursprüngliche Bedeutung des Weihnachtsfestes erinnern soll: Hoffnung; auf dass bessere Zeiten kommen, wir unseren Lieben danken und uns bewusst werden, welches Glück wir doch haben. 

Die Geburt Christi hat unseren Glauben, aber auch den Lauf der Welt maßgeblich geprägt. Wären wir denn ohne dieses Ereignis an dem Ort und in der Situation, in der wir uns befinden? Wir werden es nie erfahren, aber vielleicht haben wir einen Moment Zeit, uns Gedanken über das Grundsätzliche zu machen. 

Sara: Weihnachten als Zeit der Entschleunigung

Man spürt ihn regelrecht, den Drang zu diesem unbekleideten Kind zu pilgern. Ihm zu huldigen, Gaben darzubringen und es anzubeten, schnellstmöglich, gar als Erste*r. 

Jacopo Tintoretto erzeugt eine unglaubliche Dynamik in diesem Gemälde, die – von mir als Betrachterin ausgehend – in der linken oberen Bildhälfte beginnt und nach einer Spannungskurve in der rechten Ecke endet. Erstaunlicherweise setzte der Künstler aber nicht Maria und das Jesuskind zentral in den Vordergrund, sondern arbeitete mit einer sogenannten Rückenfigur, die in das Gemälde hineinführt. Bei dieser Figur, eingehüllt in einen von Faltenwurf geprägten roten Mantel, scheint es sich um einen der Drei Heiligen Könige zu handeln. Die Bewegung des Mannes unterstreicht die Dynamik des ganzen Gemäldes, ist bei genauerem Hinsehen jedoch völlig unnatürlich. Mit seiner ausgestreckten Hand und der Gabe zur Geburt endet die von hinten drückende geballte Energie vor dem rechten Bilddrittel. Hier herrscht andächtige Ruhe, es sind keine Figuren mehr in Bewegung zu sehen. Sie stehen, sitzen oder knien und alle Augen sind auf das neugeborene Kind gerichtet. Maria, gekleidet in symbolträchtigem Grün und Rot mit einem fast hellweiß erscheinenden Inkarnat das ihre Jungfräulichkeit in Erinnerung ruft, scheint sogar – fast göttlich – im Sitzen zu schweben und wirkt, obwohl Ziel aller Figuren, völlig entrückt. Ein Vakuum der Huldigung, der Anbetung und Ehrfurcht, eine gänzliche Entschleunigung der Umwelt, die sich hier in der Aura des Kindes niederschlägt. 

Angesichts der diesjährigen Situation, ob gläubig oder nicht, sollten wir uns wohl alle dieser Entschleunigung hingeben. Dankbar sein, ein Fest nach innen ausrichten und an diejenigen denken, denen es nicht möglich ist zu feiern, zu essen oder in einem warmen Zimmer mit wenigstens einer lieben Person zu verweilen.  

Julia: Das Ungewöhnliche im Bild

Es ist viel los um das Jesuskind. Menschen und Tiere drängen sich, das Neugeborene zu sehen. Von allen Seiten werden ihm Gaben gereicht, die er vom Schoße seiner Mutter aus empfängt. Umso erstaunlicher ist es nun, dass Jesus selbst gar nicht die auffälligste Figur im Bild ist. Jacopo Tintoretto platzierte den Rücken eines Mannes (wohl einer der drei Könige) zentral im Vordergrund. Er trägt eine hellrote Robe, die das Inkarnat des Kindes sogar noch überstrahlt. Ihre dynamisch geschwungenen Faltenwürfe lenken den Blick unmittelbar auf sich und lassen ihn kaum mehr los. Kontrastreich hebt Tintoretto Licht und Schatten hervor, als diene das Tuch nur dazu, die ungewöhnlich ausgestreckte Haltung des Mannes zu betonen. Dabei fällt auf, dass der kleine Christus diese Haltung beinahe zu spiegeln scheint.

