Ugge Bärtle – ein Vertreter der klassischen Moderne in Tübingen

Der Nachkriegskünstler ist bis heute eng verknüpft mit dem Tübinger Kunstleben. Wir haben dem Künstlerhaus im Sommer einen Besuch abgestattet.

Wenn das Wort Nachkriegskunst fällt, rümpft so manch eine*r erstmal die Nase. Nachkriegskunst…was ist das schon? 

In Tübingen 1907 geboren, ging Eugen, genannt Ugge Bärtle nach seiner Steinmetzlehre bei Karl Merz nach München um dort ein Studium der Bildhauerei an der Akademie der bildenden Künste zu beginnen und wirkte anschließend bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Hamburg. Das Atelier von Bomben zerstört, eingezogen in den Kriegsdienst und 1945/46 in französischer Kriegsgefangenschaft, zog es den nun heimatlosen Künstler mit seiner Familie zurück in das Elternhaus nach Tübingen. Die Herrenbergerstraße 12 war seitdem Wirkungsstätte, Atelier und ab den 1980er-Jahren auch Ausstellungsraum zugleich. 

Herrenbergerstraße 12

Blick in die oberen Räume mit Büste. Ugge Bärtle. Portraitbüste von Ewald Schrade, Bronze und Blei, 1977-80, Ugge-Bärtle-Haus©. Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm.
Blick in die oberen Räume mit Büste. Ugge Bärtle. Portraitbüste von Ewald Schrade, Bronze und Blei, 1977-80, Ugge-Bärtle-Haus©. Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm.

Gänzlich ohne große Hinweisschilder schlummert dort heute eine Schatzkammer. Das künstlerische Vermächtnis von Ugge Bärtle findet sich hier in mehreren Räumlichkeiten samt Skulpturengarten. Seine Tochter Eva Scharlowski – in diesem Haus wohnhaft – bietet der Öffentlichkeit zweimal die Woche die Möglichkeit, Einblicke zu erhaschen und den Ort zu erkunden. Bei unserem Treffen beschreibt sie einen Vater, der für sie vielmehr einen künstlerisch tätigen Handwerker darstellt als einen entrückten Kunstschaffenden. Die Beschäftigung mit der Kunst ihres Vaters ist vor allem eine Verknüpfung mit ihrer eigenen Familiengeschichte.

Eva Scharlowski, Tochter von Ugge Bärtle im Skulpturengarten. Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm.
Eva Scharlowski, Tochter von Ugge Bärtle im Skulpturengarten, 2020. Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm.

Im Sommer, dem Zeitpunkt unseres Besuchs, grünt alles, es zwitschern Vögel in den Bäumen und Bärtles Plastiken und Skulpturen scheinen mit dem Garten und der Natur eine Einheit zu bilden. Alles wirkt leicht verwittert, Moos bewachsen, von Efeu umspielt und fast vergessen. Der sogenannte Skulpturengarten ist nicht groß, aber für einen privaten Garten in fußläufiger Nähe zur Altstadt scheint er riesig. Diesen sowie alle Ausstellungsräume, gestaltete der Künstler Ende der 1980er-Jahre nach seinem Ermessen und wollte die Öffentlichkeit hierdurch an seinem Werk teilhaben lassen. Es scheint aber, als würde im Ugge-Bärtle-Haus nicht ganz so oft jemand vorbei kommen, wie das Gästebuch und die Aussagen der Tochter dokumentieren. 

Ugge Bärtle in Tübingen

Ugge Bärtle, sein Name ist bis heute eng verknüpft mit dem Tübinger Kunstleben. Er begegnet einem nicht nur bei Stadtrundgängen, sondern auch im Zusammenhang mit dem Tübinger Künstlerbund und etwaigen Recherchearbeiten zur Künstler*innenszene Tübingens.

Der Künstler mag vielen alteingesessenen Bürger*innen, vor allem oder ausschließlich wegen seiner in der Salzstadelgasse stehenden Skulptur des Gôg, einem Weinbauer der Unterstadt, ein Begriff sein. Dieser kleine Ausschnitt aus seinem Lebenswerk ist aber weder repräsentativ noch augenblicklich herausragend, denn — so stellten wir beim Besuch des kleinen „Museums” fest — Ugge Bärtles Kunst birgt so viel mehr als den statischen Einzelgänger. 

Blick in die Salzstadelgassse Tübingen mit dem Gôg von Ugge Bärtle
Blick in die Salzstadelgassse Tübingen mit dem Wengerter (Gôg) von Ugge Bärtle. Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm.

