Interviews Künstler*innen

Im Gespräch mit: Frido Hohberger

Im ersten Interview unserer Reihe traf Sara den Tübinger Künstler Frido Hohberger! Sein Œuvre, wie auch der Mensch haben viel zu bieten.

Im ersten Interview unserer Reihe traf Sara den Tübinger Künstler Frido Hohberger! Seinen Namen in einer Suchmaschine eingegeben, erscheinen Fotografien von einem stetig lächelnden, scheinbar kaum alternden Mann und vielen farbigen Malereien. Das Bild, welches sich hier ergibt spiegelt die Person Hohberger sehr gut wider. Sein Œuvre, wie auch der Mensch hat allerdings viel mehr zu bieten.

Frido Hohberger wurde in Tauberbischhofsheim geboren, kann aber mittlerweile als ein eingefleischter Tübinger gesehen werden. Wenn man ihn auf seine Lieblingsorte in der Stadt anspricht, ob kulturelle oder soziale, kommt er aus dem Aufzählen gar nicht mehr heraus. Er arbeitet und lebt mit seiner Familie im Französischen Viertel. Schon früh hat er sich mit den Umbauplänen des Quartiers beschäftigt und zog 1995/96 in das ehemalige „Ghetto“ Tübingens. Hohberger und seine damals noch junge Familie wurden in dieser Anfangszeit mehrmals Opfer von schwerem Vandalismus. Seit dem Umbau des Viertels in den 2000er Jahren gingen die Attacken vollständig zurück und sein Wohnhaus mit integriertem Atelier steht heute noch in einem idyllischen Hinterhofareal. Wir durften den Künstler in seinem Refugium besuchen.

Frido Hohberger und Sara Heinzelmann-Wilhelm im Atelier. ©Frido Hohberger; Foto: Jessica Plautz.

Es ist Samstag und schon spät am Nachmittag. Um seine bisher einmalige Umsetzung einer Kunst am Bau zu betrachten, nutzen wir die verbleibenden Minuten im Tageslicht und laufen gemeinsam zu seinem Projekt. Das im Jahr 2000 von der WEG Kunst + Wohnen erbaute Objekt im Französischen Viertel leuchtet schon von Weitem in bunten Farben. Für den Neubau wurde der von Frido Hohberger eingereichte Entwurf umgesetzt. Damit hat sich nicht nur der Künstler selbst im Viertel einen Namen gemacht, sondern auch eine farbliche Reaktion anderer umliegender Häuser auf sein Kunstwerk bewirkt und maßgeblich zur heutigen Wirkung des Areals beigetragen. Er gestaltete die Fassade und das Treppenhaus als Gesamtkunstwerk, das mit einem Lichtkonzept von Peter Hug komplementiert wurde. 

Ist das Ihr einziges Werk von Kunst am Bau und haben Sie sich lange mit den Farben für eine Außenfassade auseinandergesetzt?

(Ein sehr langgezogenes) Ja, das ist mein einziges Werk, diese Arbeit ist sehr anstrengend. Ich habe alles alleine umgesetzt. Das ist wirklich harte Arbeit gewesen. Die Häuser in der Nachbarschaft haben farblich reagiert und das fand ich sehr schön. Ich habe die Farben damals zum Teil selber angerieben. Die Farben aus dem normalen Handel sind häufig verschnitten (mit Marmormehl oder Gipsen) und haben lange nicht die Intensität wie die nahezu lichtechten Pigmente, die ich genutzt habe. Andere Farben werden häufig grau.

Haben Sie sich für das Haus ein eigenes Farbkonzept überlegt?

Ja. Ich habe ein Modell aus Holz gebaut und dann versucht alles umzusetzen. Vorder- und Rückseite mit der Unterführung und ein extra komponiertes Farbkonzept in den Lampen – gehört alles dazu. Ist auch schön, dass es so ein solitäres Stück ist hier im Viertel.

Wie lange hat die Arbeit gedauert?

Alles in Allem ca. 2-3 Monate. Schon sehr lange, ich habe das ja alles alleine umgesetzt. Vor zwei Jahren habe ich das sogar renoviert, da hat mir teilweise meine Tochter geholfen – Angestellte wären zu teuer.

