Kunstszene

Wer sieht was? Among the Sierra Nevada, California von Albert Bierstadt

Wer sieht was? Diesmal mit einer Landschaftsansicht aus Nordamerika: Among the Sierra Nevada, California von Albert Bierstadt, einem der großen Maler der amerikanischen Natur.

Für unser neuestes „Wer sieht was?“ haben wir das Kune-Netzwerk eingeladen, Beobachtungen zu einem Landschaftsgemälde zu sammeln. Denn auf Albert Bierstadts Ansicht Among the Sierra Nevada, California gibt es so viel zu entdecken, dass viele Augen auch viel sehen können. Wenn ihr Lust habt, könnt ihr gerne am Ende mit einem Kommentar eure eigenen Beobachtungen hinzufügen!

Albert Bierstadt war ein gefeierter amerikanischer Maler mit deutschen Wurzeln. 1830 noch in Solingen geboren, wanderte er mit seiner Familie als Zweijähriger in die USA aus. Mit Mitte 20 kam er nach Deutschland zurück und studierte in Düsseldorf Landschaftsmalerei und gehört somit zur Düsseldorfer Malerschule. Wieder zurück in den USA begleitete er Expeditionen in den Westen des Landes und fertigte dort Skizzen. Als Teil der Hudson River School wurde er für seine monumentalen Landschaftsbilder des amerikanischen Westens bekannt. Zwei seiner Gemälde hängen als Aufträge der US-Regierung im Kapitol in Washington D.C.

Albert Bierstadt, Among the Sierra Nevada, California, 183 x 305 cm, 1868, Öl auf Leinwand, Smithsonian American Art Museum, Washington D.C.
Albert Bierstadt, Among the Sierra Nevada, California, 183 x 305 cm, 1868, Öl auf Leinwand, Smithsonian American Art Museum, Washington D.C.

Julia: Der Mythos unberührter Natur

Aus heutiger Sicht müsste man eine solche Landschaft wohl als hochgradig kitschig bezeichnen: Am Ufer eines spiegelglatten Sees haben sich einige Rehe versammelt, dahinter eröffnet sich ein dramatisch inszeniertes Gebirgspanorama. Aus dichten Wolkentürmen brechen scheinwerferartige Lichtstrahlen hervor, die den schneebedeckten Bergspitzen einen erhabenen Glanz verleihen. Auch die beiden Wasserfälle tragen hierdurch einen zarten Schimmer und heben sich deutlich ab von den schroffen Felswänden der umliegenden Gesteinsformationen. Das beeindruckende Naturschauspiel ist komplett. Nur der Mensch hat hier keinen Platz.

Zwar beschrieb Albert Bierstadt einen tatsächlichen Ort, doch versetzte er die Sierra Nevada mithilfe bildlicher Konventionen in einen idealen Zustand – zumindest für die Augen des 19. Jahrhunderts. Der Blick kann ungehindert durch die Landschaft schweifen und Natur in ihrer vermeintlichen Ursprünglichkeit genießen. Dabei ist zu bedenken, dass Bierstadts Landschaftsansicht 1868 schon längst keine unberührte Wildnis mehr war. Vielmehr trug seine Ansicht dazu bei, einen Mythos amerikanischer Landschaft zu schüren, der sogar noch bis heute währt.

Gitta: Land vor unserer Zeit

Fast will das Auge weiterziehen und über die aalglatte Oberfläche des Sees über den Bildrand verschwinden. Zu oft gesehen so eine Ideallandschaft und… bin ich die Einzige, die sofort vor dem inneren Auge das gelobte Tal aus dem Zeichentrickfilm Aus einem Land vor unserer Zeit hat? Das Tal, zu dem alle Dinosauriers ziehen? Ich habe den Film wahrscheinlich vor 30 Jahren zuletzt gesehen, also verzeiht, wenn meine Erinnerung getrübt ist. Wenn man sich das Bild genauer anschaut, dann wirkt diese Ideallandschaft auch etwas bedrohlich, denn die Berge, die den Blick im Hintergrund einfangen, sind sehr hoch und in ihnen drohen viele Gefahren. Schon die Wasserfälle, die aus dem Massiv schießen erwecken in mir Höhenangst. Vielleicht wirkt das Sonnenlicht, das durch die Wolken dringt, deshalb so erhebend. Nicht nur, weil die graubraune Farbe der Berge es so richtig zum Glühen bringt, sondern möglicherweise auch, weil das Erhabene und das Gefährliche schon immer so nah beisammen wohnten. Dieses Glühen ist es was mir sagt, dass es in diesem Bild auch um die Natur, vielleicht auch Amerika, als Gottes Werk gehen soll. Für mich aber geht es um kleine Dinos, die ihr Ziel erreicht haben und endlich ein fruchtbares Tal gefunden haben, in dem sie mit den Rehen zusammenleben können. Jedem das Seine eben 😉