Obwohl er schon vor den 1940er-Jahren künstlerisch tätig war (sein Jugendwerk wurde in den Kriegswirren vernichtet), begann er sein Hauptwerk in den Nachkriegsjahren und zählt damit zu den bedeutendsten Nachkriegskünstlern Tübingens. Zu Studienzeiten kristallisierte sich die Begeisterung für das Medium Bronze und die Beschäftigung mit der Verschmelzung von Ross und Reiter heraus – seine erste Bronzearbeit, ein Reiter als Heiliger Georg entstand in den 1930er-Jahren. Die erste großformatige Bronze der stehende Jüngling Georg, 1930–33, erhielt damals den Preis der Stadt München und steht heute im Skulpturengarten des Ugge-Bärtle-Hauses in Tübingen. Medial breit aufgestellt hatte sich der Künstler nach 1946. Es entstanden neben der Bildhauerei sukzessive andere Formen von Kunst, wie Holzschnitte, Zeichnungen, Radierungen, Resopalritzungen und Lithographien. Die menschliche Gestalt und auch die Bildhauerei spielte hier aber Zeit seines Lebens einen der prägendsten Aspekte im Œuvre Ugge Bärtles

Ugge Bärtle. Jüngling Georg, 1930, Bronze, Ugge-Bärtle-Haus©. Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm.
Ugge Bärtle. Jüngling Georg, 1930, Bronze, Ugge-Bärtle-Haus©. Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm.

Nachkriegsjahre

In den 1950er-Jahren passierte viel in Bärtles künstlerischem Wirken. Er reiste schon immer gerne in andere Länder, ließ sich inspirieren von vergangenen und aktuellen Kulturen, die dort auf ihn warteten. Häufig ergründete er sich die Länder zu Fuß, wanderte schon in den Vorkriegsjahren durch Italien und Griechenland, entdeckte dort die Archaik griechischer Antiken und etruskischer Kunst. 

Ugge Bärtle. Chthonisches Paar, 1955/1956, Platanenholz, Ugge-Bärtle-Haus©. Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm.
Ugge Bärtle. Chthonisches Paar, 1955/1956, Platanenholz, Ugge-Bärtle-Haus©. Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm.

1951 erfolgte die Gründung der Künstlergemeinschaft Ellipse in seinem Atelier. Der Austausch mit Künstlerkolleg*innen und die intensivierte Auseinandersetzung mit der Klassischen Moderne begann. Es folgte 1953 ein Studienaufenthalt in Paris, er traf dort Pablo Picasso und Georges Braque. Die Begegnung mit diesen zwei Schlüsselfiguren der Klassischen Moderne beeinflusste Ugge Bärtles Werk nachhaltig. Seine Figuren, die immer eine Mischung aus Urzeit und Archaik in sich trugen, wurden reduzierter, teils kubistisch. Bis zu seinen letzten Arbeiten subtrahierte er die Form der menschlichen Gestalt und erschuf abstrakte Gebilde, die sowohl in der Bildhauerei als auch auf dem Papier umgesetzt wurden. 

Plastiken von Ugge Bärtle mit Blick in das Bücherregal, Ugge-Bärtle-Haus©. Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm.
Plastiken von Ugge Bärtle mit Blick in das Bücherregal, Ugge-Bärtle-Haus©. Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm.

Die lithographischen Arbeiten, unter anderem aus seiner Serie Föhn, zeigen beispielhaft den Umgang und die Auseinandersetzung mit der abstrakten Kunst und einem späten analytischen Kubismus. Momentaufnahmen, die vor allem aus von Kopfschmerzen geprägten Phasen entstanden. Die Blätter sind beherrscht von geometrischen Formen, die sich aneinander farblich sowie figürlich anpassen, entgegensetzen, im Widerspruch zueinander stehen oder von einem plötzlichen Pinselstrich durchdrungen werden. 

Menschliche Gestalt

Bei all der Reduzierung von Form war sein liebstes Thema das der menschlichen Gestalt, die Verschmelzung von Tier und Reiter ist nie gänzlich aus seinem Werk verschwunden. Bei Arbeiten auf Papier setzte Ugge Bärtle Menschen häufig in Form von weiblichen Körpern um. Es entstanden Ein-Zwei-Linien Zeichnungen, die der Künstler oftmals mit geschlossenen Augen auf das Papier brachte. Die entstandenen Grafiken dienten dabei als eigenständige Kunstwerke oder als Skizzen für seine – immer noch im Fokus stehenden – plastischen Werke. 

Frauenakte. Ein-Zwei-Linien Zeichnungen von Ugge Bärtle. Ugge-Bärtle-Haus©. Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm.
Ein-Zwei-Linien Zeichnungen von Ugge Bärtle. Ugge-Bärtle-Haus©. Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm.

Neben der Bearbeitung des heimischen Gauinger Travertin (Kalkstein) und Bronzegüssen arbeitete Bärtle mit Holz und Ton (vor allem im Zusammenhang mit Portraitbüsten). Trotz der reduktiven Umrisse seiner Reiter und Einzelfiguren steht die Körpersprache der Gestalten im Zentrum des Interesses. Die Positionen der Figuren, ob zu Ross oder nicht, spielt hier eine große Rolle. Mal scheinen sie selbstbewusst, mal zermürbt, in sich gekehrt oder expressiv laut. Die bronzenen Gestalten zeigen, trotz fehlender ausgearbeiteter Gesichtszüge, und damit einen Duktus der klassischen Moderne aufgreifend, alltägliche Positionen des menschlichen Seins. Wir sitzen, rennen, knien und stehen, ducken, kauern und wiegen uns. Die Verbindung der Figuren ist der Umgang mit ihnen im Raum. Unsere Wahrnehmung als Rezipient*innen, die hervorgerufenen Emotionen und Assoziationen. Die Einheit von Mensch und Kunst, von Skulptur und Bewegung, Stillstand und beweglicher*m Betrachter*in. 

