Künstler*innen

Patrick Fauck. Querdenker

Der in Leipzig lebende und arbeitende Künstler Patrick Fauck entführt uns in der aktuellen Ausstellung im Künstlerbund Tübingen in die Welt der Lichtdruck-Kunst.

„Querdenker“ heißt es momentan im Künstlerbund Tübingen. Gezeigt werden druckgraphische Arbeiten des Künstlers Patrick Fauck. Ein Querdenker, als Künstler selbst, bezogen auf seinen Schaffensprozess und seine künstlerische Ausdrucksweise; gleichermaßen aber auch in Bezug auf die Art und Weise, wie er die Inhalte seiner Werke den Rezipient*innen anbietet. 

Ein Text von Elisabeth Weiß und Sarah Hergöth.

Patrick Fauck im Künstlerbund

Nachdem wir bereits vor einigen Wochen im Künstlerbund Tübingen die Ausstellung Hölderlin suchen besucht haben, zog es uns in der vergangenen Woche erneut in die Räumlichkeiten in der Metzgergasse. Aktuell werden dort druckgrafische Arbeiten von Patrick Fauck präsentiert. Der in Leipzig lebende und arbeitende Künstler gibt uns unter dem Titel „Querdenker“ Einblick in sein Werk und lässt die Betrachter*innen schmunzeln.

Patrick Fauck gehört zu den wenigen Künstler*innen, die ihre Kunstwerke unter anderem mit dem Verfahren des Lichtdrucks herstellen. Was das ist und wie genau das Verfahren funktioniert, lest ihr am Ende des Beitrags. Zunächst wollen wir uns die Kunstwerke selbst genauer anschauen.Thematisch gesehen gibt es bei Fauck inhaltlich beinahe nichts, was es nicht gibt. Was aber all seine Arbeiten eint, ist die Verbindung von Sprache und Bild. Denn die Bildtitel sind essentieller Bestandteil der Drucke.

Ironie und Witz

Durch das Zusammenspiel der Sprache, oft „geflügelte Wörter“ oder feststehende Ausdrücke, mit den Bildinhalten, erzeugt Fauck eine Verbindung und gleichzeitig Spannung, die so erst den wahren Gehalt der Aussagen generiert. Ohne die Bildtitel bleiben die Inhalte zwar erkennbar – Faucks Arbeiten verweigern sich der kompletten Abstraktion – aber erst durch deren Ergänzung ergibt sich für die Rezipient*innen eine weitere Deutungsebene. Anders als bei den Surrealisten, wie Rene Magritte, stehen die zugehörigen Titel der Druckgrafiken nicht im Kontrast oder absichtlichen Widerspruch zum Inhalt der Arbeiten. Stattdessen fächern sie den eigentlichen Gehalt um eine erweiterte Ebene auf: der Witz ergibt sich oftmals erst gerade durch die Verbindung von Wort und Bild.

Patrick Fauck, Fliegender Holländer. Lithographie (Irisdruck), 65 x 50 cm © Patrick Fauck

Sichtbares und Unsichtbares

Die Kombination von Schrift und Bild, wie wir sie in den Arbeiten von Patrick Fauck vorfinden generiert also mehrere Ebenen, teilt die jeweiligen Kunstwerke in Bildinhalt und Wortgehalt und erzeugt daraus eine Symbiose, die uns eine weitere Sphäre an inhaltlichem Sinn offenbart. Was wir auf den ersten Blick begreifen, ist der Bildinhalt, das Dargestellte. Was wir nicht sehen können, wird durch unser Gehirn ergänzt und fügt sich so mit Inhalt zu einem größeren Ganzen, das wir zwar ebenfalls nicht sehen können, für uns aber dennoch fass- und greifbar ist.

Patrick Fauck, Schwarzer Peter. Lichtdruck, 66 x 48 cm © Patrick Fauck

Nur der Narr vermag es, die Wahrheit zu sagen

Witz oder Ironie lassen oft den ernsten Aspekt einer künstlerischen Aussage hintanstehen. Dabei gibt es in der Geschichte der Literatur viele Beispiele, in denen mit Humor ernste Themen oder auch Kritik verpackt werden. Wer erinnert sich nicht an den Narr in William Shakespeares King Lear, der es als einziger vermag, dem König die Wahrheit über sein Fehlverhalten vor Augen zu führen. Karikaturen sind ähnliche Beispiele für humoristische Aussagen, die oft einen kritischen Gehalt oder eine ernste Seele in sich tragen. Kritik schwingt durchaus auch bei Faucks künstlerischer Position mit. Seine Themen sind bewusst gewählt. Die Verbindung des Inhalts mit der Sprache stellt unterschwellig auch politische Themenkomplexe oder verschlüsselte persönlich Erfahrungen heraus.

Patrick Fauck, Gottspieler. Aquatinta, Strichätzung, China Collé, 62 x 50 cm © Patrick Fauck

Der Querdenker

Wer Patrick Faucks Kunstwerke betrachtet kommt nicht umhin, sich in jene Sphäre zwischen Wort und Bild ziehen zu lassen, die wir oben beschrieben haben. Die Augen sehen den abgebildeten Inhalt des Kunstwerks. Das Gehirn erkennt die Bildtitel als “geflügelte Wörter” oder Redensarten. Was danach passiert, lässt sich schwer erklären. Der Begriff des Querdenkers,  wie der Titel der Ausstellung lautet, passt hier vielleicht am Besten. Die Gedanken springen von Gesehenem zu Gedachtem und umgekehrt. Und irgendwo dazwischen finden wir die verschiedenen Ebenen in Patrick Faucks Kunstwerken, mal humorvoll, mal ernst.