Es geht um den eigenen Duktus, die Handführung die eigene Handschrift –mein Pinselstrich, der beim Malen eine ganz große Rolle spielt.

Es geht auch um die Malmittel, wie vollgesogen der Pinsel ist… das muss man steuern, wie bei der Musik auch. Auftragsarbeiten wären nichts für mich. Da bin ich altmodisch, es sollte meine Arbeit sein und ich könnte mir es anders natürlich auch einfach nicht leisten (lacht). 

Kunst am Bau, Französisches Viertel, Tübingen. ©Frido Hohberger; Foto: Jessica Plautz.

Hauptberuflich sind Sie kein Künstler, sondern waren auch Leiter des Zeicheninstitutes an der Universität Tübingen?

Ich habe Malerei studiert an der Kunstakademie Stuttgart und hatte diese Mischung gewählt, weil es mir eine Freiheit ermöglicht hat, die ich wollte. Das war mir schon von Anfang an klar, dass ich noch ein Standbein brauche. Wenn man sich mit der Thematik beschäftigt kann sich 1 von 1000 Künstler*innen als Glücksfall selbst finanzieren. Wenn man sich überlegt was das Leben im Monat kostet, wieviel man da umsetzen müsste, um das regelmäßig finanzieren zu können…

Sie haben relativ spät angefangen Kunst an der Akademie zu studieren?

In der Schule war Kunst mein bestes Fach – das Einzige – (lacht) und habe direkt danach mit 18 Jahren angefangen Kunsterziehung zu studieren. Damals gab es Kurzschuljahre mit 17. Anfang 30 bin ich dann erst auf die Akademie um Malerei zu studieren. Es war nicht mein Wunsch Künstler zu sein, weil es so unbestimmt ist, aber malen und zeichnen wollte ich schon immer. Die Kombination aus beiden fand und finde ich immer noch sehr passend.

Rudolf Hägele war Ihr Lehrer an der Akademie – wie war Ihr Verhältnis?

Ich habe mich sehr gut mit ihm verstanden. Es war ein sehr schönes Lehrer-Schüler Verhältnis. Hätte es die Bezeichnung eines Meisterschülers noch gegeben, dann wäre ich das wohl bei ihm gewesen. 

Er hat auch viel Gouachen gemalt, flächig und abstrakt – das findet man ja auch in Ihrem Werk wieder.

Ja, das stimmt, deswegen bin ich auch zu ihm gegangen. Zeichnen würde ich sagen, das habe ich nicht an der Akademie gelernt. Aber den Umgang mit Farbe – was ich sehr sehr schwer finde – habe ich innerhalb des Studiums bei ihm gelernt. 

Sie haben ein sehr umfassendes Werk, unter Anderem auch viele Zeichnungen. Kam das bei Ihnen vor allem durch Ihre Tätigkeit am Zeicheninstitut auf?

Meine ersten Zeichnungen datiere ich in mein Vorschulalter.

Wenn meine Eltern ein Fest für Freunde veranstaltet haben, durfte ich Fix und Foxi Hefte abzeichnen und diese wurden mir dort für eine Mark abgekauft, wovon ich wieder in Neue investiert habe (lacht). Ich habe ein eidetisches Vermögen [vergleichbar mit einem fotografischen Gedächtnis, Anm. der Autorin], dass ich etwas sehe und das wiedergeben kann.

Atelierausschnitt bei Frido Hohberger. ©Frido Hohberger; Foto: Jessica Plautz.

Wenn man so eine Begabung hat, ist es doch eher ungewöhnlich dass Sie sich so auf Flächen und Farbe konzentrieren und weniger auf figurale Malerei!

