Kunstszene

Wer sieht was? – Les Amoureux von Émile Friant

Sechs Autor*innen, ein Bild! Was passiert, wenn wir uns alle ein Kunstwerk ansehen und unsere Eindrücke dazu festhalten, ohne uns abzusprechen? In dieser Bildbesprechung gleichen wir unsere Ergebnisse ab. Wir schauen, wo sich unsere Lesarten ähneln und wo sie sich unterscheiden – trotz des gleichen Studiums.

In der vergangenen Woche haben wir etwas ausprobiert: Was passiert, wenn wir sechs uns einem Kunstwerk widmen und unsere ersten Eindrücke festhalten. Natürlich ohne im Vorhinein festzulegen, wer für was zuständig ist. Welche Aspekte würden uns ins Auge fallen? Wie unterschiedlich würden die Lesarten sein? Wir hatten bereits vermutet, dass es Unterschiede geben würde, obwohl wir alle gemeinsam Kunstgeschichte studiert haben. Das erste Kunstwerk, das wir so betrachten wollen, ist Les Amoureux von Émile Friant aus dem Jahr 1888.

Émile Friant lebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich. Mit seiner Malerei wollte er die Wirklichkeit möglichst genau so abbilden, wie sie dem Augeneindruck entspricht. Hierfür arbeitete er auch mit fotografischen Vorlagen der Welt, die er dann im Atelier zu Kompositionen umsetzte. Oft (aber nicht nur) malte Friant Alltagsszenen, die den Anspruch verfolgten, die Wirklichkeit der einfachen Leute abzubilden.

Vanessa: Ein Liebespaar durch die Brille der aktuellen Situation

Zwei Menschen. Ein Liebespaar. Vertraut und interessiert am Anderen. Gemeinsam alleine. Etwas, das in der momentanen Situation wichtiger ist, denn je. Zwei Menschen, die die Welt um sich herum zu vergessen scheinen und nur Augen füreinander haben. Die wunderschöne Natur, die sie umgibt, verliert ihren Reiz, denn sie ist zur Nebensache geworden. Ein Lichtblick, auch in dieser Situation der Isolation, die wir momentan erfahren, denn solange wir unseren Blick auf die geliebten Menschen in unserem Leben richten, ist die Umgebung doch Nebensache. Sie ist etwas, das wir bald wieder erleben dürfen, momentan aber nicht zum Mittelpunkt unseres Blickfeldes werden kann.

Émile Friant, Les Amoureux, 1888, Öl auf Leinwand, 111 x 145 cm, Foto: Michel Bourguet
Émile Friant, Les Amoureux, 1888, Öl auf Leinwand, 111 x 145 cm, Foto: Michel Bourguet

Sara: Sind wir Voyerist*innen oder Kuppler*innen?

Störe ich? Bin ich im Moment des Betrachtens eine Voyeuristin? Das Gemälde von Émile Friant zeigt zwei Menschen, dem Titel folgend könnte es sich dabei um ein Liebespaar handeln. Die Rückenfiguren sind offensichtlich in einen Moment der Innigkeit vertieft, vielleicht ist es aber auch das erste Treffen und die schüchterne Zurückhaltung zeigt sich nicht nur in der fehlenden Berührung, sondern auch in der leichten Neigung der Frau, mit der sie der, dagegen forsch wirkenden Annäherung des Mannes, ausweicht. Der Treffpunkt ist eine eiserne Brücke, auf deren Geländer sie sich während ihrer (ersten?) Konversation lehnen. Im Hintergrund fließt ein Fluss, der sich in der linken Bildhälfte an einer parkähnlichen Promenade entlang schlängelt und unter dem Paar hindurch zu fließen scheint. Die Perspektive und die Position, die uns der Künstler zuweist, vermitteln den Betrachter*innen Anteilnahme der Situation. Wir dürfen also selbst entscheiden, ob wir Voyeur*innen oder freudige Kuppler*innen sein wollen. Die Farbigkeit – vorherrschend sind Braun- und Grüntöne – spricht für einen Herbsttag der sich langsam dem Ende neigt. Ob die Beiden wohl gemeinsam den Rückweg vor dem Sonnenuntergang antreten?

