Ausstellungen

Elisabeth Wacker – auf vielen Gründen

Elisabeth Wacker malt, spachtelt, schüttet, sprayt, zeichnet und collagiert. Mit verschiedensten Techniken und Untergründen experimentiert die Pfullinger Künstlerin nun seit über 15 Jahren. Erhaltet einen Einblick in ihren vielseitigen Umgang mit Form und Farbe.

Nahezu jede Woche entstehen neue Werke, bestehende werden nochmals überdacht, erst einmal in Ruhe gelassen oder auch wieder verworfen. Elisabeth Wackers Neugier führt zu immer wieder erweiterten Verbindungen von Material und Technik. Malereien, Papierarbeiten, Spraybilder, Kreidezeichnungen, Collagen und Textilwerke entstehen – sogar ihre eigenen Röntgenaufnahmen verwendet sie als Untergrund. Im aktiven und andauernden, kritischen und verspielten Befragen der eigenen Mittel gründet Wackers künstlerische Praxis seit nun über 15 Jahren.

Zufall und Bewegung

Kaum mehr als ein dünnes Netz, ein Gewebe aus unzähligen schwarzen Farbfäden bedeckt den Untergrund. Ballungen, die sich teils progressiv über die Fläche ausdehnen, ihre Bewegung gleichzeitig aber auch abrupt stoppen und sogar kehrt machen können. Nicht selten entstehen dabei Schichtungen – hauchdünne sich überlagernde und durchdringende Farbverwindungen. In fast schon elektrischen Zuckungen und pflanzenhaften Verästelungen verteilt sich die Farbe wellen- oder wolkenförmig über Leinwand, Stoff oder Papier. Bewegungsmuster verbinden sich und kollidieren. In ihrer Feinheit muten diese abstrakten Farbgesten nun fast schon zeichnerisch an. Im Kontrast zur Zeichnung trägt jedoch der Zufall in gelenkter oder „dirigierter“ Form zur Entstehung bei, was wiederum große Aufmerksamkeit und genaueste Kontrolle im Arbeitsprozess erfordert. Egal wie zufällig oder gar willkürlich manche Formen erscheinen könnten, die Bewegung in der sie sich ausdehnen, die Flächen, welche sie bewusst freilassen und umspielen, ist immer eine getroffene Entscheidung. 

Zwischenzeitliche Verdichtung, 2018, Spray auf Leinwand. Foto: Julia Berghoff

Ohne perspektivische Konstruktion, ohne Flächen entstehen dabei fast schon meditative Tiefenräume. Gleichzeitig aber bleiben die Bilder dennoch abstrakte Farbbewegungen und stellen darin keinen Anspruch auf Assoziation. Sie bieten Freiraum zur ungehemmten Betrachtung. Das ist es, wozu Wackers Arbeiten als ästhetische und visuell auffordernde Gebilde einladen: zu sehen. Denn gerade die optische Erfahrung, die sinnliche Wirkung von Kunst, geht jedem Versuch einer Deutung voraus. Sicht ist eben nur eine Fähigkeit und Sehen tatsächlich eine Kunst. 

Farbe als Versuchsobjekt

Neben den luftig-offen, skizzenhaft gestalteten Spraybildern passiert nun parallel das vermeintlich genaue Gegenteil. Pastose Farbflächen schichten sich übereinander, halten dabei aber immer die Balance zu den sie umgebenden Farbtönen. Speziell die Farbe Blau in ihren Abstufungen wird zum Versuchsobjekt. Sie wird in fließenden Übergängen aufgetragen, bis ins tiefe Schwarz verklärt oder mit dem Spachtel als durchscheinend leuchtende Bahnen auf geometrische Grundformen heruntergebrochen – ohne dabei exakte Geometrie sein zu wollen. Die malerische Geste als solche bleibt sichtbar und zeigt in ihrem Minimalismus dennoch ganz deutlich, dass es hier um das Wirken von Farbe geht. 

Einem Prisma ähnlich scheint sich das leuchtende Blau des Diptychons Blaue Spuren sogar in violette Töne aufzuspalten und zeigt damit, dass auch hier das Prinzip der Farbschichtung zugrunde liegt. Diese Farbzeichen, in ihrer formalen Klarheit, bilden dabei genauso einen Gegenpol zu den Spraybildern, wie sie dieselbe ausführende Hand vermuten lassen. 

Blaue Spuren (Detail), 2018, Acryl auf Papier. Foto: Julia Berghoff

Schwerkraft unter Kontrolle

Das gilt ebenso für eine weitere Technik Elisabeth Wackers, ihre Schüttungen. Acrylfarbe, fast zu Tinte verdünnt, wird z.B. als Dirigierter Zufall über das Blatt geleitet und in ihren Spuren trocknen gelassen. An den Ballungspunkten zeigen sich zarte Brüche und eine Art Craquelé entsteht. Wie ein Netz strukturiert es die Oberfläche gegenüber den zarter lasierten Farbpartien. Das wiederholt Wacker und gibt dem Zufall dabei – unter schärfster Aufsicht – die Möglichkeit nach den allgemeinen Gesetzen der Schwerkraft und ihrer ganz eigenen körperlichen Bewegung Farbverläufe unterschiedlichster Ausprägung entstehen zu lassen. 

