Protestplakat zur Performance von TransNation Art in Tübingen
Künstler*innen

„Bei Mord und Gewalt muss man seine Stimme erheben“ – eine Protestaktion von Tübinger Künstler*innen für ein Land Südostasiens

Am 1. Februar 2021, dem Tag, an dem das neue Parlament Myanmars seine Arbeit beginnen sollte, kam es durch das burmesische Militär zu einem Putsch. Die Wahl im November 2020 hatte Aung San Suu Kyi bzw. ihre Partei Nationale Liga für Demokratie (NLD) zur Siegerin erklärt. Die langanhaltende Kritik und der Vorwurf des Wahlbetruges, durch die Militärjunta unter Oberbefehlshaber Min Aung Hlaing, führte letztlich zum brutal blutigen Militärcoup. Aber was hat das mit Kunst zu tun?

Der Hintergrund

Die Geschichte um die Politik Myanmars ist sicher keine einfache und soll deshalb nur skizziert werden. Seit 1962 steht das Land unter einer Militärdiktatur. Aung San Suu Kyi gewann bereits 1990 die vom Militär zugelassenen Wahlen. Die Junta weigerte sich dennoch die Führung des Landes abzugeben und verpasste Aung San Suu Kyi 15 Jahre Hausarrest.

Seither gab es immer wieder Aufbegehren seitens des myanmarischen Volkes, beispielsweise 2007 gegen die herrschende Unterdrückung der Militärs. Demonstranten sowie ideologische oder politische Anführer wurden durch die Junta niedergeschlagen und festgenommen.

2010 wurden die ersten Wahlen seit 1990 durch das Militär zugelassen. Mit diesen endete (Ende des Jahres 2010) offiziell die herrschende Diktatur. Durch gewählte Stellvertreter*innen jedoch verfasste das militärische Oberhaupt die myanmarische Verfassung unter dem Deckmantel einer Reform, bei der die Machtstellung des Militärs durch das Gesetz gefestigt wurde. Zwischen 2011 und 2015 fanden demokratische Reformen statt, was zur Folge hatte, dass im Jahr 2015 tatsächlich die ersten als frei bewerteten Wahlen erfolgen konnten. Auch diese Parlamentswahl führte zu einem Sieg für Suu Kyi und ihrer Partei – dennoch behielt das Militär einen erheblichen Einfluss: Beispielsweise wurde ein Viertel der Abgeordneten durch das Militär bestimmt.

Ereignisse im letzten Jahr

Am 8. November 2020 gewann Suu Kyi mit ihrer Partei nach offiziellen Angaben erneut die Parlamentswahlen mit einer absoluten Mehrheit und einer Wahlbeteiligung von ca. 70%, während die vom Militär unterstützte Partei Union Solidarity and Development Party (USDP) stark geschwächt wurde. Das bedeutet, dass die NLD die Anzahl von 396 Sitzen von insgesamt 476 Sitzen gewann, während die USDP nur noch 33 Sitze zur Verfügung besaß. Damit hatte die NLD eine noch größere Anzahl als im Jahr 2015. Daraufhin warf das Militär der NLD Wahlbetrug vor. Gerüchte über einen aufkommenden Putsch hatte das Militär anfangs noch bestritten.

Am Morgen des 1. Februar wurde Suu Kyi sowie weitere Regierungsmitglieder durch die Junta festgenommen. Es gab Berichte, dass sogar das Internet und die Telekommunikation einbrachen. Das Militär kündigte an vorübergehend die Staatsgewalt zu übernehmen und erst nach erneuten Wahlen die Macht wieder an die zivile Regierung zu übertragen. Myint Swe, als Repräsentant des Militärs in der Regierung, wurde als amtierender Staatspräsident eingesetzt. Nach seinem Amtsantritt rief er einen einjährigen Ausnahmezustand aus.

Folgen

Infolge der schrecklichen Militärdiktatur wurden seit dem 1. Februar über 3300 Menschen in Myanmar inhaftiert. Mindestens 788 Menschen kamen unter der blutigen Herrschaft bisher zu Tode, da das Militär weiterhin brutale Methoden anwendet, um Proteste gegen den Putsch niederzuschlagen.1

Es sind Zustände, die die Freiheit, die Demokratie und das Volk Myanmars unterdrücken. Auch mich erreichten Nachrichten des burmesischen Künstlers Aye Ko, der über die Lage berichtete und sie, zu Recht, verurteilte. Er und viele weitere Künstler*innen, seien sie aus Südostasien oder Deutschland, versuchen die schreckliche Situation Myanmars in das Licht der Öffentlichkeit zu rücken, Unterstützung im Krieg gegen die Diktatur und das Militär einzufordern, sowie weitere Menschen für ihren Zweck zu mobilisieren.

Abbildung des Manifests von Transnation Art
Abbildung zum Manifest von TransNation Art.