Tatsächlich ist die Malerei des Manierismus häufig von markanten Körperformen und geballten Figurenszenen geprägt. Mensch und Raum werden hierbei gerne in ihrer Vielschichtigkeit hervorgehoben, die z. T. sogar etwas Surreales haben kann. Überlängte Gliedmaßen, skurrile Positionen und verzerrte Räume stellen schließlich auch unsere Wahrnehmung auf die Probe. Das Auge wird durch die zahlreichen, sich überlagernden Ebenen letztlich bewusst überfordert – und es macht großen Spaß, sich darauf einzulassen!  

Maik: Alles dreht sich um Jesus

Die Heiligen Drei Könige haben eine lange Reise hinter sich, als sie endlich an der Krippe in Bethlehem ankommen. Das Werk von Tintoretto zeigt, dass sie die vielen Kilometer nicht bedächtigen Schrittes zurückgelegt haben. Stattdessen sind sie geeilt, wollten möglichst schnell zum Kind kommen – die Gestalt in der Mitte mit dem roten Umhang scheint dem Kind entgegen zu rennen. Die vielen abgebildeten Figuren und die dramatischen Faltenwürfe unterstreichen den Eindruck der Geschäftigkeit. Hier kommen nicht die drei Weisen an, in stiller Meditation, jeder sein Gefäß mit wertvollen Gaben vor sich tragend – die Könige Tintorettos sind mit einem großen Gefolge unterwegs, mit Pferden und Dienern. Die Geschenkübergabe erfolgt mitten in dem Tumult einer ankommenden Reisegesellschaft. Trotz der vielen Details, der Dynamik und farbigen Flächen ist das Zentrum des Bildes klar definiert: das Jesuskind auf dem Schoß seiner Mutter Maria. Die auf ihn zeigenden Arme, die Blickführung der Anwesenden und die Lichtführung seines hellen Körpers, die sich im Rücken der heraneilenden Gestalt und im Bein Marias wiederholt, macht es deutlich. Das Kind in seiner unbekleideten Einfarbigkeit bildet das kompositorische Zentrum des Bildes und die ruhende Mitte der Szene – alles dreht sich um ihn.

Sarah: Der Maler der tollkühnen Kompositionen

Der Name Tintoretto dürfte Kunstinteressierten geläufig sein. Gemeinsam mit Tizian und Veronese gehört Jacopo Tintoretto zu den wichtigsten Malern Venedigs. Dass er sich auch kunsthistorisch als Venezianer einordnen lässt, davon zeugt die Darstellung dieser „Anbetung der Könige”. Das virtuose Kolorit im Gemälde verstärkt die enorme Bedeutung Venedigs als Kunstzentrum im 16. Jahrhundert. 

Mit dem gewählten Thema der „Anbetung der Könige” zeigt Tintoretto seine Stärken. Als Künstler des Manierismus, gelingt ihm eine äußerst unnatürlich wirkende Komposition. Die Rückenfigur (einer der Heiligen Drei Könige) dreht sich auf eine seltsame Weise zum Jesuskind, Maria selbst verweilt in einer alles andere als gemütlich wirkenden Pose. Es scheint fast so, als wollte der Künstler all sein Können in dieses Gemälde legen. Verschiedene Posen von Figuren, unterschiedlich groß, vollgestopft, daneben auch noch der Ausblick auf die Landschaft im Hintergrund. Und allen voran: eine ausgeklügelte Farbigkeit, die sich vor allem in der Kleidung der Figuren spiegelt. 

Paul: Ordnung im Farbenchaos

Jacopo Tintorettos „Anbetung der Könige“ geht einen anderen Weg, als es für das Motiv üblich ist. Anstatt eine gefasste, ruhige und andächtige Szene zu zeigen, scheinen hier alle und alles gedreht und in Bewegung versetzt zu sein. Das Figurenpersonal drängt sich im beengten Raum des baufälligen Stalls und selbst das Jesuskind scheint beim Empfangen der Gaben im nächsten Moment von der Hand Mariens hinunterzugleiten. Die Szenerie wirkt undurchschaubar und fast konfus. Wäre da nicht der Rhythmus, den Tintoretto mit seiner Farbwahl erschafft. Da der Großteil des Gemäldes in verschiedenen Erdtönen gehalten ist, stechen die hauptsächlich roten und grünen Kostüme der Figuren hervor und geben so dem Auge einige Ankerpunkte. Dass für Tintoretto die Komposition der Farbgebung wichtiger war als die einer Vorzeichnung, zeigt sich etwa auch beim knienden König – die Farbe seiner Haare verschwimmt so sehr mit dem Stein im Hintergrund, dass keine klare Kontur bleibt.

