Kunstszene

Wer sieht was? Geist, B12, von Eberhard Havekost

Was versteckt sich hinter der Oberfläche der Werke von Eberhard Havekost? Man fragt sich, was er mit seinen Werken äußern möchte. Was ist die Botschaft? Einfach ist es allemal nicht, hinter seine Malereien zu gelangen. Anlässlich des ersten Todestages Havekosts heute, betrachten wir in unserer Reihe „Wer sieht was?“ ein Werk des Künstlers und wagen den Versuch, hinter seine Malerei zu gelangen.

Was versteckt sich hinter der Oberfläche der Werke von Eberhard Havekost? Man fragt sich, was Havekost mit seinen Werken äußern möchte. Einfach ist es allemal nicht hinter seine Malereien zu gelangen. Das weiß auch Tim Sommer, Chefredakteur des Kunstmagazins art: „Havekosts Bilder verlangen Arbeit vom Betrachter. Wer sich mit ihnen nicht auseinandersetzt, der wird sie kaum verstehen.“ (Zitat Tim Sommer; Adina Rieckmann: „Dresdner Schule“, Zeit Online 13.11.2010)

Anlässlich des ersten Todestages Havekosts heute, betrachten wir in unserer Reihe „Wer sieht was?“ ein Werk des Künstlers und wagen den Versuch, unabhängig voneinander hinter seine Malerei zu gelangen.

Eberhard Havekost, Geist, B12, 2012, Öl auf Leinwand, 90 x 60 cm; Courtesy Galerie Gebr. Lehmann, Dresden.

Elisabeth – Tief in unserem Geiste

Wer sieht was? Zum vierten Mal stellen wir uns nun schon diese Frage. Und heute würde ich gerne eben diese an euch stellen: Was seht ihr? Was erkennt ihr? Entwickelt sich etwas beim Betrachten? Assoziiert ihr etwas mit den zu sehenden Formen? Baut ihr eure ganz eigene Imagination auf? 

Können wir Ebenen öffnen und festlegen? Vor einem vermeintlich, in Gelbtönen gehaltenen Hintergrund, ist schemenhaft eine Gestalt zu erkennen. Ein Mensch? Die Form erinnert zumindest daran. So erkennt man einen Kopf, die Hautfarbe in einem hellbraunen Ton gehalten. Sind das zerzauste Haare? Ist das eine grüne Blume im Haar? Mögliche Kleidung ist in Grün, Blau und Rot gehalten. Doch auch hier stellt sich die Frage, ob der rote Teil zur Gestalt selbst gehört oder ein Gegenstand ist, der von ihr getragen wird. Wer oder was ist hier dargestellt? Wem stehe ich gegenüber? Einem Geist, wie uns der Titel verrät? Oder gar mir selbst? Eberhard Havekost spielt hier mit unserer visuellen Wahrnehmung. Dabei bricht er mit üblichen Sehgewohnheiten, relativiert den Blick auf eine für uns doch so vermeintlich wahre Realität. Das von ihm Dargestellte ist nicht mehr erkennbar. So sind wir nun selbst an der Reihe, sozusagen eingeladen, eine real existierende Szene in unserem Inneren, in unserem Geist, zu imaginieren.

Paul – Geisterspiegel

Wie eine Geisterfotografie des 19. Jahrhunderts kommt dieses Ölgemälde von Eberhard Havekost daher. Schemenhaft zeichnet sich der Umriss einer menschlichen Figur ab. Havekost arbeitet jedoch offensichtlich nicht mit Doppelbelichtungen, einem Medium und anderen Tricks, mit denen man Geister sichtbar machen wollte. Seine Malerei changiert zwischen Abstraktion und dem Gegenständlichen einer Figur. Aus dem Gelb des Hintergrundes (Untergrundes?) taucht der dunklere Schatten überraschend auf.

