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Im Gespräch mit: Ngoc Han Hoang

Die Modedesignerin Ngoc Han Hoang aus Reutlingen ist bei der diesjährigen Neo.Fashion in Berlin zu sehen. Wir haben uns mit ihr vorab getroffen, um über ihre Arbeit und Kollektion zu sprechen.

Im Frühjahr 2022 haben wir die Modedesignerin Ngoc Han Hoang kennengelernt. Gemeinsam mit Isabel Raible hat das Ausstellungsteam KuneProjects die Duo-Ausstellung SENSING BLOOM mit Ngoc Han Hoang und Meri Mamaladze realisiert. Die Kollektionen der beiden Designerinnen waren im Museum für Alltagskultur Waldenbuch – Schloss Waldenbuch präsentiert.

Die Ausstellung im März war eine Preview zur Neo.Fashion Berlin. Nun wird die Kollektion „The Loss of Function – The Art of Fashion“ in der Hauptstadt zu sehen sein. 

Die Kollektion „The Loss of Function – The Art of Fashion“ thematisiert die fünf Sinne Hören, Sehen, Fühlen, Schmecken und Riechen. Jedes einzelne Outfit repräsentiert einen Sinn und zeigt so einerseits die Intensität der einzelnen Sinne, wenn man sich nur auf diesen konzentriert, aber auch den Verlust, wenn einer der Sinne fehlt. Die Reduktion visualisiert verstärkt den einzelnen Sinn, setzt sich aber auch mit der Fragestellung auseinander: Was passiert, wenn ein Sinn ausfällt? 


Die Kollektion sowie die Person Ngoc Han Hoang haben uns näher interessiert, sodass wir uns im Vorfeld der Neo.Fashion Berlin auf ein Gespräch getroffen haben. 

Die Designerin Ngoc Han Hoang. Foto: © Fabian Rausch.

Ngoc Han Hoang. Ein Interview.  

Liebe Han, wann und wie bist du zur Mode gekommen? 

Mein Vater kommt aus einer Schneiderfamilie. Als er damals aus Vietnam geflohen ist, hatte er hier keine Kleidung, die er sich leisten konnte. So nähte er alles, samt der Unterwäsche, selbst. Genau diese Nähmaschine, die er damals dafür nutzte, haben wir bis heute.  
Während er an seiner Nähmaschine saß, habe ich ihn immer beobachtet. Es faszinierte mich, wie er Sachen nahm, diese zerschnitt, passend zusammen nähte und daraus Kleidungsstücke entstanden, die er dann tragen konnte.  

Aus den Beobachtungen heraus fragte ich ihn, ob ich das auch machen kann. Er brachte mir bei, wie man eine Nähmaschine bedient und zusätzlich dazu entdeckte ich YouTube und die passenden Tutorials. Die Basis bildete meist ein Hemd.  

So plünderte ich die Kleiderschränke meines Vaters und meiner Brüder. Meine Brüder gaben ihre Sachen eher unfreiwillig her, doch das hielt mich nicht davon ab, Neues zu nähen.  

Du hast an der Hochschule Reutlingen dein Studium im Fach Modedesign absolviert. Welcher Weg hat dich nach Reutlingen geführt? 

Ich komme ursprünglich aus Calw und nach dem Abitur ging ich für eine Ausbildung zur Maßschneiderin nach Metzingen. Die Ausbildung lehrte mich das präzise Schneidern, aber mir fehlte der Aspekt zu lernen, wie ich ein Design umsetzen kann, wie ich etwas zu einem Piece schneidern kann, welches dann von jemand anderem getragen wird und sich mit seinem Charakter verwandelt und so zu einem individuellen Kleidungsstück gemacht wird.  

So habe ich mich spontan an der Hochschule Reutlingen beworben und wurde nach der Aufnahmeprüfung aufgenommen.  

Was war die größte Herausforderung während deines Studiums? 

Die Entscheidung meines Bachelor-Themas! Man hatte die Jahre davor immer eine Vorgabe und so konnte ich aus den Themen eine Kollektion entwickeln. Nun war ich bei meiner Bachelor-Thesis völlig frei und konnte jedes Thema nehmen, das ich interessant fand. Ich hatte also die Freiheit meine Kreativität zu zeigen! Bei meinen Recherchen stieß ich auf ein Buch von Martin Margiela. Margiela begleitet mich schon seitdem ich 16 bin.  

„A dress that tries too hard to be intellectual and/or intelligent becomes automatically ridiculous.“

Martin Margiela 

Nach Margiela ist eine Kleidung, die versucht toll zu sein, lächerlich. Das ist genau der springende Punkt. Denn wir versuchen immer mehr funktionelle Kleidung zu designen. Kleidung, die immer mehr kann. Doch dabei vergessen wir den ursprünglichen Aspekt der Kleidung. Nämlich, dass sie uns kleiden kann, uns ein gutes Gefühl geben kann und auch bei unserem Gegenüber etwas auslösen kann. Eben komplett von der Funktion herausgelöst und nur am Design interessiert. Dieser Gedanke hat mich zu meiner Kollektion „The Loss of Function. The Art of Fashion“ gebracht.  