Lisa: Wimmeln in der Welt Tintorettos

Tintoretto, der Künstler, der neben Tizian, in meinem Kopf augenblicklich die Stadt Venedig in Erinnerung ruft. Ach, Venedig, wie gerne wäre ich dieses Jahr in die weltbekannte Lagunenstadt gefahren. Umso schöner, dass Vanessa den Einfall hatte, Tintorettos Werk „Die Anbetung der Könige“ aus dem Jahr 1537/38 als Weihnachtsspezial gemeinsam zu betrachten. So fühle ich mich gleich auf Reisen, wandel gedanklich durch die Scuola Grande di San Rocco und tauche Stück für Stück tiefer in Tintorettos künstlerisches Werk ein. 

„Die Anbetung der Könige“ zählt zu seinem Frühwerk. Schon hier präsentiert er sein Können, seine ganz eigene künstlerische Ausdrucksweise. Dynamik, Bewegung, Dramatik, Farbgebung, dies sind nur wenige Schlagworte, die mir sofort in den Sinn kommen.

Tintoretto eröffnet uns eine Szenerie, in die wir geleitet werden. Es ist nicht das Jesuskind, das uns als Betrachter*innen als erstes ins Auge fällt. Es ist der helle, wallende Umhang des jungen Mannes im Bildzentrum des Vordergrunds. Es ist einer der drei Könige, der unseren Blick zur rechten Bildseite in den Stall leitet. Zwei Könige sind bereits anwesend. Das Christuskind nimmt begeistert ein Präsent entgegen und wird von Vater und Mutter beobachtet. Eine „abgeschlossene“ Szene, in die der dritte König zu hechten scheint und uns mitzieht. Er leitet die dynamische linke Bildhälfte ein, die wuselige Seite, die fast wie ein Wimmelbild viele Kleinigkeiten erkennen lassen. Es ist eine „Die Anbetung der Könige“, die vielleicht unserem gängigen Bild dieser Szene widerspricht, in mir dennoch die Sehnsucht nach Venedig und die Sehnsucht live vor den Werken Tintoretto zu stehen weckt (auch gerne in einem Museum in einer anderen Stadt).

Jessy: Was ist mit den Füßen?

Bis jetzt haben sich alle mit der Komposition, der Farbgebung und dem Stil des Bildes befasst sowie die Botschaft eines sinnlichen Weihnachtsfestes herausgearbeitet. Aber irgendwas stimmt doch mit den Füßen nicht, oder geht es nur mir so? Gegenüber den Faltenwürfen der Gewänder wirkt das Bild Tintorettos insgesamt nicht bis in die letzte Leinwandfaser detailliert ausgearbeitet. Neben einigen Gesichtern und dem Boden sind mir insbesondere die Füße aufgefallen. Sind Füße zu sehen, wirken diese sehr klobig, fast unproportional zum Körper und werden entweder in einer Art Nebel oder in Schuhen versteckt. Aber bei einigen der Personen gibt es einfach schlichtweg keine Füße. Entweder wurden sie aus dem Bild positioniert oder erst gar nicht gemalt. Nun gut, vielleicht schweben auch alle Beteiligten in diesem Moment voller Glück und Hoffnung.

Wer hat was gesehen?

Für kurze Zeit konnten wir alle in die Welt des Manierismus eintauchen, das Werk analysieren und unseren Blick schweifen lassen. Die Komposition von Jacopo Tintoretto entführt uns in eine Welt der Perspektiven, symbolischen Farben und geschichtsträchtigen Figuren.
Die Anbetung der Könige bringt uns, gläubig oder nicht, zurück zum Ursprung des Weihnachtsfests. Fern von Beschränkungen und Angst geben wir uns der Kunst hin, tauchen ein und besinnen uns. 

Wir wünschen euch ein schönes Weihnachtsfest mit euren Lieben. Es wird anders sein, als wir es kennen, aber sicher nicht schlechter. 

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