Der Effekt ist der Geisterfotografie ähnlich: Man ist sich beim Betrachten nicht ganz sicher, was man sieht. Der Umriss bleibt so vage, dass die eigene Fantasie angeregt wird: Da scheint doch eine zerzauste Frisur sichtbar zu sein, oder? An wen erinnert mich das? Selbst wenn man sich nicht selbst als Spiegelbild erkennt, wird man doch auf sich selbst zurückgeworfen und muss die eigene Wahrnehmung reflektieren.

Sarah – Was wir nicht sehen

Die einleitende Frage kann auch in dieser Bildbetrachtung wieder lauten: Was sehen wir? Was wir NICHT sehen, mag hier vielleicht einfacher sein. Wir sehen auf den ersten Blick keinerlei Symbolzusammenhänge, aus denen wir den Gehalt des Gemäldes von Havekost erschließen können. Um es mit den Worten von Max Imdahl zu formulieren: In diesem Fall können wir uns nicht auf unser wiedererkennendes Sehen verlassen. (Fast) nichts gibt uns einen Anhaltspunkt, um einzuordnen, was der Künstler uns hier vermitteln möchte. Aber doch nur fast. Der mögliche Hintergrund des Kunstwerks formiert sich aus einer gelb-orangenen, an manchen Stellen fast grünlich wirkenden Fläche. Davor, so scheint es, artikuliert sich eine zweite Masse, geformt aus bräunlicher Farbe, ein Oval, das übergeht in eine noch dunklere Fläche. In ein dunkles Blau, das beinahe schwarz daherkommt. Diese „vorderen“ Farbschichten lassen an die Silhouette einer Person denken, die sich verschwommen vom Hintergrund abhebt. Allerdings geben uns keinerlei Merkmale wie Augen, Nase oder Mund einen Hinweis, dass es sich tatsächlich um eine menschliche Figur handeln könnte. Die Masse bleibt ein mögliches Sein. Der Verzicht auf physiognomische Eigenschaften erinnert entfernt – allerdings in erweiterter abstrahierter Form – an Figurendarstellungen von Oskar Schlemmer. Oder es handelt sich um keine menschliche Person und wir werden von unserer eigenen Wahrnehmung getäuscht. Vielleicht sehen wir tatsächlich nur einen Geist. 

Vanessa – Das Unsichtbare

Was wir sehen können, wissen wir. Was wir nicht sehen können, müssen wir glauben. Das Unsichtbare, das Fantastische, das Mystische hat eine lange und vielseitige Geschichte in der Kunst. Woran mag das liegen?

Das Unsichtbare eröffnet uns eine neue Welt, die wir selbst gestalten können. Sie kann eine Flucht vor äußeren Einflüssen sein und uns vor ihnen bewahren. Sie kann uns geliebte Menschen zurück in das Bewusstsein bringen oder unser Bewusstsein erweitern. Kunst vermag diese Erfahrungen in dem/der Betrachter*in auszulösen. Stellt sie dabei etwas nicht dar, wie es bei Eberhard Havekosts Werk der Fall ist, werden diese Erlebnisse verstärkt. Der Blick auf das Gemälde gibt dem/der Betrachter*in keine gemalte Realität vor, in die es einzutauchen gilt. Er gibt lediglich einen Anstoß dazu, selbst Assoziationen und Welten zu entwickeln, die sich hinter der Leinwand öffnen können. 

Der Geist, von Havekost als Titel für das Werk gewählt, entzieht sich unser aller Realität. Er steht sinnbildlich für das Unfassbare. Nicht greifbar, nicht zu beschreiben und nicht sichtbar. Auf sehr persönliche Weise hat der/die ein oder andere Erfahrungen mit solchen Erscheinungen gemacht, doch meist behält man diese Erlebnisse, diese Gefühle und die damit verbundenen Ängste für sich. 

So erfährt jeder/jede Betrachter*in beim Blick auf das Werk einen intimen und individuellen Moment der Reflexion, der nicht geteilt werden muss, denn Kunst, welcher Epoche und welcher Darstellungsform sie angehören mag, kreiert immer diesen Moment, den wir mit uns selbst, in unserer individuellen Welt erleben. Ob wir nun etwas gegenständlich oder etwas unsichtbares sehen. 

