Ausstellungen

„Neuanfang?! Kunst und Kulturpolitik der 1950er Jahre in Tübingen“

In Kooperation mit Studierenden präsentiert die aktuelle Sonderausstellung im Stadtmuseum Tübingen diverse Künstler*innenpositionen der Nachkriegszeit aus der Region. Einige Skulpturen der ausgestellten Künstler*innen finden sich auch im öffentlichen Raum Tübingens.

Die umfassende Sonderausstellung im Kornhaus des Stadtmuseums lässt Besuchende noch bis zum 22. März in das kulturelle und künstlerische Tübingen der fünfziger Jahre eintauchen. Zusammen mit der Kuratorin und Dozentin Dr. Evamarie Blattner erarbeiteten neun Studierende des Faches Kunstgeschichte im Rahmen eines Seminares zehn bemerkenswerte Künstlerpositionen heraus. 

Plakat der Ausstellung „Neuanfang?! Kunst und Kulturpolitik der 1950er Jahre in Tübingen“, © Stadtmuseum Tübingen.

Diese Künstler*innen hatten den Höhe- oder Wendepunkt ihres Schaffens in den 50er Jahren. Unter ihnen Ugge Bärtle, Erich Mönch, Suse Müller-Diefenbach und Gerth Biese. Der Zugang in die Zeit der 1950er gelingt für die Museumsbesucher*innen mittels dokumentarischer Fotografien, zahlreicher Plakate, Audioaufnahmen von Zeitzeugen und originalen Möbelstücken. Nierentische und schwarz-weiß gestreifte Sessel lockern die Ausstellungspräsentation auf.

Bewegen wir uns zunächst an den grau gehaltenen Außenwänden entlang, bekommen wir einen differenzierten und umfassenden Einblick in die kulturpolitische Geschichte Tübingens und verstehen in welcher Lage sich Politik, Kulturinstitutionen und Bildende Kunst mitsamt ihren Künstler*innen befanden. 

Kulturpolitische Lage im Tübingen der 50er Jahre

Die Stadt Tübingen – vom Zweiten Weltkrieg glücklicherweise nahezu unzerstört – wurde nach 1945 zum Mittelpunkt der französischen Besatzungsmacht erhoben. Die Franzosen hatten im Zuge ihres Demokratisierungs- und Umerziehungsprogrammes einen großen Einfluss auf die kulturelle Entwicklung der Stadt. Sie förderten Theater und Musikveranstaltungen und betrieben eine engagierte Ausstellungspolitik. Tübingen erlebte nun einen kulturellen Boom: Institutionen der Bildung und Kultur wurden ins Leben gerufen (Volkshochschule, Stadtbücherei). Das Theater zog renommierte Schauspieler an und die Kunstausstellungen wurden große Publikumserfolge. Die Ausstellung „Moderne Deutsche Kunst“ zeigte im Tübinger Kunstgebäude 1947 „entartete Kunst“ deutscher Künstler*innen. Der Großteil der Ausstellungsbesuchenden fand nur schwer Zugang zu den „modernen“ Kunstwerken eines Otto Dix‘, Paul Klees oder Max Beckmanns.

Künstler*innenvereinigungen für stärkenden Zusammenhalt und Input

Jahrelang wurden die Künstler*innen (nicht nur in Tübingen) durch die Geisteshaltung des NS-Regimes eingeschüchtert und unterdrückt. Ihre Werke galten mitunter als „entartet“, einige unterlagen einem Berufsverbot und flohen ins Exil. Die Kunstschaffenden begaben sich in der Nachkriegszeit auf die Suche zurück zu ihren künstlerischen Positionen und ihrer eigenen Formensprache. Auch wenn es an Materialien mangelte, blühte die Schaffenslust der Künstler auf und sie organisierten sich bald in Künstler*innenvereinigungen (wie ab 1948 der „Notgemeinschaft Tübinger und Reutlinger Künstler“). Überregionalen Bekanntheitsgrad erhielt die 1951 gegründete Werk- und Arbeitsgemeinschaft „Ellipse“. Der Großteil, der in der Sonderausstellung vertretenen Künstler*innen waren Mitglieder dieser impulsgebenden Vereinigung. 1956 gründete sich der „Tübinger Kunstverein“. 