Ich wechsle ab. Viel im gestalterischen Bereich geht über Kontraste. Wenn ich 3-4 Monate gemalt habe, habe ich wieder Lust zu zeichnen und umgekehrt. Ich mache häufig auch beides nebenher, es kann auch sein, dass ich morgens zeichne und nachmittags male. Im Zeichnen reicht es mir nicht abstrakt zu bleiben, das ist mir zu beliebig. Da bleibe ich eher figurativ in einem transformatorischen Prozess. In der Malerei geht es mir umgekehrt. Da möchte ich die Farben nicht in eine Figur zwängen, weil ich so einen Respekt vor der Farbe habe, dass sie für mich keine dienende Funktion haben soll. Ich habe einfach einen sinnlichen Kontakt zu den Farben. Ich reibe die Farben auch selber auf Marmorplatten an, wenn mir bestimmte Pigmente in den Qualitäten nicht ausreichen.

Am liebsten wäre ich Lehrling bei Vermeer gewesen um ihm Farben anzureiben.

Ist für mich sowieso der größte Maler aller Zeiten!

Gibt es denn jemanden der Ihr Werk beeinflusst hat, dazu gehören auch historische Künstler*innen?

Ja Vermeer mit großem Abstand. Immer wenn ich nach Berlin gehe besuche ich die Gemäldegalerie –das ist für mich jedes Mal wie ein Altar, da bin ich gerührt wenn ich das sehe. Gerührt aufgrund der Farbe. Ansonsten natürlich Velazquez, Rembrandt mit seinen schnellen faszinierenden Zeichnungen. 

Existieren aktuelle Künstlerfreunde, mit denen ein reger Austausch besteht?

Rege würde ich dazu nicht sagen, aber eine respektvolle Beziehung habe ich zum Beispiel zu meinem ehemaligen Kommilitonen Thomas Heger, der auch die Farbkultur von Hägele bewundert hat. 

Sie haben so viele Techniken in Ihrem Œuvre vertreten. Gibt es eine Lieblingssparte?

Am liebsten male ich, wobei ich merke, dass die Reaktionen auf meine Zeichnungen häufig positiver sind. Ich mag den Flow der Malerei – da kann man alles vergessen.

Ihre Tableaux-Arbeiten – Sind das Stücke die aus vorhandenen Werken zusammengesetzt werden oder werden diese neu geschaffen?

Alle Arbeiten werden neu geschaffen und von mir gerahmt. Die Tableaux-Arbeiten haben meistens alle Bezüge zu Literatur. Es gibt auch ein Hölderlin-Tableaux, damit muss man sich ja als Tübinger auseinandersetzen (lacht). Ich habe auch ein Künstlerbuch über Hölderlin gemacht.

Sara im Gespräch mit Frido Hohberger vor seinen Tableaux-Arbeiten. ©Frido Hohberger; Foto: Jessica Plautz.

Beginnen Sie Ihre Arbeiten mit einer Idee oder einem Strich?

Manchmal hängt das auch mit rumliegenden Materialien zusammen. Ich habe dann etwas vor und mache im Laufe des Prozesses was völlig anderes. Wichtig ist für mich in einer Art Kontinuität zu bleiben, egal was ich mache. Das ist durchaus auch lustvoll und nicht nur diszipliniert (lacht). Manches läuft nicht sehr fokussiert, aber wenn ich den Faden aufgenommen habe, dann schon. Den Anfang würde ich eher als streunend bezeichnen. 

Gibt es bei Ihnen etwas wie eine Eckleiche, eine kleine Hohbergersche Mona Lisa, ein Werk bei dem man einfach nicht weiterkommt? 

Ja klar (springt sofort auf und wälzt sich durch seine großen Werke, um uns das Stück zu zeigen)! Das hatte ich ganz lange umgedreht an einer Wand stehen. Ein Kunstwerk (heißt nun Wabi-Sabi) ausgewählt von einer Kunsthistorikerin, die das gerne für ihre Ausstellung wollte. Ich hätte das nie als fertig angesehen und ausgestellt. Das ist das Prinzip des Wabi-Sabi [„nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen und nichts ist perfekt.”, Anm. der Autorin]. Das sind schon auch Bilder, die einen plagen, von denen ich manchmal nachts träume.

Ist die Leitung des Zeicheninstituts eine Bereicherung für Ihr eigenes Œuvre?