Jessica: Ein Liebespaar, aber nicht auf Augenhöhe

Zwei Liebende, die sich auf Augenhöhe verliebt ansehen. Das ist vermutlich der erste Gedanke, den Bild und Titel implizieren. Doch stellen sich mir einige Fragen. Es ist keine innige Berührung zu sehen. Lediglich die Ellenbogen der beiden Personen berühren sich minimal. Vielleicht waren Berührungen unverheirateter Menschen in der Öffentlichkeit Ende des 19. Jahrhunderts nicht erlaubt? Schaut man sich die Kleidung an, könnten diese zwei Personen auch aus unterschiedlichen sozialen Gruppen stammen. In den Gesichtern finden wir kein Lächeln oder Freude. Handelt es sich um ein ernstes Gespräch? Oder sind diese beiden noch frisch verliebt? Die Farbgebung des Bildes ist geprägt von Weiß, Grau-, Braun- und Grüntönen, die Dreiviertel des Bildhintergrundes einnehmen. Sie spiegeln sich zudem im Bildvordergrund im Mann wieder, der aufgrund seiner Körperposition viel Raum einnimmt. Die zierliche Frau hingegen belegt nur ein Viertel des Bildvordergunds. Die Farbigkeit ihres Gürtels wiederholt sich zudem hinter ihr im Baum wieder. Trotz der gleichen Augenhöhe haben wir es hier nicht mit einem Paar zu tun, dass auf irgendeiner Weise gleichberechtigt agieren kann. Zum Glück, hat sich das Bild der „Liebenden“ heute gewandelt.

Paul: Stadtbewohner auf einer Landpartie?

An dem Gemälde ist mir im Besonderen die Verortung der Szene aufgefallen: Das Paar im Vordergrund ist hauptsächlich von Natur umgeben: der Fluss, die Bäume, die verschiedenen Erdfarben des Geländes. Sogar die Steinbrücke im Hintergrund bekommt etwas Ursprüngliches im Vergleich zur modernen Technik der genieteten Stahlbrücke, auf der sich die zwei Figuren befinden. Friant spielt diese Gegensätze gegeneinander aus und die so entstehenden Bildebenen scheinen fast zwei unterschiedliche Szenen zu sein. Moderne Bauweise im Gegensatz zur Natur – und das Paar ist nicht nur räumlich, sondern auch farblich auf Seiten der Moderne verortet. Vielleicht sind die beiden zwei Stadtbewohner auf einer Landpartie?

Sarah: Ein Liebespaar am Ende der Beziehung?

Zwei menschliche Figuren stehen mit dem Rücken zu uns. Ein Mann und eine Frau. Sie blicken sich an. Sein rechter und ihr linker Arm berühren sich – vielleicht. Lediglich der intime Blick und der Titel des Kunstwerks selbst verraten, dass diese beiden Personen in einer innigen Beziehung zueinander stehen. Und obwohl sie im Vordergrund der Szene stehen, schweift der Blick der Betrachter*innen weiter. Die gekonnte und naturalistische Darstellung einer Landschaft lockt das Auge. Ein Flussufer im Herbst. Man spürt beinahe die kühler werdende Luft. Die Blätter der Bäume verfärben sich bereits. Etwas Vergängliches wohnt dem Kunstwerk inne. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass die Beziehung der beiden bald ebenfalls vorbei sein wird? 

Elisabeth: Natur als Abbild einer Beziehung

Les Amoureux – die Liebenden: Eine Frau und ein Mann dominieren den Bildvordergrund. Ein Paar? Liebende, die aneinander interessiert sind? Auf den ersten Blick macht es den Anschein. Bei einem zweiten stellt sich den Rezipient*innen die Frage: Haben sich die beiden vielleicht auseinandergelebt? Beide lehnen auf der Brüstung einer Stahlbrücke, während sie gedanklich mit sich beschäftigt zu sein scheinen. Die Landschaft, der Fluss und die Bäume im Bildhintergrund, die das Flussufer säumen, sowie die Architektur, erhalten von den Akteur*innen keine Aufmerksamkeit. Die dargestellte Natur hilft den Rezipient*innen die Szenerie jahreszeitlich einzuordnen: Die Blätter auf den Bäumen deuten auf einen Spaziergang der Liebenden im beginnenden Herbst hin. Sie färben sich rot. Bald werden sie ihren Weg auf den Boden finden und vergehen – Vergänglichkeit. Ebenso vergänglich, wie auch Liebe sein kann. Der im Bildzentrum stehende Mann neigt sich seiner Begleiterin zu. Er kommuniziert mit seiner Haltung, mit seinem Blick, mit seinem Arm. Zwischen seinen Fingern eine Zigarette. Die Anspannung seines Körpers ist fast spürbar; seine Worte, seine Argumente fast hörbar. Doch sie scheinen bei seiner Partnerin abzuprallen. Abgeneigt und in sich gekehrt, schweift ihr Blick in die Ferne, lauscht sie seinen Worten. Sie wirkt unbegeistert, matt, müde und schlapp. Hat sie die Diskussionen satt? Keinerlei Berührung ist zu entdecken. Die Arme sind sich nah und doch getrennt. Steht die Beziehung der beiden vor dem Ende? Émile Friant kommuniziert mit uns indem er die Natur um die Figuren herum codiert. Warum ist die Verfärbung der Blätter über der Frau am weitesten fortgeschritten? Auch über ihrem Partner beginnt die Veränderung des Laubwerks, nur in einem geringeren Maße. Die Brücke – eine zwei Ufer verbindende Architektur. Aber es gibt auch die Möglichkeit, sie getrennt zu beiden Seiten verlassen zu können. Zusammen oder alleine? Nur die Liebenden wissen, wer welchen Weg wählen wird.

