Kunstszene

Gedanken zu: Der Kunst- und Kulturlandschaft Tübingen

Tübingen, so scheint es, hat tendenziell ein historisch eher schwieriges Verhältnis zu Kunst...

Die Reihe Gedanken zu soll uns als Essay eine Möglichkeit geben, unsere Gedanken frei zu formulieren und dabei auch ein bisschen zu provozieren. Wenn Ihr mit Eurer eigenen Meinung zum Thema des Essays mit uns ins Gespräch kommen wollt, könnt Ihr gerne einen Kommentar unter dem Text hinterlassen.

Blick in einen Ausstellungsraum, Kunstwerke von Frido Hohberger
Frido Hohberger, zum größten Teil im Alten Anatomischen Institut Tübingen entstandene Kunstwerke ©Frido Hohberger Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm

„Lieber lasse ich mich von einem Chirurgen aufschneiden, der zeichnen kann, als von jemandem, der es nicht kann!“ (Frido Hohberger)

Nicht selten waren Anatomen Künstler und Künstler Anatomen. Die Verbindung der Medizin zur Kunst reicht in die Anfänge der ersten aufgezeichneten (!) Handbücher bis zu medizinischen Auseinandersetzungen. Diese Verbindung ist bis heute – überspitzt gesagt – in den Arztpraxen zu erkennen, wenn man im Wartezimmer wieder einmal auf einen Wassily Kandinsky oder Paul Klee Druck blickt… Während die Medizin stets sehr großes Ansehen genießt und einem in den ersten Vorlesungen erzählt wird, dass man zur nächsten Elite Deutschlands gehört, rückt die Kultur und die Kunst im Bewusstsein der Politik und der öffentlichen Wahrnehmung immer weiter in eine Schattenecke. Schlimm genug, dass man sich vor allen für das Studium rechtfertigen muss, so wird auch noch in den ersten Vorlesungen der Kunstgeschichte auf den aussichtslosen Arbeitsmarkt aufmerksam gemacht. Demotivierend, sarkastisch und entmutigend. Dabei sollte man selbstbewusst dafür kämpfen, dass es Sinn macht, dieses wunderschöne, wissenschaftliche Fach zu studieren und die Kunst und Kultur völlig zu Unrecht in der dunklen Ecke zu finden ist (wobei natürlich die Kunst immer Teil der Kultur ist und nicht als Einzelgängerin anzusehen ist). Denn sind nicht gerade Kunst und Kultur genau das, was die Menschheit prägt und zusammenbringt, egal wen, wo und seit wann? Kultur und die Ausprägungen dessen – in Musik, Theater, oder Kunst – die es uns heute ermöglichen das zu sein, wer wir sind!

Um hier eine größere Diskussion zu vermeiden und vor allem nicht die Satzzeichen zu sprengen, verlasse ich den allgemeinen Kulturplatz und widme mich Tübingen.

Tübinger Neckarmauer mit Wasserspiegelung
Blick auf die Tübinger Neckarmauer, Foto: ©Sara Heinzelmann-Wilhelm

Identifikation und traurige Realität

Mit dem einleitenden Zitat führte Frido Hohberger an seiner Finissage (05.10.2019) in die schwierige Thematik des Erhalts des Zeicheninstituts ein. Ein schwer politisches Thema!? Was ist erhaltenswert und was nicht? Was bringt Tübingen und den Menschen, die hier leben, ob kürzer- oder längerfristig, für immer oder nur ein paar Wochen, einen Mehrwert?Hohberger berichtete, was für ihn das Zeicheninstitut, das Zeichnen, die Kunst und die Kunstlandschaft in Tübingen bedeuten. Er schwärmte davon, was für einmalige Bedingungen es in dieser Institution für alle Interessierten gibt. „Gibt“ steht hier absichtlich noch im Präsens, aber wie präsent es in der Zukunft sein wird ist fraglich.

Tübingen, eine Stadt, die sich immer wieder durch ihre Universität, nun bereits in zweiter Periode sogar Exzellenzuniversität, auszeichnet und identifiziert. Eine Universität, die sich damit rühmen könnte, eine Einrichtung wie das Zeicheninstitut länger als irgendwo sonst in Deutschland – über 230 Jahre – fortlaufend vorweisen zu können. Eine Universität, die stolz darauf ist und traurig zugleich, dass diese Institution, in der Form wie sie jetzt besteht, nun enden wird.

Weit gefehlt…ich war erschrocken, wie wenig Aufmerksamkeit das Ende der Ausstellung im universitären und städtischen Bereich fand. Weder Universitätsangehörige der oberen Reihen, noch der kunsthistorischen Einrichtungen nahmen teil. Der Wert der Zusammenarbeit wurde aber nach Außen stets betont. Schon 1909 vor über hundert Jahren als Konrad Lange, erster Professor der Kunstgeschichte in Tübingen, für den Erhalt kämpfte und äußerte, dass „gerade in einer kleinen Stadt wie Tübingen, die sonst wenig Anschauung für bildende Kunst bietet, ein anregender […] Zeichenunterricht ein dringendes Bedürfnis“ ist, wird klar, dass man es mit einer historischen Einrichtung zu tun hat. Jahre später haben sich die Begebenheiten, Anforderungen und Lehrmethoden natürlich geändert, was aber nicht heißen soll, dass der Stellenwert dieser kulturellen Institution für den Tübinger Kulturraum und vor allem für alle Studierenden geschmälert wäre.