Die Gründung von TransNation Art

Aus der Reaktion der Zustände in Myanmar heraus gründete sich Transnational coalition for arts, kurz TransNation Art, mit einem Manifest. Sie beschreiben sich als „eine weltumspannende Organisation aus der Empörung über diese perfide Menschenrechtsverletzung“. TransNation Art setzt sich dabei aus mind. 70 Kunstorganisationen und noch mehr Einzelpersonen aus aller Welt zusammen. Dabei tragen sowohl Einzelkünstler*innen aus unserer Region (Tübingen und Reutlingen) als auch Kunstorganisationen oder -kollektive (TheaterPädagogikZentrum B-W, PACT Performance Art Collective Tübingen und kunstort ELEVEN artspace in Starzach) die Organisation mit.

Ihr Ziel ist es, sich weltweit für mehr Menschenrechte sowie die Freiheit von Kunst und Meinung einzusetzen. „TRANSNATION is a necessary and immediate response to the threats made against the lives and democratic freedoms of our fellow artists, cultural workers, and people around the world. We stand in solidarity with all those oppressed by authoritarian regimes in their struggle for democracy and social justice. We are devoted to protecting all artists, cultural workers, and people against any form of state harassment and repression. We will defend civil liberties and uphold the people’s democracy. Upon this occasion, TRANSNATION demands the Myanmar military – whose violent coup intends to reinstate a military dictatorship – end their brutality and martial law.”2

Plakat zur Performance in Tübingen
Plakat zur Kun(st)dgebung in Tübingen, 2021 ©️ TransNation Art.

Kundgebung durch TransNation Art in Tübingen

In den Schaufenstern der ehemaligen Osiander-Filiale auf dem Holzmarkt in Tübingen waren bis zum 20. April Plakate sowie Videos von Performances der Protestbewegung in Myanmar ausgestellt. Gestaltet wurden diese von Künstler*innen des New Zero Art Space aus Yangon, einer Partnerorganisation der TransNation Art. Ebenfalls entwickelten sie Performances zur Situation in Myanmar als Form des künstlerischen Protests, welche sie auf den Straßen Yangons und im Institut France aufführten. Weitere Leerstandbespielungen in Tübingen und Rottenburg sind geplant.

Am 25. April um 17 Uhr organisierten Andreas Hoffmann, Anne Kathrin Klatt, Frank Fierke und Paul Siemt, unterstützt durch die TransNation Art, eine „Solidaritätskund/stgebung“ auf dem Holzmarkt in Tübingen. Die Künstler*innen hatten den Holzmarkt in gewisser Weise bereits vorbereitet: Kleine Plakate mit Stellungnahmen zur Situation waren oberhalb der Treppen zur Stiftskirche am Boden befestigt, bemalte Banner wurden aufgestellt. Zwei Künstlerinnen, Anne Kathrin Klatt, in einem Kostüm aus einem eigenen Stück, und eine birmanische Künstlerin, in burmesischer Tracht, präsentierten sich erhöht und hielten dabei Protestplakate in der Hand. Die Kundgebung begann mit einer Erklärung der aktuellen Lage in Myanmar sowie einer Rede des Künstlers Andreas Hoffman. Daran schloss sich Martin Gross, Landesbezirksleiter der ver.di, mit einer eigenen Rede an. Er plädierte für einen Kampf für die Demokratie und eine Ablehnung der illegalen Militärorganisation. Des Weiteren verurteilte er das Schweigen der Modefirmen. Denn die Modefirmen, die wichtige Arbeitsplätze und Bezugspunkte für die Menschen Myanmars darstellen, nahmen wenig Stellung zu der Situation; Ferner noch pausierten sie die Vergabe von Aufträgen an das Land Myanmar. Doch darauf nahm Gross Bezug, bei einer solchen kritischen Lage könne man nicht seine Stimme verlieren, könne man nicht schweigen, „bei Mord und Gewalt muss man seine Stimme erheben.“ Nicht nur werden die Demonstranten verhaftet, ihre Namen landen zusätzlich auf schwarzen Listen der Regierung, sie werden verfolgt und gefoltert. Es ist wichtig, die Demokratie zu verteidigen, „das Morden in Myanmar muss ein Ende haben“.

Martin Gross und Andreas Hoffmann vor der Stiftskirche.
Andreas Hoffmann und Martin Gross vor den Reden, 2021. Foto: Günter Maier.