Positionen der Künstler*innen von Ugge Bärtle, Gerth und Valeska Biese, Suse Müller-Diefenbach und Rosemarie Sack-Dyckerhoff

Im Inneren des Ausstellungsraumes sind die zehn Künstler*innen an weißlich-melissefarbenen Wänden und Vitrinen vertreten. Jede*r Studierende widmete sich einer/einem regionalen Künstler*in. Ihnen wurde jeweils ein eigener Bereich in der Ausstellung zugeteilt.

Um einen Eindruck der Arbeiten der Künstler*innen zu erhalten, möchte ich ein paar herauspicken und vorstellen. Wie bereits erwähnt findet sich hier der Bildhauer Ugge (alias Eugen) Bärtle. Der Tübinger Künstler befasste sich in seinen Bronzearbeiten und Lithografien hauptsächlich mit dem Menschen, dem Mensch als Reiter und der Verschmelzung von Tier und Mensch. Tipp: Das Ugge-Bärtle-Haus in der Herrenberger Straße mit einem großem Skulpturengarten ist das ehemalige Elternhaus des Künstlers und kann zweimal die Woche besichtigt werden. 

Ausstellungsansicht „Neuanfang?! Kunst und Kulturpolitik der 1950er Jahre in Tübingen“ im Stadtmuseum Tübingen. Foto: Franziska Nieberle.

Der Maler und Grafiker Gerth Biese war einst Direktor des Zeicheninstituts der Universität Tübingen. Nach seinem Kriegseinsatz fand er große Inspiration im Kubismus von Pablo Picasso und Georges Braques. Dies ist besonders in seinen großformatigen Ölgemälden mit monumentalen Figuren sichtbar. 

Diese beiden Künstler Ugge Bärtle und Gerth Biese – beide Mitbegründer der „Ellipse“ – wendeten sich ab den 50er Jahren immer weiter von naturalistischen Darstellungen ab und gehen einerseits in das Abstrakte oder in das Kubistische.

Ausstellungsansicht „Neuanfang?! Kunst und Kulturpolitik der 1950er Jahre in Tübingen“ im Stadtmuseum Tübingen. Hinten Gerth Biese. Foto: Franziska Nieberle.

Valeska Biese – die Ehefrau von Gerth Biese – wird mit einigen Aquarellen ausgestellt. Die studierte Künstlerin und Goldschmiedin hatte lange Zeit die Familie mit Schmuckarbeiten ernährt und musste ihre Kunst zurückstecken. Sie porträtierte Tübinger Schauspieler*innen, befasste sich mit Stadtansichten und Stillleben konträrer Stofflichkeit. Besonders faszinierte sie die Darstellung von Perspektive und sich im Licht brechendes Glas.

Valeska Biese. Die Glasplatte. 1975, Aquarell. © Valeska Biese. Foto: Franziska Nieberle.

Eine enge Freundschaft verband die beiden Künstlerinnen und Bildhauerinnen Rosemarie Sack-Dyckerhoff und Suse Müller-Diefenbach. Letztere, geboren in Stuttgart, studierte bei Fritz von Graevenitz Bildhauerei und arbeitete später als Lehrerin für Aktzeichnen in Stuttgart. In ihrem Atelier in Tübingen-Lustnau erschuf sie ab 1948 zahlreiche Bronzeplastiken. Meist waren dies Kleinplastiken mit Bezug zu antiken oder narrativen Motiven, die an die Grenzen des Materials gehen. Arbeiten die zum Schmunzeln bewegen, wie der Radfahrerkönig: Dieser steht in größerer Variante in der Tübinger Altstadt, nahe des Nonnenhauses. Im öffentlichen Raum Tübingens sind sieben weitere Skulpturen und Brunnen von Suse Müller-Diefenbach zu finden. 