Für mein Eigenes insofern, als dass ich es sehr gut fand mich nicht nur mit Kunst zu beschäftigen. Im Vermitteln steckt eine Konzentration auf etwas Essentielles, das man weitergeben möchte. Klärungsprozesse, die mir geholfen haben. Ich halte den pädagogischen Bereich aber auch für den ethischeren, beziehungsweise moralischeren und damit ein wichtiges Korrektiv. Um Schiller zu zitieren: „Dort wo der Mensch spielt und gestaltet, ist der Mensch!” Ist alles wunderbar aber natürlich idealisiert und nahezu hedonistisch. Kierkegaard daneben mit seinem Don Juan Prinzip beim ästhetisch handelnden Menschen, den er benannt hat. Der [nach Kierkegaard, Anm. der Autorin] verantwortungslos ist, nicht entscheidungsfreudig, nicht ethisch orientiert ist, was man in so vielen künstlerischen Bereichen sieht. Es geht um Geld und Macht. Mein diplompädagogisches Studium in Tübingen hat mir sehr viel gebracht, um meinen Standort zu bestimmen, was ich mit meiner Kunst möchte. Zwischen einem einigermaßen gesellschaftlichen Leben der Pädagogik, etwas weiterzugeben und der egomanischen Seite, diese selbstverliebte Seite als Korrektur und eine Balance. Diese Balance spiegelt sich auch in meiner Malerei. Das ist ein ausponderieren zwischen Flächen und Farben mit einem labilen Gleichgewicht. Wie in der Kunst und der Pädagogik. Nur Kunst zu betreiben ist sehr einsam und man kommt nicht zu bestimmten Fragestellungen. 

Fanden Sie Inspiration in Ihren Schülern?

Das Problem des Zeicheninstitutes ist und war es, dass man häufig nicht über ein bestimmtes Level hinauskommt. Man macht das – und das empfehle ich auch – nebenher. Ich kann mir vorstellen, dass eine solche Inspiration an einer Kunstakademie vorkommt, mit einer Kontinuität, einem eigenen Atelier und durchaus sehr begabten Leuten. Aber ich war sehr sehr gerne dort [im Zeicheninstitut] und es hatte immer eine gewisse Erotik des Beginnens. 

Können/ könnten Sie von Ihrer Kunst leben?

Auf keinen Fall. Wenn ich meine Atelierkosten umrechne mit allen Nebenkosten und das auf das Jahr gerechnet, bin ich froh, wenn ich einigermaßen raus komme. Leben wäre undenkbar. Es gibt Monate in denen gar nichts läuft und dann kommt wieder etwas. Manche Dinge, die viel Zeit kosten, die ich aber gerne machen würde, sind und wären auch völlig unwirtschaftlich. Andererseits hat man natürlich auch Sachen, die nur eine Minute dauern und das wird dann plötzlich schnell verkauft. Ist sehr schwer zu planen, voraus zu sagen.

Merken Sie, dass die Verkaufszahlen nach einer Ausstellung steigen?

Ja auf jeden Fall. Das lohnt sich schon. Offene Ateliers sind auch immer gut und manchmal rufen auch Privatleute an, um ein Geschenk für irgendwen zu kaufen. 

Was halten Sie von der Stadt Tübingen als Kulturstadt und ihrem Verhältnis zur Kunst? 

Wir haben hier keinen rheinischen Kapitalismus, was eigentlich immer die beste Voraussetzung ist um Kunst zu vermarkten und zu verkaufen. Tübingen ist für mich eine liebenswerte Stadt, ich mag einfach die Größe, ich würde mich in Berlin jetzt nicht unbedingt wohlfühlen. Ich mag die Natur drumherum und brauche diese Ruhe und Besinnlichkeit, um mich auf mich zu konzentrieren. Und auch nicht um zu sehr abgelenkt zu sein. Natürlich ist sie in bildnerische Hinsicht eine Ödnis. (Lacht) Es passiert zu wenig. Es gibt keine Galerien. Jetzt gibt es die neue Galerie Fingur, das sind aber idealistische Privatinitiativen, die sich ökonomisch eigentlich nicht halten können. Da fehlt es einfach an den Strukturen.

