Künstler*innen

Im Gespräch mit: Ralf Ehmann

Etwas Großes, weiß schimmerndes erhascht man bei einem kurzen Blick durch die türkis gestrichene Scheunentür. Wir stehen vor der Werkstatt von Ralf Ehmann. Seines Zeichens Künstler, Allrounder oder wie wir ihn gerne nennen, Tausendsassa. Sarah und Sara aus dem Kune-Team haben sich mit dem Künstler unterhalten.

Etwas Großes, weiß schimmerndes erhascht man bei einem kurzen Blick durch die türkis gestrichene Scheunentür. Wir stehen vor der Werkstatt von Ralf Ehmann. Seines Zeichens Künstler, Allrounder oder, wie wir ihn gerne nennen, Tausendsassa.

Visitenkarte an der Hauswand. Ralf Ehmann. Bildhauer. Maler. Zeichner, Foto: ©Sara Heinzelmann-Wilhelm.

Man kann nicht sagen, dass wir ihn in seinem Atelier oder in seinem Wohnhaus besuchten, vielmehr führte er uns durch seine unglaublich vielfältigen und weitläufigen, selbst ausgebauten Arbeits- und Lagerräume, die gefüllt sind mit alten und aktuellen Werken, Ideen sowie Auftragsarbeiten. Bei sanftem Wind im Schatten eines Feigenbaumes, neben Lavendel, Weinbergpfirsichen und mediterranen Pflanzen, konnten wir den – wie er selbst von sich sagt – selten zur Ruhe kommenden Künstler bei Kaffee mit Fragen löchern.

Sarah Hergöth und Sara Heinzelmann-Wilhelm aus dem Kune-Team zu Besuch bei Ralf Ehmann, Foto: ©Sara Heinzelmann-Wilhelm.
Sarah Hergöth und Sara Heinzelmann-Wilhelm aus dem Kune-Team zu Besuch bei Ralf Ehmann, Foto: ©Sara Heinzelmann-Wilhelm.

Rom oder Athen – antike Kunst gibt es auch in Rottenburg

Aufgewachsen in Rottenburg am Neckar, war Ralf Ehmann als Kind häufig in der Kirche und ließ sich durch die Skulpturen im Kircheninneren sowie von dem noch aus der Gotik erhaltenen Marktbrunnen inspirieren. In unserem Gespräch wurde an vielen Stellen deutlich, wie intensiv er sich mit der Materie der bildenden Kunst auseinandersetzt und schon immer auseinandergesetzt hat. Die lange Historie der Stadt Rottenburg a. N. spielte da keine unwesentliche Rolle: „Diese ist neben einer Bischofsstadt eben auch alte Römerstadt und es kamen bei Ausgrabungen unter anderem antike Skulpturen zu Tage.“ Diese frühe Konfrontation mit antiker Kunst im dortigen Stadtmuseum scheint maßgeblicher Antrieb für die heutige Profession gewesen zu sein.

„Ich hatte keine Ahnung, aber ich wollte […] schon immer Bildhauer werden!“

Wer mit vier Jahren seine ersten bildhauerischen Arbeiten fertigstellt, hat definitiv eine intrinsische Fähigkeit, die es zu fördern gilt. Der damals aus Pappmaschee entstandene Kopf existiert noch heute und wurde mittlerweile, in Reminiszenz an die Anfänge, vom Künstler in Bronze gegossen. Das künstlerische Interesse blieb bestehen. So fertigte er im Alter von zwölf Jahren erneut ein bis zwei Köpfe und entschied damit endgültig seine berufliche Laufbahn: „Ich hatte keine Ahnung, aber ich wollte ab da schon immer Bildhauer werden!“, erzählte der Künstler bei unserem Treffen mit glänzenden Augen.

Momentaufnahme vor Ralf Ehmanns Werkstatt, Foto: ©Sara Heinzelmann-Wilhelm.

Fasziniert von der Virtuosität und den Möglichkeiten, die sich aus künstlerischen Prozessen ergeben, verfolgte der Künstler sein stringentes Ziel. Er absolvierte Praktika bei Künstlern und begann ein klassisches Studium der bildenden Kunst an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Während seines Praktikums bei Eberhard Linke in Mainz erfuhr er vor allem eine gute Grundlage für seine Anfänge. Ehmann half im Atelier aus, lernte Räume und Linkes Arbeitsweise, künstlerische Umsetzungen sowie seine Lebenssituation kennen. An der ABK in Stuttgart besuchte er daraufhin die Klasse für Bildhauerei unter Prof. Karl-Henning Seemann, den Professoren Jürgen Brodwolf und Micha Ullmann (,der gegensätzlicher zu Ehmann nicht sein könnte) und der Malerei, vorwiegend unter Prof. Herwig Schubert

Von Allem was dabei

Heute bedient der Künstler so gut wie alle Medien in seinen Ateliers und Werkstätten. Tagtäglich werkelt Ralf Ehmann in einem über Jahre selbst ausgebauten Hof mit Scheune. Es entstehen hier grafische Arbeiten( Radierungen, Lithografien), klein- und großformatige Malereien und natürlich seine Skulpturen, Plastiken und Ton- und Wachsmodelle. Selbst eine eigene Bleigießerei hat sich der Künstler in seine Arbeitsstätte gebaut, um kleine Bronzearbeiten vor Ort herzustellen.