Vergleich der Deutungen

Nachdem wir nun unsere Eindrücke mit euch geteilt haben, können wir vergleichen. Über das Liebespaar im Vordergrund, das bereits im Titel genannt wird, haben wir alle geschrieben. Wie wir die Szene gedeutet haben, unterscheidet sich aber. Es überwiegen Deutungen, die Spannungen oder gar ein Aus der Beziehung aus dem Bild herauslesen. So bezweifelt Jessica, dass das Liebespaar auf Augenhöhe agieren kann. Sarah und Elisabeth machen mit Bezug auf die herbstlichen Farben die Vergänglichkeit von Beziehungen stark. Paul ordnet die Szene im Gegensatz von Natur und moderner Technik ein und sieht in den Personen Städter*innen beim Ausflug aufs Land. Sara könnte sich auch vorstellen, dass Friant die erste zögerliche Begegnung der beiden abbildet, während Vanessa das Bild aus der Perspektive der aktuellen Situation sieht und die Wichtigkeit von Vertrautheit zwischen zwei Personen hervorhebt.

Das also sind unsere ersten Eindrücke zu Émile Friants Les Amoureux. Was sind eure Eindrücke? Habt ihr ähnliche Lesarten oder ganz abweichende? Wir freuen uns auf eure Kommentare!

2 Kommentare zu “Wer sieht was? – Les Amoureux von Émile Friant

  1. Hallöle Kune,
    danke für diese vielsetige analyse und wen du fragt. „Habt ihr ähnliche Lesarten oder ganz abweichende? Wir freuen uns auf eure Kommentare!“ dann spiele ich mit, aber auf Französisch (es muß nicht immer Englisch sein). Schöne grüßen. Serge.

    Les Amoureux.

    Tout d’abord je remarque la contradiction entre le titre et l’image. Le tableau représente une scène d’automne, le titre (choisi par Kuneonline) est printanier; le printemps est la saison des amours. L’artiste (et Kuneonline?) veut donc troubler l’observateur en jouant avec l’image et les mots. Le nom du tableau implique une idée de bonheur à venir mais notre regard voit une occasion manquée, l’automne est la saison des regrès et le tableau semble donner une impression de tristesse comme si le cœur devait laisser place à la raison.
    La femme est pensive, l’homme incertain, la cigarette éteinte tenue à l’horizontale est là pour lui donner un semblant d’aplomb mais la position de son corps montre qu’il a besoin de soutient.
    Nous somme près d’un confluent: deux êtres, deux ponts, un en pierres, joli dans le lointain, symbole d’une jonction qui aurai pu être prometteuse l’autre, en métal froid, rationnel, fonctionnel fait pour la séparation, chacun va rejoindre son bord. Deux rivières, deux vies qui contrairement à l’eau ne vont pas se mélanger.
    Comme l’homme du tableau, Èmile Friant est incertain, indécis; le tableau a en fait 3 Titres: »Les amoureux» «Soir d’automne» et «idylle sur la passerelle» ce qui est exceptionnel chez un artiste qualifié de »trop réaliste» et qui privilégie la photographie (qui à l’époque n’est pas encore un art) plutôt que sa mémoire comme source d’inspiration. Si Friant donne 3 directions pour son œuvre (le titre oriente le spectateur) Kuneoline donne 6 interprétations, en plus, le moment choisi pour disserter sur le tableau est intéressant, nous sommes au printemps mais un virus nous oblige à avoir une certaine distance avec l’être que l’on pourrai aimer, sommes nous dans l’image ?

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: