Illarion Michajlowitsch Prjanischnikow. Osterprozession. 1893, 101,5x165cm, Öl auf Leinwand. © Staatliches Russisches Museum St. Petersburg, Foto: gemeinfrei.
Kunstszene

Wer sieht was? Osterprozession von Illarion Michajlowitsch Prjanischnikow

Ein Ostermotiv ohne Auferstehung? Im russischen Realismus findet Prjanischnikow andere Wege, die Osterbotschaft zu vermitteln. Unsere Autor*innen haben ganz genau hingeschaut.

Der siegreich in den Himmel aufsteigende Christus oder frühlingshaft-bunte Darstellungen von Osterfeiern sind die typischen Bildmotive, die die Suche nach Ostermotiven in der Kunstgeschichte auswirft. Ganz anders ist da Illarion Michajlowitsch Prjanischnikow mit seiner „Osterprozession“. Als Maler des Realismus in Russland wandte er sich gegen die Idealisierung von Klassizismus und Romantik. Ziel der Malerei: Das Leben zeigen, wie es ist. Dann bleibt doch eigentlich wenig Interpretationsspielraum, oder? Unsere Autor*innen zeigen die Deutungsmöglichkeiten auf, die dem Kunstwerk innewohnen. Viel Spaß beim Lesen und schöne Ostertage!

Illarion Michajlowitsch Prjanischnikow: Osterprozession (1893, 101,5x165cm, Öl auf Leinwand, Staatliches Russisches Museum St. Petersburg)
Illarion Michajlowitsch Prjanischnikow: Osterprozession (1893, 101,5x165cm, Öl auf Leinwand, Staatliches Russisches Museum St. Petersburg)

Maik – Auferstehung einmal anders

Eingebettet in eine Flusslandschaft breitet sich eine Menschenmenge im Vordergrund aus, sie ist dichtgedrängt. Drei Stellvertreterfiguren sind deutlich herausgearbeitet: eine Frau mittleren Alters im linken Bilddrittel, ein junger Mann in der Bildmitte und eine alte Frau rechts davon. Alle drei sind in einfache, überwiegend dunkle Kleidung gehüllt und blicken sorgenvoll zu Boden. Sie markieren so die düstere Bildstimmung im Vordergrund. Der grobe Pinselstrich und die starken Kontraste zwischen Licht und Schatten unterstreichen diesen Eindruck. Zwischen den Figuren werden Ikonen und ein Kreuz getragen – die dargestellte Gesellschaft ist eigentlich kein Trauerzug, sondern eine Osterprozession! Ostern – eigentlich ein freudiger Anlass, an dem die Figuren im Bild aber scheinbar nur unter größten Mühen teilnehmen können.

Im Mittelgrund des Bildes, der etwa mit dem aufgespannten Schirm am rechten Rand beginnt, wandelt sich die Szene: Die Dargestellten sind in hellen Farben gekleidet, der Pinselstrich ist weicher, die Figurengruppe scheint fast einem impressionistischen Gemälde entsprungen. Aufrecht stehend, blicken sie zurück in den Bildhintergrund. Dieser ist deutlich durch den Verlauf des Flusses abgegrenzt und erinnert an ein anderes Genre: In hellen Farben gehalten steht die Kirche in eine liebliche Landschaft gebettet da. Die Verheißung des Osterfestes, die Auferstehung Christi und damit die Erlösung aller Menschen stellt Illarion Michajlowitsch Prjanischnikow über die verschiedenen Szenen dar: Die Kirche im Hintergrund verweist auf das Himmelreich, das in krassem Gegensatz zum Vordergrund und dem harten Alltag der Menschen steht.

Schaut man nun genauer hin, fallen weitere Details auf, die die Bildaussage unterstützen und die kompositorisch so streng getrennt erscheinenden Bereiche verbinden: Das Fehlen des an Ostern farbenfroh gekleideten Priesters bei der Prozession zum Beispiel. Oder die Frauenfigur mit dem schwarzen Schirm am rechten Rand: Über eine Kompositionslinie fällt ihr Blick über das Kreuz zur Kirche im Hintergrund, also vom irdischen Dasein zur Erlösung. Dazu muss sie aber erst den schwarzen Schirm heben, der ihr sonst diesen Anblick verbergen würde.  

Vanessa – Der Weg zu Gott

Entlang eines ruhigen, aber ausufernden Flusses schieben sich die Menschenmassen scheinbar am Blick der Betrachtenden vorbei. Den Blick gesenkt und ganz bei sich, bemerken sie nicht, was um sie herum geschieht. Der Glaube bringt sie wohl dazu diesen Weg zu gehen. Darauf lassen einige Ikonen schließen, die manche der Teilnehmenden bei sich tragen.
Im Hintergrund erkennen wir einen sakralen Bau, der alleinstehend am anderen Ufer des Flusses liegt. Obwohl auch dort Menschen zu erkennen sind, scheint das Haus Gottes für die Menschen im Vordergrund unerreichbar zu sein. Hat die Prozession etwa ihren Ausgangspunkt dort? Hat das Geschehen nichts mit der Kirche zu tun? Oder liegt sie als unerreichbares Ziel im Hintergrund?

Der Fluss scheint beinahe die beiden Welten, das Göttliche und das Menschliche, zu trennen. Ähnlich der Flucht aus Ägypten, muss der Fluss durchschritten werden, um das heilige Land zu erreichen. Spielt die Darstellung mit diesem Gedanken? 

Die Menschen scheinen jedenfalls nicht voller Freude zu sein, sondern wirken konzentriert, besonnen und beherrscht. Ein grundlegender Gedanke einiger Glaubensrichtungen: Buße und das Hervorrufen eigenen Leids, um Gott aufzuzeigen, dass man es wert ist, geliebt zu werden. 