Sarah: Kunst und Identität

Kunst ist mehr als reine Dekoration oder hübsches Accessoire. Das belegt die Landschaftsdarstellung von Albert Bierstadt einmal mehr. Der weite Blick auf die Natur, den uns der Künstler hier öffnet, hat Generationen von Künstler*innen geprägt und gipfelt in den monumentalen Großraumprojekten der amerikanischen Land Artists. Durch das Auseinandersetzen mit Natur und ihrer bildhaften Darstellung, wird gleichzeitig auch ein bestimmtes Verhältnis zur Selben geprägt und gestalthaft. Für die Bildung einer spezifischen US-amerikanischen Identität haben solche Darstellungen von Landschaft unmittelbar ihren Beitrag geleistet. Der Gedanke von der unberührten Natur, ihrer Unterwerfung, Domestizierung und Inbesitznahme: All diese Strategien werden mit Hilfe der Blickrichtung des Künstlers transportiert. Wie sehr diese Art der Landschaftserfahrung nachhaltige Spuren in den späteren Generationen von Künstler*innen hinterlassen hat, belegen die je unterschiedlichen Herangehensweisen der Land Art Künstler*innen im Spannungsverhältnis zwischen den USA und Europa. Der kolonialistische Gedanke der Unterwerfung der Natur, ihre „Verletzung“, ist in den groß angelegten Naturinstallationen von Künstlern wie Michael Heizer, Robert Smithson oder Walter de Maria plakativ und greifbar. Europäische Künstler*innen wie Richard Long begegnen dem Phänomen Natur auf ihre ganz eigene Weise. Sie arbeiten innerhalb der Natur, ohne nachhaltige Spuren zu hinterlassen. Bilder verankern sich in unseren Köpfen, sie transportieren immer einen bestimmten Gehalt und tragen dementsprechend zur Bildung von Identität ganzer Nationen bei.

Sara: Das Streben nach Perfektion

Das Landschaftsbild von Albert Bierstadt hat nicht nur monumentale Ausmaße, sondern zeigt auch einen erhabenen monumentalen Moment. Wie im 19. Jahrhundert üblich, darf man hier nicht von einem realen Bild der Natur ausgehen. Veränderte Details, verschobene Gebirgsformationen und angepasste Proportionen sind einige Beispiele für ein romantisches komponiertes Landschaftsgemälde dieser Zeit. Auch hier fällt es schwer zu glauben, dass Bierstadt die scheinbare Lichtexplosion, die die schneebedeckten Gipfel in gleisenden Schimmer hüllt und das perfekt ausgewogene Verhältnis von hellen und dunklen Stellen genauso in der Natur vorgefunden hat. Nichtsdestotrotz möchte man es glauben; der Geist sehnt sich und die Rezipient*innen im beginnenden und mittleren 19. Jahrhundert forderten ein Gleichgewicht und eine scheinbare Perfektion in Naturdarstellungen. 

Von einem leicht erhöhten Sockel gibt der Maler den Blick auf die Idylle eines Sees frei. Dieser liegt ruhig – größtenteils – im Schatten von teils sanftem und gegenüberliegend aufgetürmt spitzfelsigem Gebirge umschlossen, angrenzend bewaldete Flächen. Am zum See abfallenden Ufer im Vordergrund grast eine Herde Rotwild, Enten lassen sich im Wasser zu einer Rast nieder. Wasserfälle strömen von den hohen Berghängen. Nebel und Wolkenfelder bedecken Teile des Bildhintergrundes, durchbrochen von der Kraft der durchdringenden Sonnenstrahlen, die den Bildmittelgrund erhellen. Alles scheint diesem Punkt zuzustreben: Die sich staffelnden Bildebenen von vorne nach hinten, von flachem Gras, zu Wäldern, die der Szenerie des Gebirges im Hintergrund weichen. Das große Finale scheint sich auf den gen Himmel emporragenden Bergspitzen im erhabenen Licht der Schöpfung zu bündeln.