Was sehen wir? – „Schwarzfahrer“

Patrick Fauck, Schwarzfahrer. Lichtdruck, 65 x 46 cm © Patrick Fauck

Eine Person fährt auf einem Fahrrad auf uns Rezipient*innen zu. Schick, in einen Anzug gekleidet, aufrecht sitzend und die Hände in den Hosentaschen, nicht am Lenker. Vermutlich ein Mann, der recht schnell unterwegs zu sein scheint und sich gerne in die Kurven legt, denn das Rad selbst neigt sich schon auf die Seite. Verliert er bald das Gleichgewicht? 

Die kleine Lampe vorne am Rahmen leuchtet ihm mit seinen wenigen gelben Strahlen den Weg durch die späte Stunde des Tages, durch das Nachtblau, die dominierende Farbe des Lichtdrucks. Nur wenige Elemente heben sich von ihr ab. Sei es eben die Lampe, sei es im rechten Bildrand ein Teil eines Hauses, eine erloschene Straßenlaterne sowie Büsche in einem Vorgarten oder einige Teile des Radfahrers. Sein Anzugs ist im gleichen Nachtblau gehalten. So verschwindet er selbst in der Nacht. Nur sein weißes Hemd, das unter dem Sakko hervortritt, sein Einstecktuch, seine Handgelenke, der Mondschein, der sich auf seinem Schuh spiegelt, Teile des Fahrrads, wie der Lenker und vor allem sein in bunten Farben gehaltener Kopf verorten ihn in der Szene.

Der Schwarzfahrer – für uns alle ein feststehender Begriff für den Umstand, dass eine Person ohne gültige Fahrkarte öffentliche Verkehrsmittel nutzt. Doch welche Geschichte erzählt Patrick Fauck mit seiner Umsetzung?
Ebenso spannend ist die Frage nach dem Verfahren, das Patrick Fauck hier gewählt hat: der Lichtdruck. Was ist Lichtdruck eigentlich und wie wird er hergestellt?

Patrick Fauck, Falscher Hase. Lichtdruck, 98 x 65 cm © Patrick Fauck.

Der Lichtdruck – Der/die König*in unter den Druckverfahren

Die Herstellung eines Lichtdrucks ist aufwändig und das Verfahren Präzisionsarbeit. Eine Glasplatte wird mit einer lichtempfindlichen Emulsion aus Chromatgelatine (Gelatine und Ammoniumdichromat oder Kaliumdichromat) überzogen. Anschließend wird sie getrocknet. Nun kann die Platte unter Wasser mit einem fotografischen Negativ belichtet werden.

Durch den Belichtungsprozess wird die Emulsion entsprechend der Tonwerte des Negativ unterschiedlich stark gehärtet und schrumpft ein. Auf diese Weise verliert sie die Fähigkeit weiterhin Feuchtigkeit aufzunehmen. Die Struktur ist fest verankert, es bildet sich ein Gelatinerelief aus, auf dem sich später die Druckfarbe ansetzt. Der Vorgang selbst ist unter dem Namen „Gelatine-Gerbung“ bekannt.

Anschließend wird das Ammoniumdichromat oder Kaliumdichromat ausgeschwemmt/ ausgewässert und getrocknet. Dabei wird das sogenannte Runzelkorn, für das der Lichtdruck bekannt ist, endgültig ausgebildet. Eine nochmalige Belichtung ist nun nicht mehr möglich.

Für den Druck wird die Oberfläche mit einer Mischung aus Wasser und Glycerin angefeuchtet. Dadurch quillt die Gelatine an den ungehärteten und nur leicht gehärteten Partien auf, sodass beim bevorstehenden Druck die fetthaltige Farbe abstoßen wird. An den gehärteten Stellen bleibt die Farbe fest haften.

Das feine Runzelkorn kann alle Tonwerte wieder geben. Soll der Druck mehrfarbig sein, braucht es zur Umsetzung für jeden Farbton eine eigene Platte, die im oben erklärten Verfahren hergestellt werden muss. So kann es sein, dass 20 – 30 einzelne Druckvorgänge benötigt werden. 

Kein anderes Druckverfahren bietet eine so originalgetreue Wiedergabe der Vorlage, wie der Lichtdruck. Unübertroffen gilt auch heute noch die Farbechtheit des vor mittlerweile über 150 Jahren entstandenen Flachdruckverfahrens. Die Umsetzung braucht viel Erfahrung, ist arbeits- und zeitaufwendig. So verlor der Lichtdruck aus wirtschaftlichen Gründen an Attraktivität. Künstler, wie Willi Baumeister, Marc Chagall, Max Ernst, Sigmar Polke und eben auch Patrick Fauck schätzten dieses einmalige Druckverfahren sehr. Schenkt es doch Raum für Experimente.

Viel Spaß mit den Werken von Patrick Fauck. Foto: Elisabeth Weiß

Die Ausstellung läuft noch bis zum 4. Juli

Wer die Chance nutzen möchte, sich die einzigartigen Arbeiten von Patrick Fauck im Künstlerbund anzuschauen, hat dazu noch Gelegenheit bis Samstag,  4. Juli. Der Künstlerbund Tübingen hat Donnerstag und Freitag von 16 bis 19 Uhr und am Samstag von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Außerdem können sämtliche Kunstwerke der Ausstellung auch käuflich erworben werden. In der Auslage am Eingang findet sich ein Papier, das Angaben über die jeweiligen Preise macht. Und: der Eintritt in den Künstlerbund ist kostenlos!

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