Tübingen ist eben eine Universitätsstadt, da sind die Wände voller Bücherregale, da gibt es nicht viel Platz für Bilder.

In Reutlingen und anderen Gegenden ist das schon wieder anders. Dann kommt noch das protestantische Moment dazu, was eine Rolle spielt. Keine Bilderfeindlichkeit, aber eben keine kulturelle Wertschätzung, die über Jahrhunderte wachsen konnte, das finden sie vermutlich in katholischen Gebieten. Dort ist es vielleicht selbstverständlicher. Ich weiß nicht, ob man es immer noch darauf zurückführen kann…,aber selbst in Rottenburg ist es eine ganz andere kulturell gewachsene Wertschätzung (weist auf die Blumenteppiche hin, Heiligenstatuen im Dom, Wegeskreuze etc.). Tübingen ist eine wunderbare Stadt des Wortes. Kunst ist hier nicht so selbstverständlich wie in Metropolen.

Meinen Sie es wird genug von der Stadt für Künstler*innen getan?

Das Konzept der Kulturhalle ist ganz toll. Es ist finanziell zwar relativ schwach ausgestattet, aber für so eine Stadt, mit der Liberalität mit der das Kulturamt das macht, indem sie nicht reinfunken, nicht reinreden… das finde ich prima. Zwischendurch gibt es dann natürlich auch Ausstellungen, die weniger toll sind; finde ich nicht schlimm. Das soll ja auch das Publikum entscheiden. Es ist durch die Kulturhalle, so etwas wie eine Regionalszene gewachsen und das finde ich im Schlagschatten der Kunsthalle umso toller. […]Das Konzept [der Kulturhalle] ist mir viel lieber, als wenn alles von Kurator*innen abhängt und so ist es doch die Pflege von so einem kulturellen regionalen Level und das finde ich toll. Es gibt andere Städte, die zum Beispiel städtische Galerien unterhalten, was auch heißt Verantwortung zu übernehmen. […] Das ist ein Manko, das fehlt. Wir haben zwei Pole, zum einen die Kunsthalle, die nicht so viel mit dem Leben der Stadt zu tun hat, die natürlich ganz anders orientiert ist, versucht international zu powern. Und die Regionalmatadoren die hier ihr Ding machen. In Reutlingen ist das anders, da wird eine mittlere Ebene sehr gut bedient. Die haben ein besseres Ausstellungskonzept, aufregender, vielgestaltiger, im überregionalen Bereich. Aber im regionalen Bereich hat man allenfalls die Möglichkeit in einer Jahresausstellung ein Bild unterzubringen und das ist schon dünn. Wie Schauspieler eine Bühne brauchen, sollten bildende Künstler*innen die Möglichkeit haben in einem halbwegs passablen Raum ausstellen zu können. Da finde ich die Kulturhalle für Tübinger Verhältnisse im Zentrum der Stadt gelegen, trotz ihrem Garagencharakter, wie mal jemand von der Süddeutschen geschrieben hat, sehr gut. Ich bin froh, dass es sie gibt.

Ausschnitt seiner letzten Schau „Zeichnen als Abenteuer“ in der Kulturhalle Tübingen. ©Frido Hohberger; Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm.

Hilft der Künstlerbund Tübingen gut zu netzwerken? Vielleicht auch als Empfehlung an junge Künstler*innen?

Der Künstlerbund hat Vor-und Nachteile.[…] Es ist schon toll, dass es ihn schon so lange gibt. Und diese wunderschöne Galerie inmitten der Stadt, da stellt man seine eigenen Interessen auch häufig zurück, um dort ausstellen zu dürfen. Netzwerken ist immer gut und Kontakte suchen […].

Was gibt es in Tübingen an guten Vernetzungsstrukturen bisher –unter Kunst-und Kulturinteressierten?

Runder Tisch [Kulturnetz Tübingen e.V, Anm. der Redaktion], war ich aber noch nie, (lacht) und der Künstlerbund, wobei ich auch nicht so der Gruppentiger bin. 