Der Künstler Ralf Ehmann in seiner Werkstatt, Foto: ©Sara Heinzelmann-Wilhelm.

„Ich wurde mehrmals vom Geheimdienst angehalten. Es sah so aus, als hätte ich ein MG auf dem Rücken.“

Seine Malerei zählt eher zur figurativen als zur abstrakten Kunst, ist aber auch hier ein immer währender Prozess. Je länger das Gespräch andauert, fragt man sich unwillkürlich, wann er sich wohl die Ruhe und Zeit für ein Gemälde nimmt. Dass er selbst in Urlaubs- oder Reisetagen der künstlerischen Arbeit nicht den Rücken kehren kann wird schnell klar. Jede freie Zeit wird zum Einfangen von Impressionen, Übersetzungen von Gedanken und auch als Erinnerungsskizzen für unbekannte Topografien genutzt. Als der Künstler damals – noch vor dem seit 2011 währenden Bürgerkrieg – seine in Syrien arbeitende Frau besuchte, sahen sie die noch intakten Orte Palmyra, Damaskus und das Konvent in Maalula. Immer dabei sein Aquarellkasten und die mit eingeflogene Staffelei. „Ich wurde mehrmals vom Geheimdienst angehalten. Es sah so aus, als hätte ich ein MG auf dem Rücken“, erzählte er so nebenbei, als wäre es nichts Besonderes.

Blick in das Maleratelier von Ralf Ehmann, Foto: ©Sara Heinzelmann-Wilhelm.

„Ich habe kein Rezept, es gibt bei allen Künsten immer wieder Momente, in denen ich denke: WOW!“

Als Sarah ihn auf die künstlerische Nähe zu Neo Rauch ansprach, bejahte er die Faszination die Rauchs Gemälde auf ihn ausüben, betonte aber seinen Hang zur klassischen Aktmalerei. Weder das Provokative noch das Ideologische seien heute Dinge, die im Vordergrund stünden – es ginge ihm vor allem um den künstlerischen Prozess. „Wie sind Arbeiten gemacht, wie sieht die Formgebung aus?“ Die reine künstlerische Qualität sei ihm wichtig. Wenn man von Inspiration sprechen möchte, hätten ihn Max Liebermann, vor allem aber viele Realisten beeindruckt. Auch die Landschaften, die Linienführung und die Farben eines Ferdinand Hodler überwältige und berausche ihn. Die Schönheit und die Umsetzung der Malereien faszinieren ihn immer wieder. Nicht zu vergessen spielt auch hier wieder die Spätantike eine Rolle, aber zusammenfassend sagte er selbst über seine Einflüsse und Vorbilder: „Ach, eigentlich Queerbeet! Ich habe kein Rezept, es gibt bei allen Künsten immer wieder Momente in denen ich denke: WOW!“

Ralf Ehmann vor einer kleinen Auswahl seiner Gemälde im Atelier, Foto: ©Sara Heinzelmann-Wilhelm.

Die Aktklasse war nicht genug

In seinem Malerei-Atelier in Kiebingen stehen vor allem großformatige Arbeiten. Auffällig ist die bei ihm ständig zu beobachtende Auseinandersetzung mit dem Menschen. Der Mensch als Individuum tritt dabei einen Schritt zurück und der Körper als künstlerische Projektionsfläche tritt hervor. Wenn ihn etwas interessiert, steigt Ralf Ehmann tief in die Materie ein. So auch bei der Unterrichtung der Aktmalerei, die in den vielen Stunden an der Akademie für ihn nicht tiefgreifend genug waren.

In einer Traditionslinie mit den Künstler*innen der frühen Neuzeit stehend, vertiefte Ralf Ehmann sein anatomisches Wissen kurzerhand in direkter Form. Über mehrere Wochen beschäftigte er sich mit Leichenteilen am medizinischen Institut, um die Strukturen und Formen des Körpers von Innen heraus besser zu verstehen und fertigte unzählige Skizzen an. Wie ein Anatom sezierte und skizzierte er die einzelnen Muskeln und vervollständigte so sein Bild des Menschen. Die Modifizierung der handwerklichen Kunst findet sich in seinen Gemälden und vor allem den bildhauerischen Arbeiten wieder. Es wird einem klar, was den Künstler antreibt, wenn man ihn über seine Modelle streichen sieht oder den individuellen Entstehungsprozess seiner Skulpturen nachverfolgt. Die Liebe zum Detail, zur Haptik und zu anatomischen Verzerrungen, die nur einem geschulten Auge auffallen und eine andere Außenwirkung provozieren können. Die Struktur der Farbe, des Steins formt der Künstler zu Körperlinien, Muskeln, Gesichter und Sehnen.

