Hyperrealistische Figur einer Badenden
Kunstszene

Kunst im öffentlichen Raum

Tübingen. Eine Universitätsstadt, ein Ort der Diskurse, des Wortes, protestantisch, überwiegend grün. Gestern Abend ging es heiß her in der Kunsthalle Tübingen.

Kommentar zu: Podiumsdiskussion über Carole A. Feuermans Plastik The Midpoint

Tübingen. Eine Universitätsstadt, ein Ort der Diskurse, des Wortes, protestantisch, überwiegend grün. Gestern Abend ging es heiß her in der Kunsthalle Tübingen. Allerdings wurde nicht über die Poetikdozentur oder den Klimawandel gestritten, sondern über ein (leider) in Tübingen verstaubtes Thema: Kunst im öffentlichen Raum. Sonst ist hier viel passiert in den letzten Jahren. Das betrifft mehrere Bereiche: Klimaneutralität, Wohnen, Arbeiten, Verkehr, E-Mobilität etc… In welchem Bereich nichts passiert ist, ist die Kunst für den öffentlichen Raum. Skulpturen, Installationen oder Plastiken, die für begrenzte Zeit als Aktion aufgestellt wurden, zähle ich nicht. 

Blick auf den Neckarabschnitt an dem die Figur aufgestellt werden könnte. Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm.

Worum geht es eigentlich?

2018 zeigte die Kunsthalle Tübingen die Ausstellung Almost Alive unter der damals noch relativ neuen Leitung Nicole Fritz. Die Schau beschäftigte sich mit hyperrealistischer Skulptur in der Kunst und zeigte unter vielen anderen Objekten von diversen Künstler*innen auch eine Plastik von Carole A. Feuerman – nämlich besagte Frauenfigur The Midpoint. Wie viele tausende Menschen besuchte die Künstlerin die Stadt und verfiel ihrem Charme. Daraus resultierend bot sie Nicole Fritz und Oberbürgermeister Boris Palmer an, eine Plastik, passend zur Thematik des Wassers, im/am Neckar aufzustellen.

Herr Palmer hat sich ein bisschen verguckt in die schöne Schwimmerin

Herr Palmer, der von sich selbst sagt, keine Ahnung von Kunst zu haben (was, wie ich finde niemals Punkt zur Kritik, aber erwähnenswert ist), war sofort begeistert. Denn: Herr Palmer hat sich ein bisschen verguckt in die schöne Schwimmerin. Das Wort „schön“ fiel gestern Abend so oft, dass ich gerne eine Strichliste geführt hätte. Die Idee, die Frauenfigur in Tübingen zu installieren war geboren. Eine sichtbare Verbindung des Stadtkerns – der Altstadt – und der viel gelobten Kunsthalle Tübingen soll damit entstehen. Finanzielle Mittel wurden schnell eingetrieben und drei Tage vor der Präsentation im Gemeinderat wurde dann auch (endlich) die Kunstkommission miteinbezogen. Drei Tage! Drei Tage, um zu verstehen, wer Carole A. Feuerman ist, was sie als Künstlerin ausmacht, was ihre Kunst bedeutet, wie sie arbeitet, welche tieferen Werte in den Arbeiten zu finden sind, kurzum: Wie viel Qualität birgt The Midpoint und welchen Mehrwert hat Tübingen davon?

Der große Anstoß in der Bevölkerung für Unmut und Aufruhr kam richtig in Fahrt, als ein Bericht des Schwäbischen Tagblatts mit einem Titelbild veröffentlicht wurde, das die Tübinger in Angst und Schrecken versetzte (Das Objekt war in verzerrten Größenverhältnissen direkt vor der Neckarmauer zu sehen). Ich kann beruhigen – wenn die Figur kommen sollte – steht sie im Parallelarm direkt hinter dem Verlagshaus des Schwäbischen Tagblatt (was für eine Ironie) unter einer Weide nahe des Ufers der Platanenallee. 