Dirigierter Zufall (III), 2018, Acryl auf Papier. Foto: Julia Berghoff

Nicht selten erinnern die organischen Strukturen an diverse tierische Wesen und doch nur, um im nächsten Augenblick wieder zu bloßer Farbe zu zerfließen. So hochgradig assoziativ sie in ihrer Verbindung nun auch sein mögen, verweisen Form und Farbe umso stärker auf ihre eigentlich zentrale Qualität, in der kein geistiger Überbau notwendig ist – Ästhetik. 

Ob eine Schüttung „bleiben darf“ entscheidet sich immer erst am nächsten Tag, wenn auch das Material seinen Teil der Arbeit erledigt hat. Wacker selbst findet gerade diesen Moment besonders spannend, da hier zum ersten Mal die eigene Vorstellung und das Endergebnis aufeinandertreffen.

Körper wird zu Kompositionselement

Sehr eigen, und das im buchstäblichsten Sinne, sind schließlich auch die Malereien auf Röntgenfilm. Bereits bestehende körperliche Formen scheinen spielerisch abstrakt beantwortet. Es geht auch hier eben nicht darum, was zu sehen ist, sondern wie es sich zu seinem Untergrund und Umraum verhält. Jede Form ist letztlich Kompositionselement. Leuchtend rote Acrylfarbe sitzt in regelmäßigen Wellen neben den rasterhaften Wiederholungen des geröntgten Gelenks in Röntgen 5. Dabei ist kaum zu unterscheiden, wo Grund beginnt und Farbe aufhört. Unbefangen erforscht Wacker das Verhältnis von Bild zu Abbild und zeigt darin nicht zuletzt, dass die Grenzen fließend sind. 

Röntgen 5, 2019, Acryl auf Röntgenfilm. Foto: Julia Berghoff

Mit Papier malen

Aus bestehenden Bildern und Materialien fügt sich nun auch eine ganz andere Werkgruppe zusammen, ihre Collagen. Papier wird geschnitten, gerissen und in vielen Schichten übereinander und nebeneinander arrangiert. Die ursprünglichen Bilder werden nunmehr als einzelne, abstrakte Farbfelder sichtbar, mit denen Wacker wieder auf vollkommen neue Weise „malen“ kann. Dass es auch hier maßgeblich um das Wirken von Farbe geht, scheint bei der Arbeit mit dem Titel Gris selon Gris (Grau zu Grau) vielleicht zunächst abwegig, doch  gerade Grau ist eine äußerst vielschichtige Farbe. Wackers Grau setzt sich aus Blau, Gelb, Braun, Grün und sogar Buchstaben zusammen. Erst in der Distanz erreicht die Arbeit schließlich ihren „grau zu grauen“ Gesamteindruck. 

Ausgewogenheit in farblicher und struktureller Vielfalt zu erreichen scheint ein grundsätzliches Anliegen, das alle Werkgruppen miteinander verbindet. Auch die Fähigkeit, nicht zu viel in einem Bild vereinen zu wollen, zeichnet Wackers Ästhetik aus. Raum zu komponieren und vor allem Raum zu lassen, ist hierbei essenziell. 

Ein “Augenmensch” und die Musik

Ein wesentlicher Baustein in Elisabeth Wackers künstlerischem Lebenslauf führt nun erstaunlicherweise weg vom Bild und hin zum Klang. Jahrzehntelang als Musiklehrerin am Friedrich-List-Gymnasium, war sie zudem als Konzertaltistin 20 Jahre in Deutschland, Frankreich und der Schweiz beschäftigt. Ein derart intensiv musikalisch geprägtes Leben soll und kann ihre visuelle Kunst zwar nicht erklären, lässt aber auf jeden Fall die Vermutung zu, dass „Komposition“ und „Harmonie“ keine völlig unbekannten Begriffe sind. 

Wie Elisabeth Wacker selbst sagt, sei sie eben ein „Augenmensch“ und schöpfe aus allem, was sie in ihrem Leben gesehen hat. Auch ihre Kunst darf und soll somit unter visuellen Aspekten verstanden werden – sie soll das Auge fordern, ansprechen, fokussieren, erfreuen oder auch fragend zurücklassen. Ihre letzte Ausstellung in der Stadtbücherei Pfullingen, die noch bis Februar 2020 zu sehen war, trug schließlich den passenden Titel „Ansichtssachen“. 

Ausstellungsansicht Ansichtssachen – Geschüttet, Gesprayt, Collagiert mit den Werken Röntgen 5, Hauch von Etwas, Bei Nacht sind alle Wolken Rot und Rot nach Rechts. Foto: Julia Berghoff

Nach weiteren Ausstellungen im Klinikum Reutlingen 2018 und in der Buchhandlung Osiander 2019, ist Wacker mit ihrem vierteiligen Werk Dirigierter Zufall nun auch Teil der aktuellen Ausstellung „Kunst Reutlingen 2020“ in den Wandel-Hallen

Website: http://elisabethwacker.de/

Instagram: https://www.instagram.com/elisabeth__wacker

1 Kommentar zu “Elisabeth Wacker – auf vielen Gründen

  1. Pingback: KUNST REUTLINGEN 2020 – VOLUME IV – Kune

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