Julia – Menschenmassen und religiöse Hingabe

Zu welchem Zweck sich diese bunte Menschentraube in Bewegung gesetzt hat, wird schon auf den ersten Blick deutlich. Zahlreiche Ikonentafeln und ein monumentales Kreuz geben diese christliche Prozession unmissverständlich als solche zu erkennen. Folgen wir dem Ursprung des Menschenstroms weiter gen Hintergrund, offenbart sich eine vergleichbare Szene am anderen Ufer des Flusses. Dort wartet bereits die nächste Menschentraube zur Überfahrt, während sich ein prallgefülltes Boot schon auf halber Strecke befindet.

In diesem doppelten Fokus auf Menschenansammlungen scheint subtil und doch ganz offensichtlich betont, welche Rolle religiöse Hingabe hier spielt. Die Kirche im Hintergrund und die demütig gesenkten Köpfe der Prozessierenden im Vordergrund unterstützen diesen Grundtenor zusätzlich. Gleichzeitig ist es wiederum erstaunlich und sogar ein wenig skurril, dass gerade die Ikone der markanten Frauengestalt im Vordergrund zielsicher verdeckt wird – und das von dem Kopf eines sich bückenden Mannes. Bei aller Ernsthaftigkeit scheint sich an dieser Stelle sogar eine Spur Ironie breit zu machen.

Mit Blick auf die aktuelle Lage wird dieser Eindruck noch in einem völlig anderen Ausmaß verstärkt, wenn man sich doch tatsächlich bei dem Gedanken erwischt: pilgernde Massen – und das ganz ohne Maske?!

Sara – Der Fluss als Symbol des neuen Lebens

Im ersten Moment fällt mir die Bildaufteilung ins Auge. Denn, hielte man ein Blatt Papier zur Hälfte über das Bild, könnte man meinen der Künstler bannte in impressionistischer Manier – mit flüchtigem Duktus und flächigen Farbgründen – einen belanglosen Sonntagsausflug der Bürgerschaft auf Leinwand. So dominiert in der oberen Bildhälfte der sich von links nach rechts schlängelnde Fluss und eine umzäunte Kirche, die sich der Bauform nach an den ukrainischen Barockstil anlehnt, was auf einen Schauplatz im östlichen Europa oder Russland schließen lässt. Betrachtet man nun den unteren Teil des Gemäldes und damit die Malerei in Gänze wird einem schnell klar, dass es sich in der Szenerie nicht um einen Badetag handelt, sondern etwas prozessiert wird. Ikonen, die von männlichen wie auch weiblichen Figuren getragen werden und ein vergoldetes orthodoxes Kreuz, aus der Menschenmenge ragend, sprechen für eine christliche Prozession und bestätigen damit die obig genannte Vermutung der geografischen Einordnung. Die Dynamik der Prozession steigert sich aus der rechten unteren Bildhälfte zur linken im unteren Bilddrittel und endet für die Betrachter*innen mit einer Rückenfigur, die ein (mutmaßliches) Heiligenbild zu küssen scheint. Da der Kuss in der orthodoxen Glaubensfrage eine besondere Rolle spielt ist er auch in diesem Zusammenhang, der offensichtlich im kirchlichen Rahmen ausgeführten Prozession, nichts außergewöhnliches. Dennoch bekräftigt dieser Moment der innigen Frömmigkeit die religiöse Botschaft des Malers.

Man darf sich dennoch fragen, weshalb der Künstler diese forsche Bildaufteilung wählte, wenn es in diesem Gemälde vorrangig um die, in einem höheren kirchlichen Festrahmen abgehaltene, Prozession gehen soll. Hier könnte natürlich die Zeit der Entstehung (Impressionismus) eine Rolle spielen, in der gerne mit Perspektiven experimentiert wurde. Es könnte darüber hinaus aber auch eine tiefere Symbolik dahinter stecken, das Gemälde zu Dreiteilen. Primär erinnert das natürlich sofort an die Dreifaltigkeit. Weiter kann man die einzelnen Symbole und Zeichen deuten, das obere Bilddrittel der Institution Kirche zuordnen, dem unteren Bilddrittel ist die aktive Kirchengemeinschaft überlassen und der Bildmitte gehört der Fluss. Der Fluss mit dem Hauptaugenmerk auf das Wasser, als Symbol der Reinheit und vor allem des neuen Lebens und was passt besser zu Ostern, ob der orthodoxen oder der westlichen Kirche zugeordnet, als das Osterfest, das die Auferstehung und damit das neue “Leben” Jesu Christi feiert. 

Komposition voller Symbolik

Ob der Bildinhalt nun auf den ersten Blick ersichtlich scheint oder nicht – unsere Autor*innen sind sich einig: Da steckt mehr dahinter!

Farbauftrag, Lichtführung und Pinselduktus, so sind sich Sara und Maik einig, tragen erheblich dazu bei, den Blick der Betrachtenden einzufangen und zu führen: vom pastosen Auftrag im Vordergrund bis zum flächigen Auftrag in der Landschaftsaussicht.

Die Symbolik ist Julia und Vanessa besonders ins Auge gesprungen. Kreuz, Kirche, Fluss – diese Bildelemente appellieren an das kulturelle Gedächtnis und öffnen ein Lexikon der Bedeutungen bei den Betrachtenden.

Das orthodoxe Osterfest, auf das das Bild sich bezieht, wird übrigens erst am 2. Mai 2021 gefeiert. Der Anlass ist aber derselbe wie bei den Feiertagen am 4. und 5. April. In dem Sinne wünschen wir euch zwei schöne Ostertage!

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