Passend dazu konnten wir in seiner Grafik-Werkstatt, neben einer Radier- und Lithografiepresse, einen Blick in die eigene kleine Glyptothek von Abgüssen, die ihm tägliche Inspiration bieten, erhaschen. Hände, Gesichter, kleine Ausschnitte, die ihn in seinem unaufhörlichen Schaffensprozess begleiten. Auguste Rodin spielt hier, neben Michelangelo und Anderen, vor allem im wiederkehrenden Sinne des reinen Handwerks eines Bildhauers, eine große Rolle für Ehmann.

Das Herzstück – die Bildhauerei

Aktuelle Auftragsarbeit in Ausarbeitung von Ralf Ehmann, Foto: ©Sara Heinzelmann-Wilhelm.

Leichter heller Steinstaub zieht sich über den Boden und die Geräte. Der Marmor wirft den Lichteinfall aus Fenster und Türen zurück in den Raum. Vor der Scheune, seine Bildhauerwerkstatt, warten Zentner an Stein um von ihm behauen zu werden. Im Eingangsbereich steht eine im Fertigungsprozess befindliche Skulptur, non finito, die mit 2,25 m überlebensgroß ist. Spuren der unterschiedlichen Bearbeitung sind sichtbar und lassen uns den Duktus des Künstlers entdecken. Zig Meißel warten in einem geöffneten Schrank darauf in den harten Stein geschlagen zu werden. 

Momentaufnahme aus Ralf Ehmanns Werkstatt, Foto: ©Sara Heinzelmann-Wilhelm.
Momentaufnahme aus Ralf Ehmanns Werkstatt, Foto: ©Sara Heinzelmann-Wilhelm.

Wenn man mit Ralf Ehmann spricht, wird deutlich, wie sehr er liebt, was er tut und dass er die Kunst als ästhetische Äußerung, vor allem aber als Handwerk ansieht. Immer wieder betont der Künstler wie ihn durchkonstruierte Schönheitsprinzipien und stimmige Proportions-Harmonien faszinieren und bannen.

Ralf Ehmann war für ein Jahr in der italienischen Marmorstadt Carrara. Für ihn Faszination und Ausleben einer Leidenschaft. Das Gefühl für ihn als Steinbildhauer sei dort „gigantisch“ gewesen. „Die Berge, der Marmor und die Geschichte mit all seinen berühmten Künstlern, die vor Jahrhunderten schon dort waren, das hat schon was.“ Eingemietet hatte sich der junge Künstler in einem Studio mit Arbeitsplatz und Übernachtung. Er war viel unterwegs, lernte andere Künstler*innen kennen und schaute sich in anderen Ateliers und Werkstätten um.

„Die Stücke, die ich für die Gesellschaft mache, sind mir sehr wichtig. Das was in der Öffentlichkeit steht, bleibt von mir übrig und nicht das was in meinem Atelier steht.“

Zur Zeit beschäftigt sich Ralf Ehmann mit den künstlerischen Entwicklungen und Übergängen der Bildhauerei von den 1960er bis zu den 1990er Jahren. Im Fokus steht hier vor allem die Mitarbeit von Künstler*innen in großen Werkstätten: „Aufträge der nicht so lukrativen Art für größere Künstler*innen auszuführen, das alles sind Einflüsse, die ich für sehr wichtig erachte. Einflüsse, Traditionen und/oder Übernahmen sind wichtig um daraus etwas zu lernen.“

Ralf Ehmann vor seiner Werkstätte, Foto: ©Sara Heinzelmann-Wilhelm.

Ob es ihm schwer falle, manche Arbeiten gehen zu lassen und sie zu verkaufen, war eine Frage, die wir ihm stellten. Wenn er etwas verkauft, hat er damit keine Probleme, im Gegenteil: „Die Stücke, die ich für die Gesellschaft mache, sind mir sehr wichtig. Das was in der Öffentlichkeit steht, bleibt von mir übrig und nicht das was in meinem Atelier steht!“ Die gewählten Worte sind ein passendes Schlusswort und man kann nur hoffen, dass noch mehr Objekte von ihm in der Öffentlichkeit zu sehen sein werden.

Wir sagen vielen Dank für das nette Gespräch und deine Zeit.

Ralf Ehmann stellt regelmäßig in der Galerie Reinhold Maas aus. In Fellbach und bei Wenke Kunst Tübingen stehen Werke von ihm zum Verkauf. In seiner Kiebinger Ausstellungshalle ist vorwiegend eine Daueraustellung von Beispielobjekten zu sehen, die erworben werden können. Dort stehen auch größere Werke, die regelmäßig ausgetauscht werden.

Fun Fact: Die Stadt Tübingen hat noch nie etwas von Ralf Ehmann erworben.

Aktuelle Ausstellung: Ralf Ehmann und Ralf Bertscheit – Villa Eugenia, Zollernstraße 10. 72379 Hechingen, 13.09.2020 – 04.10.2020, Öffnungszeiten: Sonntag: 14-17 Uhr.

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