Performance vor der Stiftskirche

Anschließend wurde von Andreas Hoffmann und Paul Siemt in Kooperation mit Frank Fierke eine Performance vor der Stiftskirche aufgeführt. Im Fokus standen dabei Hoffmann und Siemt, jeweils in Schwarz und Weiß gekleidet und einander zugewandt. Zwischen den beiden entstand eine Balance, bedingt durch ein Netz aus roten Fäden durch das sie verbunden wurden. Sachte wiegten sie im Gleichgewicht hin und her, bis Frank Fierke ins Spiel kam. Fierke, bereits bekannt durch seine luftobjekte, näherte sich zunächst Hoffmann und umhüllte diesen vollständig mit einem weißen Tuch. Das weiße Luftobjekt um Hoffmann wurde durch eine stetige Luftzufuhr weiter aufgeblasen bis sich eine Art Ballon um ihn herum ausbildete. Die weiße Hülle, beeinträchtigt von der Luftzufuhr und des Schaffens Hoffmanns im Inneren des Objektes, bewegte sich sachte hin und her; formte sich unterschiedlich nach den Seiten aus. Währenddessen widmete sich Fierke auf der anderen Seite Siemt, welchen er in eine gelbe Plastikfolie hüllte. Im Gegensatz zu dem weißen Pendant um Hoffmann, wurde bei Siemt und seiner Plastikfolie die Luft immer weiter entzogen. Man konnte beobachten, wie die Luft, zwischen Künstler und Hülle, immer mehr verschwand, bis der Künstler letztlich fast wie eingeschweißt und isoliert in gelber Folie dort stand. Einer Waage gleich drohte die Balance nun Ungleichheit zu kippen: In diesem Kontrast fing das weiße Luftobjekt immer stärker an sich zu bewegen; Hände und Füße waren dabei immer wieder an der Objektwand auszumachen während Siemt schlussendlich den letzten Halt verlor und zu Boden fiel. Begleitet wurde die fast 10 minütige Performance von brummenden Geräuschen, die weißem Rauschen oder unterbrochenen Radiosignalen ähnelten. Mit dem Fall Siemts verstummte der Ton und die Performance endete. Sie vollends zu beschreiben fällt sehr schwer, die Atmosphäre, bestimmt durch die Aktion und dem abgespielten Sound, sorgte bei mir für ein Gefühl der Hilflosigkeit und des Unbehagens. 

  • Performance vor der Stiftskirche in Tübingen.
  • Performance vor der Stiftskirche in Tübingen.
  • Performance vor der Stiftskirche in Tübingen.

Zu guter Letzt nahm eine birmanische Künstlerin, die sehr knapp noch am Wochenende aus Myanmar nach Deutschland kam, selbst Bezug zu der aktuellen Lage in ihrem Heimatland. Neben den schrecklichen Verfolgungen, denen auch Freunde und Familienangehörige zum Opfer fielen, berichtete sie von einer sehr guten Freundin, die nicht nur festgenommen, sondern im Gefängnis sexuell belästigt und ebenfalls gefoltert wurde. Sie möchte darauf aufmerksam machen, wie mit friedlichen Protestanten umgegangen wird; junge Menschen sterben tagtäglich, weil sie sich für die Demokratie einsetzen. Immer mehr Menschen beteiligen sich deshalb an den Protesten über zivilen Ungehorsam (Civil Disobediance Movement, CDM) als Form politischer Partizipation, um dadurch mehr Aufmerksamkeit auf diese kritische Lage zu lenken. Doch auch dafür werden die Bürger*innen weggesperrt. Sie setzt sich für ein demokratisches Myanmar ein und bittet auch alle, die möchten, sich in dieser Bewegung zu beteiligen und solidarisch an die Seite der Menschen Myanmars zu stellen.

Rede einer birmanischen Künstlerin vor der Stiftskirche.
Rede einer jungen birmanischen Künstlerin, 2021. Foto: Günter Maier.

Fazit

Kunst war schon immer ein Medium der Politik, des Protests und der Gemeinschaft. Es lassen sich schon frühe Werke, beispielsweise aus der Frühen Neuzeit, finden, in denen zeitgenössische politische Standpunkte und Mahnungen verarbeitet werden. Kunst ist ein flexibles Medium; wie es von der Gesellschaft, den Normen und Traditionen beeinflusst wird, hat auch sie ihre Wirkung in der Gesellschaft. Beides bedingt und formt sich. Die Möglichkeiten der Einflussnahme sind also für jeden nahezu greifbar.

Diese Solidarität zu dem Volk Myanmars und der Verweigerung des Militärjuntas kann und soll in Kunstwerken und Performances ausgedrückt werden.  Die Freiheit und Demokratie unserer Mitmenschen und Künstler*innen ist bedroht – gemeinsam soll die rechtmäßige Regierung unterstützt und ein demokratisches Myanmar errichtet werden. In verschiedenen Aktionen rufen TransNation Art (Instagram: @transnation.art) zu künstlerischen Unterstützungen auf. Werdet Teil in dem Kampf um eine bessere Welt: „the revolution by myanmar people must win“, so die birmanische Künstlerin.

  • Protestplakat zur Performance von TransNation Art in Tübingen
  • Protestplakat zur Performance von TransNation Art in Tübingen
  • Protestplakat zur Performance von TransNation Art in Tübingen
  • Protestplakat zur Performance von TransNation Art in Tübingen

1 Reuters: “Myanmar junta declares martial law in town after attacks on bank, police”https://www.reuters.com/world/asia-pacific/thousands-suspended-myanmar-universities-junta-targets-education-2021-05-10/ [Zuletzt aufgerufen: 14.05.2021].

 2 Auszug aus dem Manifest; Online abzurufen unter: https://ilkatheurich.blogspot.com/p/transnation.html [letzter Zugriff 14.05.2021].

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