Haben Sie Stichworte zum Zeicheninstitut der Universität Tübingen?

Ich finde es ein Jammer. Das Zeicheninstitut ist 250 Jahre alt, und dass  ausgerechnet in einer Phase des größten Wohlstands in Deutschland das Institut seine feste Stelle verliert ist eine Katastrophe. Das kann man auch nicht durch invited artists auffangen. Die Alltagsdinge die dort anfallen, Betreuung der Studierenden, der Materialien, der Räume, des Büros, das muss jemand in die Hand nehmen und gestalten. Auch die Kursleiter*innen muss man begleiten, wenn es Schwierigkeiten gibt […]. Einfach eine Umsorgung. Es kommt an einer Hochschule darauf an Räume und Stellen zu haben, dann kann etwas laufen, aber über temporäre Kooperationen bedeutet das über Kurz oder Lang Siechtum in meinen Augen. […] 

Ich habe so viele positive Rückmeldung von Studierenden, die sagen, sie können sich nicht mehr ganz so gut ans Studium erinnern aber an das Zeicheninstitut. Ich erinnere mich auch an eine Mail von Jemandem, der von hier nach Dortmund ging um Medizin zu studieren. In Tübingen hat er das Physikum gemacht und er meinte er hätte das Physikum nicht geschafft, wenn er nicht aus seiner Studentenbude rausgekommen wäre und abends gemalt und gezeichnet hätte und damit den Frust des Memorierens losgeworden wäre. Da unterschätzt die Uni auch die sogenannten Softskills, weil diese Bereiche so etwas wie eine Basis Kulturseelenversorgung sind. Ich weiß natürlich nicht, in welchen finanziellen Nöten die Hochschulverwaltung steckt. […] Es geht um Relationen, die mich ärgern. […] Die Universitäten sind überhaupt unterfinanziert und da ist die Gefahr, dass man da zuerst spart sehr groß.

Wir haben eine brutale Durchökonomiesierung aller Bereiche, wobei doch nicht alles nur nach dem Profitmaximierungssystem laufen kann.

Eine Hochschule ist keine Firma. Man richtet sich da nach einer Dominanz, das finde ich sehr schade. Welche Institutionen gibt es denn noch, die allgemeingesellschaftliche Fragen stellen können?! In den 70er Jahren hatte Tübingen volle Hörsäle mit großen Diskussionen, Küng, Jens, wirklich tolle Leute, wo man das Gefühl hatte es werden moralische und ethische Probleme hin- und hergewälzt. Das vermisse ich, jetzt geht alles nur nach Kosten und Nutzen. […]

Wie hat sich das Verhältnis der Studierenden nach dem Einzug des Bachelor / Master Systems auf das Zeicheninstitut ausgewirkt? Merkbar? 

Ganz extrem! Früher war das ein Refugium für Leute die künstlerisch interessiert waren. Häufig mehrfach begabte Menschen, die gerne gestalterisch etwas machen wollten. Das hatte etwas von einem Zirkelcharakter ohne jemanden auszuschließen.

Mit der Vergabe der ECTS-Punkte kamen Leute, die den Weg des geringsten Widerstand gesucht, sich reingesetzt haben und nur auf das Handy gestarrt haben.

Die erste Frage war unlängst bei jemandem am Anfang des Semesters, wie oft darf ich fehlen? (Lacht ungläubig) Wie kann man in künstlerische Prozesse eintauchen wollen, wenn man in der ersten Minute so etwas fragt? Vorher hatten wir nur Leute, die sich interessiert hatten. Das halte ich auch für ein sehr vornehmes Moment an einer Universität, das zu verfolgen was einen interessiert und nicht was die Uni interessiert. […] Wenn jemand an eine Universität geht, braucht man doch eine intrinsische Motivation […].

In welchem Medium würden Sie eine Reminiszenz an die Zeit dort (sind ja bis heute 24 Jahre) umsetzen?

Puh das ist eine schwere Frage, ich würde sagen in der Malerei. Weil es mich einfach mehr interessiert oder sagen wir so, es fällt mir schwerer als zeichnen wegen der Komplexität. Die kleinste Bewegung und die Veränderung der Größenverhältnisse, sofort explodieren die Entscheidungen.