Die Podiumsdiskussion

Gestern Abend stellten sich also zu dieser Thematik dem anwesenden Publikum von rund hundert Tübinger*innen:

Boris Palmer, Oberbürgermeister und bekennender Fan „der Badenden”, Nicole Fritz, Leiterin der Kunsthalle Tübingen und Befürworterin der Aufstellung, Olaf Metzel, Prof. für Bildhauerei an der AK München und immer auf der Seite der Künstler*innen, Walter Springer, Kunsthistoriker, Mitglied der Kunstkommission und kritische Stimme und nicht zu vergessen Dagmar Waizenegger, Leiterin des Ressorts Kunst und Kultur Tübingen und im Zweifel über den Mehrwert der Figur.

Es wird in keiner demokratischen Abstimmung einen großen Konsens über Kunst geben, sondern immer nur der kleinste gemeinsame Nenner akzeptiert und das ist meistens der Langweiligste! (Stimme aus dem Publikum)

Primär möchte ich das Positivste aus dieser ganzen Diskussion hervorheben (und anders als von Herrn Palmer angekündigt, sollte genau das der Grund für mehr Auseinandersetzung mit weiterer Kunst sein). Endlich wird sich wieder öffentlich mit Kunst beschäftigt! Es wird diskutiert, abgewogen, zugehört und erklärt. Eine Zuhörerin sagte ganz treffend: „Es wird in keiner demokratischen Abstimmung einen großen Konsens über Kunst geben, sondern immer nur der kleinste gemeinsame Nenner akzeptiert und das ist meistens der Langweiligste!“ Tatsächlich ist es unheimlich schwierig eine ganze Stadt entscheiden zu lassen, mit all den individuellen Meinungen und Vorlieben. Aus diesem Grund wurde die Kunstkommission ins Leben gerufen. Wie ich gestern erfahren durfte, ist diese keine entscheidende sondern eine beratende Kommission, die sich aus fünf Kunstkenner*innen zusammensetzt und dem Oberbürgermeister für Kunstanschaffungen zur Seite stehen soll. Das letzte Wort – das hat Boris Palmer, seiner Art entsprechend, provozierend und deutlich zum Ausdruck gebracht – liegt beim demokratisch gewählten Oberhaupt der Stadt: Ihm! 

Ob diese Struktur noch zeitgemäß ist, ist fraglich und auch die Argumentation, andere schwäbische Kleinstädte würden diese Praxis so handhaben, wie auch sein Vorgänger und Ehrenbürger Eugen Schmid, halte ich für kleinbürgerlich. Kunst war und ist ein streitbares Thema und es ist selten objektiv. 

Kunst ist divers, politisch, ästhetisch oder eben nicht, durchsichtig, mehrschichtig, aufregend (im wahrsten Sinne), ein Ergebnis, ein Prozess, Überlegung, Können, eine Idee, künstlich, natürlich, kreativ, Aufklärung, Wissensvermittlung, Anregung zur Diskussion.

Eine Kunstkommission einzurichten, ist dagegen ein erster sehr wichtiger Schritt (der ja auch getan wurde)! Denn: Kunst ist divers, politisch, ästhetisch oder eben nicht, durchsichtig, mehrschichtig, aufregend (im wahrsten Sinne), ein Ergebnis, ein Prozess, Überlegung, Können, eine Idee, künstlich, natürlich, kreativ, Aufklärung, Wissensvermittlung, Anregung zur Diskussion. Kunst ist viel, vor allem aber nicht der allgemeine Konsens. Nicht ein hundertprozentiges „Schön“! Als Kunsthistorikerin setze ich andere Kriterien an Kunst, als meine Nachbarn, mein Mann und mein Sohn und wir sind alle Einwohner*innen Tübingens im engsten Wohnumfeld. 

Ausschnitt der Podiumsdiskussion mit Blick auf den potentiellen Aufstellungsort. Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm.