Ein Strichmännchen von Harald Naegeli steht für Kunst im öffentlichen Raum
Harald Naegeli, n.a., 2015 (erneuert), Kunsthistorisches Institut Tübingen. ©Harald Naegeli, Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm

In Anbetracht der glänzenden Abwesenheit frage ich mich, ob es ein Trugschluss ist, wenn man annimmt, dass sich Kunst- und (städtische) Kultureinrichtungen gegenseitig unterstützen, stützen und auch schützen sollten. Man sollte doch meinen, dass sich eine Stadt, die Bildungsstadt ist und eine Universität, die immer darum kämpft, die Geisteswissenschaften zu erhalten, darum bemüht sei deutlich zu machen, dass es nicht egal ist, wenn an Kultur Geld eingespart wird. Meinen, dass es nicht egal ist, wenn ein Kleinod wie das Zeicheninstitut schließt, nicht egal, wenn eine Stadt den Wert einer der wenigen erhaltenen universitären graphischen Sammlungen nicht schätzt, nicht egal, wenn die Stelle (wie aktuell mit Schrecken verfolgt werden kann) der dort scheidenden Kustodin vielleicht nicht neu besetzt wird und sich nur ein paar wenige finden, die laut ihre Stimme für einen Erhalt erheben,  nicht egal, wenn Galerien in der Stadt um ihr Überleben kämpfen. Überraschenderweise muss man feststellen, dass trotz der angespannten Situation in kürzester Zeit zwei neue Galerien in Tübingen ihr Glück versuchen. Hier sei dem Mut zu danken und viel Erfolg zu wünschen!

Tübingen und die Kunst im öffentlichen Raum

Tübingen, so scheint es, hat tendenziell ein historisch eher schwieriges Verhältnis zu Kunst. Wenn man sich vom Thema der Einrichtungen abwendet, hin zur Kunst im öffentlichen Raum, stößt man häufiger als einem lieb ist auf Schenkungen und von Tübinger Mäzen*innen gestiftete Kunstwerke. Selten genug gab es öffentliche nationale, noch viel seltener internationale Ausschreibungen für Denkmäler, Mahnmale, Skulpturen, Plastiken oder Installationen. Dass jetzt eine Nixe das Blut der Tübinger*innen in Wallung bringt, ist in vielerlei Hinsicht diskutabel. Vorneweg bin ich der Meinung, dass es prinzipiell wichtig und gut ist, wenn Kunst zu einem öffentlichen Diskurs führt, wenn man darüber spricht und das Kunstwerk und dessen tieferen Wert hinterfragt. Es ist allerdings auch ein Tübinger Phänomen, vielleicht auch ein Allgemeines, sich gegen Neues aufzulehnen. Wenn dann noch die Tübinger Neckarfront, das Aushängeschild schlechthin, betroffen ist, wird es unangenehm.

Hyperrealistische Figur einer Badenden
Carole A. Feuerman, The Midpoint, 2017, Lackfarbe auf Epoxidharz, 135 x 56 x 41 cm. ©Carole A. Feuerman

Ob nun eine hyperrealistische Figur einer Badenden, als Allegorie einer Meernixe in Form einer modernen Venus pudica, die beste Wahl wäre, sei hier nicht diskutiert. Von der Genderproblematik einer zum Teil unverhüllten Badenden (diese Diskussion ist leider vorhersehbar) – die Figur wurde von der weiblichen Künstlerin Carole A. Feuerman geschaffen und Badende kleiden sich mehrheitlich im westlichen Raum in einen Badeanzug – mal ganz zu schweigen, so ist doch das Vorgehen wieder einmal T(ü)ypisch. Um solche Entscheidungen „von oben herab“ zu vermeiden, wurde vor geraumer Zeit eine Kunstkommission eingerichtet, die sich aus fachkundigem Personal und städtischen Mitarbeiter*innen zusammensetzt. Wenn, und das ist ein sehr großes Wenn – denn die Wellen, so scheint es, schlagen höher als die Pläne – diese Nixe je ihren Sockel vor der Neckarmauer besteigen sollte, ist doch weniger das Kunstwerk das Problem, sondern die Art und Weise der Auftragsvergabe, bzw. hier der Schenkungsannahme. Auch wenn die Kommission nachträglich zugestimmt hat, war der offiziell vorgegebene Weg doch nicht so recht eingehalten. Wenn die Stadt Geld in ein neues Kunstwerk für den öffentlichen Raum investieren möchte, sage ich: Ja bitte! Weshalb auch nicht?! Für die Reputation und um einer räumlichen schwäbischen Klüngelvergabe entgegenzuwirken, dann aber bitte mit einer nationalen – und/oder internationalen – Ausschreibung und einer darauf folgenden fachkundigen Auseinandersetzung durch die Kommission. Die kritischen Stimmen, vielleicht bin ich auch eine, warten ohnehin. Dann aber fundiert und als Teil einer kunstkritischen Auseinandersetzung, die allen nur gut tun kann.

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