Atelierausschnitt bei Frido Hohberger. ©Frido Hohberger; Foto: Jessica Plautz.

Was halten Sie von unserer Idee, eine Plattform für Kunst im Raum Tübingen aufzubauen? Sinnvoll? Verrückt? Unnötig?

Ich finde das gut. Man muss alle Medien nutzen und alle Möglichkeiten die es gibt. Vor allem wenn die sinnvoll besetzt werden, wovon ich ausgehe, es hat ja auch einen aufklärerischen Impetus. Dann erachte ich das nur als gut, vor allem weil Sie das ja nicht aus einem Werbeimage/ ökonomisierten Zusammenhang machen, sondern auch aus anderen Gründen. […]

Hätten Sie als junger Künstler Geld für eine Kooperation gezahlt? Wenn eine Gruppe wie wir an Sie herantreten würden?

Ja definitiv, wenn es gut wäre. Öffentlichkeitsarbeit für jemanden zu übernehmen zum Beispiel ist viel Arbeit. […] Von Ihrer Seite finde ich es sehr wichtig etwas auf die Beine zu stellen. In Ihrem Alter habe ich den Galeriebetrieb in der Zelle in Reutlingen gemacht. Darauf vertrauen, dass sich aus dem Handeln etwas entwickelt – egal was. […] Man verliert die Angst mit Würdenträgern zu sprechen, man lernt Gleichgesinnte kennen und das ist ganz wichtig. Da ergibt sich auch das ein oder andere Geschäftsfeld. […] Wenn Sie da etwas finden wo die Künstler*innen auch das Gefühl haben, dass es ihnen etwas bringt, kann ich mir vorstellen dass die auch etwas bezahlen. 

Wo sehen Sie sich in 10 Jahren?

Dann bin ich 80. Ich hoffe ich komme noch auf neue Projekte. […] Wenn ich so sehe, was ich bisher alles gemacht habe, wäre es ja schön wenn noch etwas dazu käme. Ich mache nebenher schon Skizzenbücher und wenn ich nicht mehr mobil bin, dann schaue ich mir diese [Erinnerungen] an. […].

Haben Sie eine Kultur-/Kunstinstitution in Ihrer Stadt, die Sie empfehlen können?

Ich finde die Kunsthalle ganz toll, mit kleinen Einschränkungen am Bau nach der Umgestaltung und die Gipsabgusssammlung der Universitätsstadt Tübingen (MUT). […] 

Vielen Dank für das Interview.

Zusammen mit anderen ansässigen Künstler*innen öffnet Frido Hohberger am Sonntag, den 01.12.2019, 11-18 Uhr, im Zuge der Veranstaltung Offene Ateliers im Französischen Viertel seinen kreativen Arbeitsort. Das Atelier liegt Bei den Pferdeställen 4, 72072 Tübingen. Von meiner Seite kann ich nur dazu auffordern, sich mit seiner Kunst und dem Menschen dahinter zu beschäftigen. 

6 Kommentare zu “Im Gespräch mit: Frido Hohberger

  1. Zufällig entdeckt… Das mit dem Meisterschüler stimmt. Mein Vater hat von Frido Hohberger erzählt. LG, Dagmar Haegele

    Gefällt 1 Person

    • Sara Heinzelmann-Wilhelm

      Vielen Dank für die Bestätigung und wir freuen uns, dass Sie unseren Beitrag entdeckt und gelesen haben.

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  2. Fabian Wunder

    Schöner Artikel.

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  3. Jutta Baitsch

    Hervorragend aufgemachtes Gespräch! Vielen Dank und bitte mehr davon!
    In unserem wunderbaren Viertel leben und wirken ja glücklicherweise noch eine ganze Reihe weitere Künstler*innen….

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    • Elisabeth Weiß

      Wir freuen uns wirklich sehr, dass das Interview so einen Anklang findet. Wir stecken mitten in Planungen und es wird auf alle Fälle mehr Interviews geben. Herzlichen Dank für den schönen Kommentar!

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