Ugge Bärtle. Ross und Reiter, Bronze, Ugge-Bärtle-Haus©. Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm.
Ugge Bärtle. Ross und Reiter, Bronze, Ugge-Bärtle-Haus©. Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm.

Der Zahn der Zeit

Geht man durch das Ugge-Bärtle-Haus, fühlt es sich tatsächlich an wie ein Gang durch ein Künstleratelier, nicht museal. Vielleicht möchte die Familie dieses Gefühl bewahren und bewirbt das Haus aus diesem Grund nicht als Museum. Dies kann weder an der Fülle von gezeigten Kunstwerken, noch an mangelnden Räumlichkeiten liegen. Der Rundgang ist unentwegt beherrscht vom Gefühl eines Besuches. Ein Besuch im Haus des Künstlers, das Ugge Bärtle soeben verlassen hat, um in der Stadt einen Kaffee trinken zu gehen. Eine vergessene Brille da, die abgestellte Teekanne dort, das Telefon in der Ecke und herumliegende Stifte samt Ästen in der Vase sind Belege eines ehemals bewohnten Ortes. Vielleicht wollte der Künstler genau das evozieren? Die Besucher*innen sollten durch den Garten wandeln, sich niederlassen, Kunst genießen – auf seine Rückkehr warten? Nur die untrügerischen Zeugnisse der Zeit wie Spinnweben, Vergilbungen der Grafiken an den Wänden, Papierfraß und die etlichen Nachrufe auf den Künstler zeugen von einem nicht mehr lebendigen Ort.

  • Brille von Ugge Bärtle im Atelier des Ugge-Bärtle-Haus©. Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm.
  • Momentaufnahme im Ugge-Bärtle-Haus©. Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm.
  • Blick in die Sitzecke im Ugge-Bärtle-Haus©. Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm.
  • Blick an eine Wand im Ugge-Bärtle-Haus©. Foto: Sara Heinzelmann-Wilhelm.

Laut seiner Tochter Eva Scharlowski ist das Haus noch im gleichen Zustand, in dem Ugge Bärtle dieses zum Zeitpunkt seines Todes am 29.08.1990 verließ. Im Anbetracht der unglaublichen Vielfalt des Nachlasses und auch des augenscheinlich fragwürdigen Zustandes mancher Papierarbeiten liegt die Frage nach der Zukunft der Sammlung nahe. Die Tochter des Künstlers wurde hier sehr deutlich. In ihrer Auffassung könne sich niemand besser um das Vermächtnis eines kreativen Menschen kümmern als dieser Mensch selbst. Auch Zeitgenoss*innen könnten nur einen Bruchteil des Künstlers nachvollziehen und wären nicht in der Lage die Gedanken weiterzuführen. 

Erhalt der Sammlung

Nur — und das sollte hier noch einmal deutlich betont werden — muss und kann man die Gedanken von Ugge Bärtle nicht weiterführen. Stattdessen gilt es sein doch sehr umfängliches Werk zu erhalten! Für die Familie, für Tübingen und für alle anderen Kunstinteressierten. Wenn seitens der Familie keine weitere kunsthistorische Auseinandersetzung (außer jene, der mit dem Künstler befreundeten Kunsthistorikerin Barbara Lipps-Kant) gewünscht ist, sei das zu akzeptieren. Aber der teils desolate Zustand von Grafiken sollte irgendwann angegangen werden. Wenn man das Ugge-Bärtle-Haus als Museum bezeichnen darf, birgt es neben der Zugänglichkeit für die Öffentlichkeit eben auch Verantwortung für das materielle künstlerische Erbe. Damit obliegt diesem vor allem die Aufgabe des Erhalts seiner Sammlung, was als oberstes Gut angesehen werden sollte. Ugge Bärtles Œuvre ist das wert!

Hinweis: Die Ausstellung Neuanfang (16.11.2019–22.03.2020) des Stadtmuseums Tübingen konzentrierte sich auf Positionen verschiedener Künstler*innen der 1950er-Jahre, darunter auch Ugge Bärtle. Unser Blogartikel von Franziska Nieberle dazu: Hier.

Fun Fact: Bei der Recherche zu diesem Artikel stieß Sara auf die Erkenntnis, dass sie jahrelang als Kind (und nachfolgend deren Kind) auf einer Bronze von Ugge Bärtle spielte. Das wasserspeiende Walross im Kinderbecken des Tübinger Freibads wurde 1953 als Auftragsarbeit von keinem geringeren als Ugge Bärtle für die Stadt hergestellt.