Suse Müller-Diefenbach. Radfahrerkönig. 1976, Bronze. © Suse Müller-Diefenbach. Foto: Franziska Nieberle.


Auch den Werken von Rosemarie Sack-Dyckerhoff begegnet man im Stadtraum. Sie wurde – wie auch ihre Freundin Müller-Diefenbach – von der Antike beeinflusst und arbeitete ebenfalls in Bronze sowie in Terrakotta. So ähneln sich die Plastiken der beiden Künstlerinnen teilweise. Sack-Dyckerhoff verhandelt in ihren Werken den Menschen, Körperlandschaften und Architektur. Beispielsweise setzt sie sich mit dem Bau des ersten Hochhauses in Tübingen wie folgt auseinander:

Rosemarie Sack-Dycherhoff. Hochhaus II. Detail, 1976, Terrakotta, bemalt. © Rosemarie Sack-Dycherhoff, Foto: Franziska Nieberle.

Nicht weniger interessant sind die anderen ausgestellten Künstler*innen: Erich Mönch, Hedwig Pfizenmayer, Georg Salzmann, Fris Springer und Alfred Stockburger.

Die Ausstellung veranschaulicht, wie diese Künstler*innen nach der düsteren und einschränkenden Kriegszeit einen Neuanfang starteten. Der Titel der Ausstellung stellt dies als Frage in den Raum, beantwortet sie sogleich – Neuanfang?! Die Künstler*innen wählten neue Formsprachen, teils neue Materialien, neue Perspektiven, um so ihre ganz eigenen künstlerischen Positionen zu entwickeln.
Wer nach diesem eindrücklichen Zeitsprung in die Kunst und Kultur der 50er Jahre im Schwabenland noch Kapazitäten hat, der kann sich im Treppenhaus des Stadtmuseums die thematisch passende Ausstellung „5 x im Jetzt“ ansehen. Hier setzten sich fünf zeitgenössische Künstlerinnen mit der Thematik und Standpunkten der 50er Jahre auseinander. Mitunter mit ungewöhnlichen Materialien wie Haare oder Fäden schaffen folgende Künstlerinnen interpretative Verknüpfungen zu „Neuanfang?!“: Susanne Maute, Antje Müller, Helga Seidenthal, Beate Teichgraeber und Angelika Zeller.

Angelika Zeller, Ausschnitt: Die Gleiche. 2018/2019, 2 Teile, Haare, © Angelika Zeller, Foto: Franziska Nieberle.

Kunst im öffentlichen Raum: Im Rahmen dieser Ausstellung wurde eine Karte angelegt, die die Kunstwerke von Ugge Bärtle, Rosemarie Sack-Dyckerhoff und Suse Müller-Diefenbach in der Stadt Tübingen kennzeichnet. Zu finden sind diese Karten in Form eines Flyers im Stadtmuseum und direkt vor Ort in der Nähe der betreffenden Kunstwerke.

1 Kommentar zu “„Neuanfang?! Kunst und Kulturpolitik der 1950er Jahre in Tübingen“

  1. was mich bei dieser Ausstellung stört, ist die Beschränkung auf Tübinger Künstler.
    Die Tübinger Künstler der Nachkriegszeit waren da viel weiter, indem sie sich mit den Reutlinger Künstlern zusammentaten. Siehe dIe Notgemeinschaft Reutlinger und Tübinger Künstler und folgend die Ellipse ( die schon im Name auf die 2 Städte anspielt: die Konstruktion der Ellipse geht von 2 Punkten aus).
    Wichtige Gründungsmitglieder waren die Reutlinger Künstler Karl Langenbacher und die Malerin G.I. Widmann. Im übrigen hat Frau Eva Blattner 2002 bei einer große Retrospektiveausstellung von G.I. Widmann einen Katalogbeitrag geschrieben. Um so enttäuschender, dass die Auswahl der Künstler eng auf Tübingen beschränkt wird obwohl die Ellipse natürlich ständig genannt wird.
    David Gaiser, (Sohn von G.I. Widmann)

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: