Zu sehen ist eine Ansicht der Aussstellung Damien Deroubaix: Headbangers Ball part 3 (Alte Meister) im Kunstmuseum Spendhaus Reutlingen.
Ausstellungen

Holzschnitt als (Zerr-) Spiegel der Gesellschaft – Damien Deroubaix im Kunstmuseum Spendhaus in Reutlingen

Damien Deroubaix hält uns im Spendhaus Reutlingen mit seinen Arbeiten einen Spiegel vor und zeigt so verborgene Seiten der Gesellschaft. Seine Motive speisen sich gleichwertig aus der Geschichte der Kunst und der Ästhetik des Metal und führen vor, wie zeitgenössischer Holzschnitt aussehen kann.

Zeitgenössischer Holzschnitt – Wie kann das aussehen? Das war doch eigentlich so ein Ding von Albrecht Dürer (also schon ziemlich alt) oder dann der Expressionisten (immerhin nur aus dem vergangenen Jahrhundert). Damien Deroubaix zeigt derzeit im Kunstmuseum Spendhaus in Reutlingen wie es gehen kann.

Headbangers Ball part 3: Alte Meister

Ganze drei Stockwerke kann er damit füllen – neben großformatigen Holzschnitten finden sich unter anderem auch Druckstöcke, Öl auf Leinwand und eine Holzskulptur. Der Titel der Ausstellung verweist darauf, dass die Ausstellung, bevor sie nun in Reutlingen zu sehen ist, bereits an zwei anderen Standorten zu Gast war. Zunächst im Musée d’Art moderne et contemporain de Saint-Étienne Métropole und dann im Musée d’Art moderne et contemporian de Strasbourg. Dabei macht es sich Deroubaix aber nicht leicht. Wie der Katalog beweist, werden immer wieder andere Werke gezeigt. Unter anderen solche, die speziell für die entsprechende Ausstellung angefertigt wurden.

  • Zu sehen ist eine Ansicht der Aussstellung Damien Deroubaix: Headbangers Ball part 3 (Alte Meister) im Kunstmuseum Spendhaus Reutlingen.

In Reutlingen ist das eine Reihe von Köpfen in Öl auf Leinwand, die jeweils ein Bildzitat wie ein Fenster in die Gedankenwelt auf der Stirn tragen. Die Titel verweisen darauf, dass es sich bei der Serie um Selbstportraits handelt, die Deroubaix‘ Inspirationsquellen zeigen. Dabei bleibt es aber nicht. Die Aneignung der „Alten Meister“ ist eine grundsätzliche Methode des künstlerischen Arbeitens, so dass die Köpfe auch Künstler*innen im Allgemeinen darstellen können. Auch bei diesen Arbeiten ist jeweils ein Holzschnitt mit im Bild. Deroubaix collagiert das immer gleiche Motiv eines Reißverschlusses als Mund auf die Köpfe.

Spiegel der Gesellschaft

Der Großteil der Holzschnitte, die zu sehen sind, verhandeln Themen des Zusammenlebens und üben auf bissige Art Gesellschaftskritik. Deroubaix versieht die Skelette, die er aus dem Holz herausschneidet, mit Sprechblasen und gibt ihnen so eine Identität. Die menschlichen, verwachsenen Zwillinge werden so zum „Agressor“ und „Dissident“, während dem Schädel eines urzeitlichen Raubtiers das Wort „Plague“ (engl. Pest) entweicht.

  • Zu sehen ist eine Ansicht der Aussstellung Damien Deroubaix: Headbangers Ball part 3 (Alte Meister) im Kunstmuseum Spendhaus Reutlingen.

Mit Porcherie (2005) [franz.: Schweinestall] beweist Deroubaix stilistische Gewandtheit. Wiederum collageartig versammelt er einen anatomischen Querschnitt auf einem Stativ, einen Kanister (?) mit Hakenkreuz und ein Paar hohe Stiefel mit Pfennigabsätzen. Währenddessen trägt im Hintergrund, genau auf der Horizontlinie, eine Gruppe Arbeiter gemeinsam ein schweres Bauelement. Darüber steht in Frakturschrift „Wir bauen des Reiches Sicherheit“ – eigentlich ein klarer Verweis. Doch worauf will Deroubaix mit dieser rätselhaften Zusammenstellung nun hinaus? Geht es ihm um einen Kommentar zum historischen Nationalsozialismus oder doch vielmehr um dessen zeitgenössische Nachfolge? Der Titel des Bildes, der als Sprechblase aus dem Mund des anatomischen Modells zu kommen scheint, gibt zumindest den Hinweis, dass er den Nationalsozialismus als Schweinestall verurteilt.

Damien Deroubaix, Porcherie, 2005, Holzschnitt, 150 x 200 cm, Foto: Paul Ambros.

Monster, Sexualität, Tod und Gewalt

Ähnlich geht es auch gleich schon im ersten Raum der Ausstellung zu. Die verhandelten Themen von Sexualität, Tod und Gewalt, finden ihren Ausdruck auch in chimärenartigen Monstren und haben alle etwas Anrüchiges, sind tabu. Besonders spannend ist die hier vorherrschende Technik. Die Holzreliefs entstanden als Druckplatten, die dann nach dem Einfärben jedoch nicht auf Papier abgerieben wurden, sondern eigenständig als Kunstwerke ausgestellt werden. Dabei tritt die Materialität des Holzes zum Vorschein. Zum Teil ist die Maserung direkt sichtbar, zum Teil erscheint sie durch die nicht deckend aufgetragene, schwarze Farbe. Im Detail kann man geradezu Deroubaix‘ Werkzeug verfolgen, wie es brutal und doch präzise die Umrisse der Figuren herausschält.

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Headbangers Ball (2018)

Die Arbeit Headbangers Ball (2018) kann als Synthese der Ausstellung gelten. In der vorgesehenen Choreografie bildet es den Einstieg und bringt dabei alle folgenden Elemente zusammen. Neben wiederkehrenden Motiven, wie den verwachsenen Kinderskeletten, sind es die Techniken (Öl auf Leinwand, collagierte Holzschnitte), die auf die Ausstellung vorbereiten. Die Motive sparen dabei nicht an Drastik. Von Rembrandts pinkelnder Bauersfrau (1631) bleibt bei Deroubaix nur der Unterleib; hinzu kommen Holzschnitte von Pazuzu, einem mesopotamischen Winddämon und einem Nkisi, einer Figur aus dem Kongo, die rituell mit Nägeln gespickt wird, sowie ein Fragment der Logos der Metalband Death.

Damien Deroubaix, Headbangers Ball, 2018, Öl und Collage auf Leinwand, 380 x 250 cm, Foto: Paul Ambros.

Diese vielleicht eklektische Zusammenstellung von Motiven funktioniert zunächst durch die Auswahl des Künstlers. Dabei entstehen Synergieeffekte im gleichzeitigen Sehen: Was haben Pazuzu und ein Nkisi gemeinsam? Wie passen sie zu kunsthistorischen Versatzstücken? Wie spielt die Metal-Ästhetik mit hinein; umfängt sie alles als Klammer oder ist sie als (pop-) kulturelle Inspiration ein weiteres Element im Strudel der Motive? Jedenfalls ergibt die Kombination sehenswerte Kunstwerke und im gesamten eine sehenswerte Ausstellung.

Die Ausstellung Damien Deroubaix. Headbangers Ball part 3: Alte Meister (Komödie) ist noch bis zum 01.03.2020 im Kunstmuseum Spendhaus in Reutlingen zu sehen.

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