Sara: Wenn der Titel uns das Sehen raubt

Wenn wir etwas unscharf sehen, geht man für gewöhnlich zu einem*r Facharzt*ärztin, um diese „Fehlstelle“ zu beheben. Der erste Impuls bei der Betrachtung des Werks von Eberhard Havekost ist der Versuch die bewusste Unschärfe auszugleichen. Man tritt (vor dem Original) näher heran oder versucht am Bildschirm zu zoomen. Erwischt?

Unschärfen oder Leerstellen in Kunstwerken sind ein immer wiederkehrendes Gut der Kunstgeschichte. Aber was genau sehen wir nun hier? Eigentlich sehen wir nur verschiedene Farbflächen, die scheinbar ineinander verlaufen. Großflächig in einem senfgelben Ton grundiert, besticht die Ölmalerei im unteren Drittel durch dunkle Nuancen in denen Rot, Blau und Violett/Schwarz durchscheinen, um sich dann zentral in einem bräunlichen langgezogenen „Farbfleck“ zu treffen.

Es liegt im Auge der – in meinem Fall – Kunsthistorikerin sich mit den Auffälligkeiten eines Objektes auseinanderzusetzen, die sichtbar sind (oder die es nicht sind). Hier betrachte ich aber offensichtlich eine Arbeit, die der Künstler nur mit drei Grundfarben (Primärfarben) ausgeführt hat. Blau, Gelb und Rot sind nicht mischbare Farben, anders als Grün, Violett, Braun, Schwarz u.a., die aus eben diesen entstehen können. Unsere Sehgewohnheiten und der Wille etwas zu erkennen führt nun also vermutlich jede*n Betrachter*in zu der ersten Erkenntnis, dass es sich hier um eine verschwommene Figur als Bruststück handelt. Wir mögen erkennen, dass diese Figur helle Haare, einen dunkleren Teint und farbige Kleidung vor einem gelben Hintergrund trägt, dies alles aber hinter Milchglas oder einer anderen räumlichen Ebene verborgen bleibt. 

Was wir nicht sofort sehen, ist die Zusammensetzung aus nur drei Farben in perfekt arrangierten Farbflächen, die uns das alles glauben lässt. Dies entrückt nämlich ad hoc, wenn man den Titel dazu liest: Geist! Und der fantastische (im wahrsten Sinne) Vorhang fällt.

Jessica – Wen siehst du?

Mehrere Farbschichten aufeinander erschweren die Betrachtung der abgebildeten Person. Ob es sich auch wirklich um einen Menschen handelt oder doch nur um eine Puppe, bleibt an dieser Stelle offen. Erkennbar ist die Silhouette: Kleidung, Gesicht, Haare. Nach längerem Hinsehen bildet man sich vielleicht auch ein, Nase, Mund und Augen zu erkennen. Geist, B12, generiert eine Oberfläche, welche Betrachter*innen als Reflexionsfläche nutzen. Ist es die jüngst verstorbene Oma, eine alte Liebe oder doch ein Politiker, dessen Tweets man erst kürzlich gelesen hat? Wen man hinter diesen Schichten von Ölfarbe erkennen möchte, bleibt individuell und hat das Potenzial, sich innerhalb weniger Sekunden zu verändern.

Eberhard Havekost spricht über sein Werk „Benutzeroberfläche 1“, 1999, welches im Städel Museum zu sehen ist.

Eberhard Havekost wurde 1967 in Dresden geboren. Nach seiner Ausbildung zum Steinmetz studierte er ab 1991 Malerei an der Hochschule für Bildende Kunst in Dresden. 2010 wurde er an die Akademie für Bildende Künste in Düsseldorf als Professor berufen. Am 5. Juli 2019 starb Eberhard Havekost überraschend mit 52 Jahren.

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