Was kommt nach deinem Studium? Wo siehst du dich in fünf Jahren? 

Puh, ich weiß nicht mal was nächsten Monat ist! Aber ich weiß, dass mich die Zusammenarbeit mit Film-Menschen sehr inspiriert und ich möchte mich nächstes Jahr sehr auf die Arbeit als Kostümbildnerin konzentrieren.  

Eventuell kommt noch ein Master. Ich will aber auch an weiteren kreativen und freien Projekten arbeiten. 

Behind the Scenes! Fototermin mit Dominic Rauh. Foto: © Fabian Raisch.

War es schon immer dein Wunsch Designerin zu werden? 

Ich war 13 als ich mit dem Nähen angefangen habe und ich habe mich immer mit den Outfits meiner Mitmenschen auseinandergesetzt. Ganz unterbewusst habe ich die einzelnen Teile fokussiert und konnte die Details später genau wiedergeben. Es waren nicht die Nasen oder Frisuren, die mir in Erinnerung geblieben sind, sondern immer die Outfits.  

Nach dem Abitur ging ich auf eine dreimonatige Neuseelandreise und wurde auch dort oft gefragt, was denn nun danach kommt. Ein BWL-Studium konnte ich mir nicht vorstellen und zuhause angekommen, wollte ich meiner Leidenschaft nachgehen.   

Trends setzen! Wie schafft man das als Designer:in? 

Ich bin keine Trendsetterin und ich bin auch kein Fan von Trends.  

Als Designer:in beobachtet man viel und gibt ein Stimmungsbild wieder. Man rezipiert bereits Da gewesenes und interpretiert dieses neu. Hinzu kommt die Umsetzung der eigenen Ästhetik. 

Schlussendlich merkt man dann gar nicht, wenn man Trends setzt. Es entwickelt sich einfach: Es ist ein organischer Prozess.  

Strebst du deine eigene Brand an? 

Ich würde mich sehr über eine eigene Brand freuen, aber ich bin mir nicht sicher, ob meine Kleidung tatsächlich tragbar ist.  

Wie würdest du deinen Designs-Stil beschreiben? 

Ich würde sagen, dass ich sehr reduziert, mit klaren Schnitten und wenig Farbe arbeite. Doch zuletzt hat mir eine Freundin die Nachricht geschickt, dass die Welt immer farbloser wird, was mich sehr traurig gestimmt hat. Nun habe ich wieder Lust auf mehr Farbe, auch in meiner persönlichen Garderobe.  

Woher nimmst du deine Inspiration? 

Die Grundidee kommt immer von verschiedenen Menschen, wie beispielsweise von Freund:innen oder anderen Designer:innen wie Margiela, dann folgt die Recherche und zum Schluss kommt dann das Kleidungsstück zusammen.  

Die Designerin bereitet das Model hinter den Kulissen für den Videodreh „Views Vision Variation“ vor.
Foto: © Dominic Rauh.

Wie entwickelst du eine Kollektion? 

Zunächst kommt die Idee für eine Kollektion, dann steht sehr viel Recherche an. Wenn wir nun von der Kollektion „The Loss of Function. The Art of Fashion“ ausgehen, habe ich mich hier mit den Sinnen auseinander gesetzt und mich in jeden einzelnen Sinn genauestens eingelesen. Danach kam die Arbeit an den Outfits. Bei dem Outfit für unseren Sehsinn hatte ich zunächst die Überlegung etwas verkehrt herum zu entwerfen, da ja das gesehene Bild verkehrt herum auf die Netzhaut projiziert wird. Doch den Gedanken habe ich wieder verworfen. Es ist also immer ein Vor und Zurück. Ich stelle mir immer sehr viele Fragen und dann suche ich mit dem Kleidungsstück Antworten darauf.  

Der Austausch mit anderen Designer:innen hilft mir sehr beim Entwickeln. Sobald die Grundidee steht, fange ich dann an zu nähen. Wenn das fertige Kleidungsstück dann da ist und vom Model getragen wird, ist es ein magischer Moment. Denn das ist dann der Moment, in dem dem Piece Leben eingehaucht wird.  

Liebe Han, besten Dank für deine Zeit und den Einblick in dein Schaffen! Wir freuen uns schon sehr auf die Zeit in Berlin und freuen uns auf weitere gemeinsame Projekte.  
 

Für alle Werke und Fotografien gilt © Ngoc Han Hoang.

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