Was mir gestern gefehlt hat, war ein geschlossenes Statement der Kommission. Ist diese Plastik seriell hergestellt, mit Laserscan und 3D- Drucker oder ein in Bronze gegossenes mit viel Eigenarbeit bearbeitetes Kunstwerk? Der Vorwurf der Kunstkommission, es handele sich hier nicht mehr um eine großartige Eigenleistung der Künstlerin – da Werkstattbetrieb und moderne Hilfsmittel etc. – ist für mich zum Teil nachvollziehbar, wurde aber nicht belegt. Dass der weltweite Kunstbetrieb nicht mehr wie im vorindustriellen Zeitalter stattfindet, sollte mittlerweile keine Überraschung mehr sein. Ich persönlich halte nichts von einem Jeff Koons ähnlichen Werkstattbetrieb, aber es gibt auch unterschiedliche Arten von Werkstätten und Unterstützungen der Künstler*innen. Tendenziell stellt sich die Frage, ob man sich als Kunsthistoriker*in vielleicht auch neuen Kriterien öffnen sollte. Die Kritik einer puristisch anmutenden Badenden, in idealisierter Schönheit ohne Brustwarzen und Schamhaare ist und bleibt richtig und wichtig. Denn selbst den kulturellen Background der Künstlerin betrachtend – die Künstlerin stammt aus den USA, NYC – ist es eben nicht mehr zeitgemäß nur noch glatt rasierte Beine zu zeigen. Es mag ihr womöglich schwer fallen, in einem sehr konservativ geprägten Land wie den Vereinigten Staaten von Amerika. Schaut man sich allerdings Carol A. Feuerman einmal genauer an (die Schönheitseingriffe sind nicht zu übersehen) wundert es einen auch nicht, weshalb ihre Modelle zeitlos idealisiert sind. Es scheint ihr Ideal zu sein. Wieviel Gewicht so etwas bei der Bewertung des Kunstwerkes haben sollte, führt vermutlich wieder zu Uneinigkeit. Nicole Fritzs Ausführungen über die Nähe der Badenden zu einer klassizistischen (auch stets idealisierten) Skulptur möchte ich nicht näher beleuchten – in meinen Augen ist das sehr abwegig. Einen entscheidenden und hervorzuhebenden Aspekt trug Frau Waizenegger bei. Sie stellte mit Blick auf die Tübinger Geschichte in Frage, ob der alte (bisherige) Weg, erst das Kunstwerk zu besitzen und dann einen Ort dafür zu suchen, generell der richtige sei.

Es bleibt also die Frage.

Wie geht Kunst im öffentlichen Raum?

Sollte Kunst im Raum nicht andersherum funktionieren? Vorneweg den Raum sondieren, dann beschließen diesen mit Kunst zu füllen und eine Ausschreibung durchführen! Bitte international, bitte mit vielen Frauen, die Frauen zeigen und anderem, dann aber bewertet und gekürt von einem Ausschuss: Kunstkommission, Mitglied des Gemeinderates und dem Oberbürgermeister zum Beispiel!? Kunst, die interagiert, ob offensichtlich oder nicht, die herausfordert und, ja, auch gefallen darf – aber eben auch nicht. Oder wird Kunst im öffentlichen Raum in Zukunft zu einem Prozess? Keine festen Standorte mehr, sondern fließende Kunsträume? Wandelbare Orte?

Diese Fragen werden sich in Zukunft sicherlich noch mehrere Bürgermeister*innen stellen und gut zuhören müssen, wenn Kenner*innen ihnen Vorschläge unterbreiten. Allerdings – und das finde ich persönlich wichtig – darf auch ein „Kunstbanause“ wie Boris Palmer, in seiner Funktion als Oberbürgermeister eine Meinung zu Kunst haben, ohne hierfür an den Pranger gestellt zu werden. Liebe Kunstkommission, ich bin gespannt auf ein geschlossenes Statement und hoffe dieses kann öffentlich nachgelesen werden! Lieber Oberbürgermeister, ich bin gespannt auf Ihre Entscheidung! 

P.S.: Potentieller Vandalismus, Stocherkahnunfälle und Hochwasserproblematiken waren gestern übrigens kein Thema.

1 Kommentar zu “Kunst im öffentlichen Raum

  1. Pingback: Kunst-Quarantäne-Paket #7 – Kune

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