Vanessa: Präsenz der Erhabenheit

Die Natur gilt auch heute, in Zeiten der Industrialisierung, als unbekannter und bedrohlicher Bestandteil unserer Welt. Während in früherer Zeit die Natur, mitsamt ihren Elementen, den Menschen die Lebensumstände vorgeschrieben hat und als unzähmbare Bedrohung präsent war, versucht der Mensch seit Jahren sie zu bändigen. Trotz moderner Technik, die den Alltag unabhängig von den natürlichen Umständen macht, ist es uns nicht gelungen, uns die Natur Untertan zu machen. Kraftwerke machen die natürlichen Ressourcen nutzbar. Dämme ringen dem Meer dringend benötigtes Land ab. Hagel, der die Ernte zerstören könnte, wird durch Chemikalien neutralisiert. Scheinbar ist der Mensch Herrscher über die Natur und ihre Gewalten. Der Klimawandel und dessen Symptome beeinflussen allerdings unser aller Leben. Von uns selbst erschaffen, betreffen uns die Naturphänomene und wir scheinen machtlos.

Die Erhabenheit der Natur, die in Bierstadts Werk anschaulich wie selten sichtbar wird, ist jederzeit präsent. Sei es im 15. Jahrhundert, als das Leben den natürlichen Gegebenheiten angepasst wurde oder heute, wenn uns nach jahrelanger Ignoranz bewusstwird, dass die Natur nicht zu bezwingen ist. Werke wie dieses lassen uns die wunderschöne Erscheinung der Natur mit einem mahnenden Unterton anblicken. Ein Unterton, der uns ins Bewusstsein ruft, dass es ebenfalls unsere Aufgabe ist, diese Schönheit zu bewahren, auf dass sie nicht nur in solchen Kunstwerken existiert.

Paul: Landschaft im Superlativ

Albert Bierstadts Gemälde zeigt uns ein Bild im Superlativ. Er verwendet nur das grünste Grün für das Gras und die Bäume am Ufer. Er malt das klarste Wasser, dessen Oberfläche so glatt ist, dass sich die Umgebung perfekt darin spiegelt. Er zeigt die höchsten Berge, die man sich vorstellen kann; so groß, dass die Gipfel von den Wolken kaum zu unterscheiden sind. Das Licht beleuchtet perfekt den See, die Felsformationen im Hintergrund und ausgewählte Bäume am rechten Rand des Bildes.

Und trotz (oder gerade wegen?) der ganzen Übertreibungen kann uns das Bild etwas vermitteln. Zum Beispiel regt es zum Nachdenken darüber an, was genau wir meinen, wenn wir „Natur“ sagen. Was ist unberührte Natur, was ist Zivilisation? Welche Gefühle und Vorurteile verbinden wir mit diesen Begriffen? Und vielleicht auch: Was bedeutet das für unser alltägliches Handeln?

Wer hat was gesehen?

Auch wenn wir unterschiedliche Aspekte hervorgehoben haben, gibt es bei diesem „Wer sieht was?“ doch ein paar Hauptlinien: Julia und Sara zeigen auf, dass die Ansicht hier zwar auf einer realen Vorlage basiert, aber konstruiert und in bildnerische Konventionen eingepasst ist. Vanessa und Paul nehmen die Naturdarstellung zum Anlass, über den Begriff der Natur und das Verhältnis von Natur und Mensch nachzudenken. Sarah sieht in Bierstadts Kunstwerk einen Ausdruck von nationaler Identität und überträgt dies auf die Land Art der USA, während uns Gitta mit ihren persönlichen Assoziationen einen Blick auf die kulturellen Nachwirkungen der Landschaftsgemälde des 19. Jahrhunderts gibt. Was habt Ihr bei dieser Ansicht der Sierra Nevada noch gesehen, das wir hier nicht angesprochen haben? Lasst es uns gerne in den Kommentaren wissen!

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